Neues Lärmgutachten  Norder Politik will Lastwagen aus der Innenstadt verbannen

| | 12.04.2024 10:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ganz knapp fahren die Lastwagen im Burggraben an den Wohnhäusern vorbei. Foto: Rebecca Kresse
Ganz knapp fahren die Lastwagen im Burggraben an den Wohnhäusern vorbei. Foto: Rebecca Kresse
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Der neue Lärmaktionsplan soll dabei helfen, die Innenstadt Lkw-frei zu machen. Es wird aber auch an Einschränkungen für den übrigen Verkehr gedacht.

Norden - Wenn es nach dem Wunsch der Politik geht, sollen Lastwagen schon bald aus der Norder Innenstadt verbannt werden. Auch die Urlauber sollen nicht mehr quer durch die Stadt fahren, sondern vermehrt die Umgehungsstraße nutzen. Der Plan: Lastwagen soll per Beschilderung ab der Ampelanlage B 72/Bahnhofsstraße die Durchfahrt durch Norden untersagt werden. Außerdem soll ab der Bahnhofstraße in der Verlängerung durch die gesamte Stadt Tempo 30 gelten. Dadurch sollen Urlauber dazu animiert werden, die Umgehung zu nutzen. Diese Ideen gibt es schon länger. Das Verkehrsrecht machte die Umsetzung der Pläne bisher schwierig. Jetzt eröffnet der neue Lärmaktionsplan der Stadt Norden offenbar neue Möglichkeiten.

Alle fünf Jahre muss dieser Aktionsplan nach EU-Recht fortgeschrieben werden. In Norden ist es nun wieder so weit. Ina Hartwich von der Bernard Gruppe Deutschland stellte die Ergebnisse im Ausschuss für Bau und Sanierung vor. Ziel des Plans ist es, Lärm zu verhindern, zu vermindern und schädlichen Auswirkungen von Lärm vorzubeugen, einschließlich der Belästigung durch Umgebungslärm. Untersucht werden dafür alle Straßen, auf denen täglich mehr als 8200 Fahrzeuge unterwegs sind – in Norden ist das zum einen die Ortsumgehung (B 72) und die parallel dazu verlaufende Stadtquerung Bahnhofstraße – in der Verlängerung Burggraben, Am Markt, Norddeicher Straße.

Zulieferer zur Gewerbestraße sollen nach Willen der Politik künftig gar nicht mehr durch die Innenstadt, sondern über die Ortsumgehung (B 72) fahren. Foto: Rebecca Kresse
Zulieferer zur Gewerbestraße sollen nach Willen der Politik künftig gar nicht mehr durch die Innenstadt, sondern über die Ortsumgehung (B 72) fahren. Foto: Rebecca Kresse

Anwohner am Burggraben flehen seit Jahren um Hilfe

Im Straßenbereich Burggraben ist die Belastung der Anwohner besonders hoch. Seit Jahren kommen diese regelmäßig in die Ausschüsse, flehen die Politik geradezu an, ihnen zu helfen. Zu groß sei vor allem nachts die Belastung durch den Verkehrslärm. Dieser führe zu Schlafstörungen und habe in der Folge bereits zu Jobverlust geführt. Auch eine nächtliche Temporeduzierung auf 30 Stundenkilometer habe bisher nicht zum gewünschten Erfolg geführt, berichten Anwohner. Eher im Gegenteil: Einige Auto- und Motorradfahrer machten sich nach Presseberichten über die Lärmprobleme im Burggraben einen Spaß daraus, im Burggraben besonders aufs Gaspedal zu treten und Lärm zu verursachen, heißt es von Anwohnern.

Von Lärm sind laut Gutachten insgesamt rund 1000 Norder betroffen. Konkret sind tagsüber 897 Personen von Lärm von über 65 Dezibel betroffen, 61 davon von über 75 Dezibel. Nachts sind 897 Personen von über 55 Dezibel betroffen, 46 davon von über 65 Dezibel. Dieser Lärm kann laut Gutachten zu gesundheitlichen Schäden führen.

In der Nacht gilt bereits eine reduzierte Geschwindigkeit im Burggraben. Das reicht den Nordern aber nicht. Foto: Rebecca Kresse
In der Nacht gilt bereits eine reduzierte Geschwindigkeit im Burggraben. Das reicht den Nordern aber nicht. Foto: Rebecca Kresse

Lärmgutachten schlägt kurz- und mittelfristige Maßnahmen vor

Als kurzfristige Maßnahmen schlagen die Experten für die betroffenen Gebiete ein Durchfahrtsverbot nach und aus Norddeich für Lastwagen vor. Außerdem eine Geschwindigkeitsreduzierung von 50 auf 30 Stundenkilometer aus Lärmschutzgründen. Mittelfristig wird vorgeschlagen, nach der Geschwindigkeitsreduzierung den Straßenraum umzugestalten, um einen weiteren Anreiz für den Auto-Durchfahrtsverkehr zu schaffen, die B 72 zu nutzen. Betroffenen Menschen an der B 72 könnten laut Gutachten spezielle Lärmschutzfenster helfen.

Bei den Norder Politikern rennen die Gutachter damit offene Türen ein. Schon lange ist ihnen der Verkehr in der Innenstadt ein Dorn im Auge. Immer wieder wurde im Rat darüber beraten, das Tempo im Burggraben zu reduzieren. Nachts ist das bereits gelungen. Tagsüber sei das bisher aber aus verkehrsrechtlichen Grünen nicht möglich gewesen, heißt es von der Verwaltung.

Politiker hoffen auf neue Möglichkeiten durch Gutachten

Was für eine Konsequenz die vorgeschlagenen Maßnahmen aus dem Gutachten für die Stadt Norden haben, war für die Politiker deshalb besonders interessant. Dabei nahm Ina Hartwich übermäßigen Hoffnungen von Helmut Fischer-Joost (Grüne) etwas den Wind aus den Segeln. „Diese Maßnahmen können kurzfristig umgesetzt werden. Die Stadt Norden ist nicht verpflichtet, sie umzusetzen“, sagte sie. Es handele sich um eine Möglichkeit, kurzfristig an dieser Stelle Lärm zu reduzieren.

Fischer-Joost gab die Frage daraufhin an den neuen Stadtbaurat Christian Pohl weiter: „Hat die Stadt Norden vor, an den stark befahrenen Straßen verkehrstechnische Maßnahmen zu ergreifen, um den Verkehr zu reduzieren?“ Pohl blieb in seiner Antwort aber eher unkonkret: „Man muss über einzelne Projekte hinaus in der Zukunft versuchen nachzusteuern“, so Pohl. Das könne passieren, indem man andere Stadtstraßen mit einer anderen Bedeutung versehen würde, etwa im Zuge der Entwicklung des Doornkaatgeländes die Straße Im Horst, um den Druck aus dem Burggraben herauszunehmen.

Politik will juristische Prüfung

Er schließe zudem nicht aus, im Zuge der geplanten Umgestaltung der Bahnhofsstraße auch die Höchstgeschwindigkeit dort zu reduzieren. Bei den Lkw-Verkehren könne man versuchen, gegenzusteuern, so Pohl. Zum einen über Beschilderung, zum anderen aber auch über Verkehrsroutenführungsprogramme wie Google Maps, die als schnellstmöglichen Weg meist den Weg durch die Stadt anzeigen würden.

Theo Wimberg (SPD) war das nicht konkret genug. „Wir hatten ja schon überlegt, dass wir in bestimmten Bereichen durch Geschwindigkeitsreduzierungen auch tagsüber eine erhebliche Lärmreduzierung erreichen wollen. Da wurde uns immer gesagt, verkehrsrechtlich, gesetzlich ist das nicht möglich“, fasste Wimberg zusammen. Deshalb wollte er es von Pohl genau wissen: Gibt das Lärmschutzgutachten den Politikern die rechtlichen Möglichkeiten an die Hand, die Pläne umzusetzen? Können sie mit diesem Gutachten gar Druck auf die Verkehrsbehörden ausüben, um die Pläne durchzusetzen?

Die juristische Frage, ob man aufgrund von Verkehrslärm, Tempo 30 anordnen kann, konnte auch der Stadtbaurat ad hoc nicht beantworten. Das müsse man prüfen, sagte Pohl, ergänzte aber: „Wo ein Wille, da ist auch ein Weg.“ Die Politik gab der Verwaltung den Auftrag mit auf den Weg, diese für sie entscheidende Frage, kurzfristig zu klären. Denn sie wollen die Maßnahmen umsetzen. Daran ließen sie keinen Zweifel.

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