Wetter in Ostfriesland  Wie viel Regen fiel letztes Jahr wirklich?

Imke Oltmanns
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Von Imke Oltmanns
| 25.04.2024 16:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Mann spaziert bei Regen durch die Koblenzer Rheinanlagen. Foto: Frey/dpa
Ein Mann spaziert bei Regen durch die Koblenzer Rheinanlagen. Foto: Frey/dpa
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Regen, Regen, Regen – im vergangenen Winter ging kaum etwas ohne Gummistiefel und Regenschirm. Aber war das wirklich so? Oder kommt uns das nur so vor? Darauf gibt es eine klare Antwort.

Ostfriesland - Das Gefühl, es würde immer nur regnen, trügt in diesem Fall nicht: Dieser Winter war der nasseste seit langem. Oder in den Worten des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG): „In keinem Winter ist seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Niedersachsen so viel Niederschlag verzeichnet worden wie im zurückliegenden Winter.“ So schrieb das Landesbergbauamt Mitte März in einer Presseerklärung. Und das gilt auch ganz konkret für die Küste. Doch was bedeutet das? Ist das gut oder schlecht? Und schützt es die Region vor dem nächsten trockenen Sommer?

Wir haben darüber mit zwei Experten gesprochen, die den Regen und vor allem das Grundwasser stets im Blick haben: Gabriele Ertl, Hydrogeologin beim LBEG, und Dieter de Vries, der in der Auricher Betriebsstelle beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) für das Grundwasser zuständig ist. Die Experten haben einen etwas anderen Blick auf das Wetter. Bei Gabriele Ertl zum Beispiel sorgt der viele Regen vor allem für Freude: „Wir haben in Niedersachsen das Glück, dass wir steigende Niederschläge haben“, sagt sie. Und auch Dieter de Vries findet: „Lieber etwas mehr Regen, als wenn man immer nur mit Dürre zu tun hätte.“

Der Regen in Zahlen

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) verfügt über eine Vielzahl von Beobachtungs- und Messstationen und hinterlegt die Einschätzung des LBEG mit Zahlen. Danach haben die Niederschlagsmengen auch in Ostfriesland im vergangenen Jahr praktisch flächendeckend Rekordhöhen erreicht. Beispiel Messstelle Leer: Im Jahr 2013 fielen hier 709 Liter Regen pro Quadratmeter. Im Jahr 2023 waren es 1055 Liter pro Quadratmeter, der mit Abstand höchste Wert in den vergangenen zehn Jahren.

Oder Aurich-Wiesens: 2013 wurden hier 830 Liter pro Quadratmeter gemessen, zehn Jahre später waren es 1091 Liter – ebenfalls der höchste Wert der vergangenen zehn Jahre. Ähnliche Werte lassen sich auf der ganzen ostfriesischen Halbinsel feststellen. Genau genommen wurde an keiner der Messstationen in Ostfriesland im vergangenen Jahr unter 1000 Liter pro Quadratmeter gemessen; bis auf die Insel Norderney, da waren es 955 Liter.

Die Folgen

Jenseits von persönlichen Wetterempfindlichkeiten hatte der viele Regen vor allem diesen Vorteil: „Das hat dazu geführt, dass sich die sehr niedrigen Grundwasserstände mehr als nur erholen konnten – und das sehr viel schneller als gedacht“, schreibt das Landesbergbauamt in seiner Einschätzung. Auch das gilt für die Küste. Allerdings wagt das LBEG unter Klimawandel-Aspekten auch einen Blick nach vorn, in die zweite Hälfte des Jahrhunderts. Grundsätzlich wird für diese Region erwartet, dass durch den Klimawandel die Sommer trockener und die Winter nasser werden.

Projekt „Zukunft Nordsee“

Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Zukunft Nordsee“ von Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger, Borkumer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Kreiszeitung Wesermarsch und Deutscher Presse-Agentur (DPA). In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen, die für die gesamte Küstenregion relevant sind – zum Beispiel mit dem Klimawandel, erneuerbaren Energien, der Entwicklung der Wirtschaft und dem Tourismus.

Und die entsprechenden Grafiken legen nahe, dass es besonders an der Küste ein Umdenken geben sollte, was den Umgang mit Wasser betrifft. Heißt konkret: Mehr Regenwasser speichern und weniger in die Nordsee wegpumpen. Um sich daraus zu bedienen, wenn wieder trockene und heiße Sommer kommen. So legen es beide Experten nahe.

Die Experten

„Es ist ein entscheidender Faktor in einer Agrarlandschaft, wie viel Wasser über Grabensysteme abgeführt wird“, sagt die Hydrogeologin Ertl mit Blick auf die Küstenregion. In der Gesamtbilanz seien das schließlich riesige Mengen. Jahrzehntelang habe sich kaum jemand Gedanken darüber gemacht, es sei einfach immer entwässert worden. „Da muss jetzt das Umdenken kommen“, findet sie. Dieter de Vries hat übrigens mal vorsichtig hochgerechnet, wie viel Wasser an der Küste durch die Siele in die See befördert wird: „Hinsichtlich des Entwässerungsvolumens für Ostfriesland“, schreibt er, „kann man im Mittel (2012 bis 2021) ein Volumen von rund 650 Millionen Kubikmeter je Kalenderjahr angeben.“ Das kann man natürlich nicht alles zwischenspeichern. Aber Teile vielleicht schon.

Dürre oder extreme Niederschläge: „Beides sind Klimawandelaspekte und auf beide müssen Investitionen getätigt werden, um die Infrastruktur anzupassen“, sagt de Vries. Das gilt in erster Linie für Entwässerungsverbände und Kommunen. Aber eigentlich, finden beide, kann jeder Bürger auch selbst etwas tun.

Was jeder tun kann

„Das muss jetzt bei jedem ankommen, dass beim Wasserrückhalt jeder mitmachen kann“, sagt Ertl. So könne jeder Kleingärtner eine Regentonne aufstellen und sich daraus bedienen, statt Leitungswasser zum Gießen zu benutzen. Dieter de Vries regt den Einbau von Zisternen an, also von unterirdischen Wasserbehältern. „Wenn man neu baut, sollte man auf jeden Fall eine Zisterne bauen, so drei bis fünf Kubikmeter am besten“, sagt er. Damit sei man bestens aufgestellt. Regenwasser sei außerdem gutes Wasser und habe keine Eisen- oder Mangan-Probleme, die man sonst im Grundwasser habe. Sein Tipp: Regenzisternen schon beim Bau eines Hauses vorsehen.

Einig sind sich die beiden Experten in dieser Einschätzung: Der nächste trockene Sommer kommt bestimmt. Übrigens zeigt der Blick auf die Messstationen des Deutschen Wetterdienstes, dass das letzte nasse Jahr 2017 war. Also direkt vor den beiden trockenen Sommern 2018 und 2019.

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