Berlin Messerkriminalität in Niedersachsen nimmt weiter zu – mehr als 4000 Fälle
In Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Co. geht die Zahl der Messerattacken nach oben. Wie viele Tatverdächtige gibt es und wie hoch ist der Ausländeranteil? Welche Ursachen stecken dahinter? Und was könnte dagegen helfen?
Es war nur eine von hunderten Taten mit einem Messer, aber wohl die dramatischste. Am Nachmittag des 25. Januar 2023 geht ein Mann auf Passagiere eines Regionalzugs zwischen Hamburg und Kiel los. Zwei Jugendliche sterben, fünf weitere Personen werden verletzt. Viele Medien berichten über den Messerangriff von Brokstedt. Rasch bringen laute Stimmen den Vorfall mit der Herkunft des Täters in Verbindung: ein staatenloser Palästinenser. Der Mann soll an einer psychischen Erkrankung leiden.
In absoluten Zahlen werden in Deutschland immer mehr Straftaten mit Stichwaffen begangen. Allein im vergangenen Jahr haben Messerangriffe um fast zehn Prozent zugenommen. Allerdings liegt der Anteil an allen Gewaltdelikten mit 5,8 Prozent nur unwesentlich höher als 2022, damals waren es 5,6 Prozent. Das zeigt die jüngste Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), die das Bundesinnenministerium am Dienstag veröffentlicht hat.
Von einem Anstieg bei Messerdelikten sind auch die nördlichen Bundesländer betroffen. Wie hat sich die Situation verändert? Und warum tragen offenbar immer mehr Menschen ein Messer bei sich? Die wichtigsten Fragen und Antworten.
2023 zählte die Polizei in Niedersachsen 4.426 Taten, bei denen ein Messer eingesetzt wurde – im Jahr zuvor waren es noch 3.871. Insgesamt wurden 2.969 Personen bedroht oder verletzt. Das teilt das Landeskriminalamt auf Anfrage mit.
Einen Anstieg gab es auch in Schleswig-Holstein. Im Bereich „Phänomen Messerangriff“ registrierten die Sicherheitsbehörden 1.057 Straftaten – ein Plus von 148 Fällen gegenüber dem Vorjahr. Bei den Delikten ging es vorwiegend um Bedrohung, Nötigung, seltener um Körperverletzung, wie das Innenministerium mitteilt.
In Mecklenburg-Vorpommern stieg die Zahl von 442 auf 537 auf Fälle. Wie viele Menschen bedroht wurden oder dabei zu Schaden kamen, wird aus der PKS des Landes nicht ersichtlich.
Auch in den Stadtstaaten ging die Zahl nach oben. In Hamburg von 1.127 auf 1.269 Delikte; in Bremen von 278 auf 315.
Verbrechen wie in Brokstedt sorgen wegen ihrer Brutalität für Aufsehen. In Relation zur Gesamtzahl an Delikten sind Todesopfer bei Messerangriffen aber eher selten. So registrierte die Polizei in Niedersachsen im vergangenen Jahr 74 „Straftaten gegen das Leben“, also Mord, Totschlag oder fahrlässige Tötung. Seit einigen Jahren ist die Zahl rückläufig. 2022 wurden 83 Menschen durch eine Stichwaffe getötet. In Schleswig-Holstein kamen 2023 9 Menschen durch Messerangriffe ums Leben. In Mecklenburg-Vorpommern waren es sechs.
Das LKA Niedersachsen schreibt nur, dass 1.210 Tatverdächtige eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit haben. Sie machen rund 40 Prozent aller Verdächtigen aus. Überwiegend handelt es sich um männliche Erwachsene. Was die Nationalitäten angeht, sind die Daten aus Schleswig-Holstein präziser.
Unter den 962 ermittelten Verdächtigen sind 389 Ausländer. Auch hier liegt die Quote bei 40 Prozent. Die meisten (77) kommen aus Syrien und Afghanistan (60). 23 Tatverdächtige stammen aus Polen, 15 haben die ukrainische Staatsangehörigkeit. In Mecklenburg-Vorpommern gab es 2023 laut PKS 185 ausländische Tatverdächtige. Darunter sind 45 Syrier und 29 Tunesier.
Statistisch trifft es zu, dass Ausländer auffallen, wenn es um schwere Gewalt geht. Einen belegbaren Zusammenhang mit der Herkunft gibt es laut Untersuchungen aber nicht. Ob jemand in einer Konfliktsituation zum Messer greift, hängt demnach in hohem Maße von Vorerfahrungen mit Gewalt ab. Auch psychische Erkrankungen und Drogenkonsum spielen eine wichtige Rolle. Hinzu kommen andere Risikofaktoren wie Alter, Bildungsferne, soziale Ausgrenzung und Armut. Das alles sind Aspekte, die Asylsuchende und Geflüchtete überproportional häufig betreffen.
Dass sich die Herkunft auf die Gewaltbereitschaft eines Menschen auswirkt, halten auch Sicherheitsbehörden für unwahrscheinlich. Für Kevin Komolka, Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Niedersachsen, müsse aber analysiert werden, „unter welchen Voraussetzungen Menschen mit Migrationshintergrund Teil unserer Gesellschaft werden, also welchen Einfluss sozioökonomische Faktoren haben, ob sie gut integriert werden oder wie sich Marginalisierung und Diskriminierung auswirken.“
„Gesicherte Erkenntnisse“ liegen bislang nicht vor, sagt der Gewerkschaftschef. Möglich sei ein „gesteigertes und fehlgeleitetes Bedürfnis nach Selbstschutz, Autorität oder Respekt in einigen Gesellschaftsgruppen.“ Auch einen sich selbst verstärkenden Effekt hält Komolka für denkbar: „Je mehr Menschen in einem bestimmten Milieu ein Messer besitzen und mitführen, desto mehr verbreitet sich dieses Verhalten.“
Wie weit verbreitet Messer sind, zeigt eine 2019 veröffentlichte Dunkelfeldstudie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, das regelmäßig Jugendliche zwischen 14 und 15 Jahren befragt. Darin gab jeder fünfte Jugendliche in Niedersachsen an, in der Freizeit gelegentlich ein Messer mit sich zu führen.
Die Polizei will auf die zunehmende Messerkriminalität mit Waffenverbotszonen reagieren. „In diesen Zonen können bei Verstößen empfindliche Strafen verhängt werden“, erklärt GDP-Landeschef Kevin Komolka. Für dieses Instrument hatte sich kürzlich auch Osnabrücks Polizeipräsident Michael Maßmann in einem Interview mit unserer Redaktion ausgesprochen.
Komolka betont aber, dass Prävention am wichtigsten sei. „Es muss vermittelt werden, dass es falsch ist, dass Messer ein gutes Mittel der Abschreckung oder Selbstverteidigung sind.“ Nicht allen Menschen sei bewusst, was für Verletzungen Stichwaffen verursachen können. Aber wer soll das vermitteln?
Der Kriminologe Klaus Boers von der Universität Münster betont neben den Eltern vor allem die Rolle der Schulen. „Bei der Prävention haben Schulen eine ganz wichtige Aufgabe. Dort werden Jugendlichen im kriminologisch relevanten Alter soziale Normen und der Umgang mit Konflikten vermittelt.“ Zudem sei das Lehrpersonal gefragt. „Entscheidend ist auch, dass sich die Schüler den Lehrern anvertrauen können, wenn sie ein Problem haben. Eine gute Schüler-Lehrer-Beziehung ist für das Erlernen sozialen Verhaltens von großer Bedeutung.“
Und was ist mit Waffenverbotszonen? Die findet auch der Wissenschaftler gut. „Niemand sollte eine Waffe im öffentlichen Raum mit sich herumtragen.“ Aber: „Aus vielen Untersuchungen wissen wir, dass Verbote allein potenzielle Täter nicht abschrecken.“