Hamburg Nach Todesschüssen in Nienburg: Anwalt von Ehefrau des Opfers mahnt
Der Tod von Lamin Touray hat im Netz eine Protestwelle ausgelöst. Aktivisten mobilisieren für eine Demonstration – während der Anwalt der Witwe nüchterne Töne anschlägt. Wie passt das zusammen und wie viele Menschen sterben bei Polizeieinsätzen? Ein Überblick.
Ein schwarzer Mann reckt die linke Faust in die Luft. Er trägt einen Kapuzenpullover in den Nationalfarben Gambias – rot, weiß, blau, weiß, weiß, grün. Daneben steht in schwarzen Buchstaben „Justice for Lamin“ – Gerechtigkeit für Lamin. Seit dem Tod von Lamin Touray bei einem Polizeieinsatz am Ostersamstag verbreitet sich dieses Bild im Netz – versehen mit dem Hashtag #justiceforlamin.
Es sind Aktivisten wie Yahya Sonko, die diese Bilder teilen und in dem Tod von Lamin Touray einen Fall von rassistischer Polizeigewalt sehen. Der 46-jährige Gambier Touray war am Ostersamstag bei einem Polizeieinsatz in Nienburg erschossen worden. Die genauen Hintergründe sind noch unklar. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler soll Touray Polizisten mit einem Messer bedroht haben und einen Polizeihund verletzt haben. Die Beamten schossen auf den Mann und trafen ihn achtmal. Er starb unmittelbar.
Auf die Ermittlungsergebnisse wollen Sonko und seine Mitstreiter nicht warten, stellen Öffentlichkeit her und weisen auf den tödlichen Polizeieinsatz hin. Auf Tiktok gab es eine Live-Veranstaltung zu dem Fall – mehrere hunderte Menschen nahmen zwischenzeitlich teil –, auf der Spendenwebsite Gofundme sammeln sie Geld für die Überführung der Leiche ins westafrikanische Gambia – mehr als 6000 Euro kamen bereits zusammen. Und die Aktivisten tragen ihren Protest aus dem Netz auf die Straße. Am Samstag soll es eine Demo in Nienburg geben. Das Motto lautet „Gerechtigkeit für Lamin”.
Mehr dazu hier: Demo nach tödlichem Polizeieinsatz in Nienburg: „Schande über dich, Deutschland“
Die Demo sei nicht nur von den Aktivisten ins Leben gerufen worden, die Familie von Touray, die zum Teil in Gambia lebt, befürworte den Protest, teilt Sonko unserer Redaktion mit. „Ich unterstütze die Familie und fordere Gerechtigkeit für Lamin“, sagt Sonko. Der gebürtige Gambier, der in Deutschland lebt, ist gut vernetzt: Er hat nicht nur Kontakte zu der Familie des Toten in Gambia, sondern auch zu den gambischen Behörden und Nichtregierungsorganisationen wie dem Niedersächsischen Flüchtlingsrat.
Wer sich die Beiträge genauer anschaut und mit den Aktivisten spricht, merkt, wie groß die Fassungslosigkeit über den Tod ist, aber auch wie tief die Skepsis gegenüber der deutschen Polizei ist. Sie befürchten, dass nicht korrekt ermittelt werden und schlimmer noch Touray von der Polizei verunglimpft werde.
Im Netz warnen sie vor Undercover-Ermittlern mit Gebetsteppichen, die Fragen zu Touray stellten. Die Polizei bestätigt zwar, dass im Umfeld von Touray ermittelt wird, allerdings treten nach Angaben der Beamten keine Ermittler in Gebetsteppich in Erscheinung.
Wer bei den Protesten fehlt, ist die Ehefrau des getöteten Gambiers. Sie lebt von Touray getrennt ebenfalls in Nienburg, die Scheidung stand kurz bevor. Einen Anwalt hat sie sich dennoch genommen: den Bremer Hans J. Niebergall.
Er verwahrt sich gegen eine Vereinnahmung des Todes durch die Aktivisten. Unserer Redaktion sagte er: „Sollten Personen zur Rechenschaft gezogen werden, können wir auf unser funktionierendes Rechtssystem vertrauen. Verhindern will ich, dass der Prozess von selbsternannten Aktivisten auf der Straße geführt wird.“ Der Bremer mit amerikanischer Staatsbürgerschaft verweist auf Massenproteste in den USA: „Amerikanische Verhältnisse will ich mit aller Macht in Deutschland unterbinden.“
In Deutschland starben in den vergangenen vier Jahren 55 Menschen durch Polizeikugeln, in den USA waren es im selben Zeitraum mehr als 5000 Personen.
In Niedersachsen wurden von 2019 bis 2023 Jahren sieben Menschen durch Polizeikugeln getötet, drei hatten keine deutsche Staatsbürgerschaft. Das teilte das Niedersächsische Innenministerium unserer Redaktion mit.
Lamin Touray ist der erste Tote durch Polizeischüsse in Niedersachsen in diesem Jahr. Am Samstag werden rund 300 bei der Demo erwartet, um für Aufklärungen und gegen Polizeigewalt und Rassismus zu demonstrieren. Die Demo startet nur wenige Meter vom Wohnhaus von Touray entfernt.