Hamburg Liberalisierung von Abtreibungen: Mit Schuldgefühlen rettet man keine Föten
Eine von der Bundesregierung eingesetzt Expertenkommission empfiehlt, Abtreibungen sollen künftig nicht mehr grundsätzlich strafbar sein. Eine baldige Liberalisierung schließen die zuständigen Minister aus. Schade um die wichtigen und richtigen Ansätze, die wohl erstmal in der Schublade landen.
Als Frau im gebärfähigen Alter kann man nicht gewinnen. Hat man Kinder und arbeitet Vollzeit, gilt man als Rabenmutter. Arbeitet man in Teilzeit, lässt man die Kollegen hängen. Bleibt man ganz zu Hause, liegt man dem Mann faul auf der Tasche und schadet angeblich dem Feminismus (obgleich es bei dem doch gerade um Wahlfreiheit geht!). Entscheidet man sich gegen Kinder, ist man eine Hedonistin.
Das weibliche Lebensgefühl „Schuld“ macht freilich auch vor der Schwangerschaft nicht halt. Wer eine ungewollte Schwangerschaft beenden möchte, wird von Teilen der Gesellschaft noch immer als Mörderin abgestempelt. Dieses Urteil findet sich auch in der Gesetzgebung wieder, die Abtreibungen als, wenn auch straffreie, Straftat einschätzt. Es ist ein juristischer Kompromiss, der das Selbstbestimmungsrecht von Frauen garantiert, ihnen jedoch unmissverständlich zu verstehen geben soll, dass die Gesellschaft ihre Tat verurteilt. Als würden Frauen ohne diese Dämonisierung nicht über die Tragweite einer Abtreibung nachdenken.
Zudem ignoriert dieses Frauenbild die Tatsache, dass die Anzahl der Mütter, die abtreiben, die Anzahl der Kinderlosen, die eine Schwangerschaft beenden, deutlich übersteigt. Sie zu verurteilen, ist genauso unerträglich, wie überforderte Teenagerinnen oder Frauen mit mangelndem Zugang zu Verhütung als Aussätzige zu brandmarken. Geht es konservativen Kreisen wirklich um den Schutz des Lebens ungeborener Kinder oder doch eher um die (zumindest moralische) Kontrolle über die Körper von Frauen? Es ist gut und richtig, dass die Expertenkommission klargestellt hat, dass das Leben jener, die bereits geboren wurden, schwerer wiegt als die Rechte jener, die noch nicht geboren wurden.
Wer sich wirklich für den Schutz ungeborenen Lebens einsetzen möchte, sollte sich für Unterstützungsangebote für alle Schwangeren aussprechen sowie für eine bessere Familienpolitik. Ganztagsbetreuung für Kinder, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, finanzielle Unterstützung von Familien in prekären Verhältnissen. Auch in einem kinderfreundlicheren Deutschland müssen Abtreibungen Teil der gesundheitlichen Grundversorgung sein.
Trotz der konstruktiven Ansätze und präzisen Analysen wird das 600 Seiten starke Gutachten keinen gesellschaftlichen Wandel anstoßen können. Die in der Ampel zuständigen Minister verkündeten am Montag, dass mit einer kurzfristigen Neuregelung nicht zu rechnen sei. Lisa Paus (Grüne), Karl Lauterbach (SPD) und Marco Buschmann (FDP) überlassen das Projekt mutmaßlich ihren Nachfolgern. Wenn sich selbst die selbsternannte Fortschrittskoalition nicht an eine Gesetzesänderung herantraut, werden sich verunsicherte Frauen noch sehr lange verunglimpfen lassen müssen.