Osnabrück Ist Abtreibung nur Frauensache? Über die Rolle der Väter
Die Stellung von Vätern hat sich in etlichen Bereichen gewandelt – außer bei Abtreibungen: Bei der Frage, ob ihr Kind überhaupt geboren wird, sind sie komplett außen vor. Passt das zum modernen Männerbild und einem gleichberechtigten Frauenbild, fragt unser Chefredakteur Burkhard Ewert.
Das Bundesverfassungsgericht hat in dieser Woche die Rechte leiblicher Väter gestärkt. Der Zugang zu ihren Kindern darf nicht rigide beschränkt werden, auch wenn die Mutter dies wünscht und einen neuen Partner als rechtlichen Vater eines Kindes hat registrieren lassen, das er nicht gezeugt hat.
Mir erscheint das gut und richtig so. Wer Familie moderner denkt, sollte die Rechte von Eltern nicht zwingend auf zwei Menschen beschränken. Insbesondere sollte nicht derjenige Mann ausgeschlossen werden, ohne den es ein Kind gar nicht gäbe. Schlimm genug, falls sich ein Vater nicht von sich aus kümmert. Ihn dazu zu zwingen, es nicht zu tun, obwohl er es möchte, wäre widersinnig.
Aus demselben Grund empfinde ich seit einiger Zeit Störgefühle, wenn es um Abtreibungen geht. Hier rät eine Expertenkommission in diesen Tagen dazu, die Pflicht zur Beratung zu kippen, die nach einem Streit um den Paragrafen 218 als Kompromiss im Zuge der Fristenregelung gefunden worden war.
Darum geht es mir aber nicht. Vielmehr irritiert mich auch hier die Stellung der Väter. Ihre Rolle hat sich in unzähligen Fällen geändert. Sie haben Anspruch auf Vätermonate. Vielfach sind sie bei den Geburten dabei. Manchmal nehmen sie am Vorbereitungskurs teil. Sie sollen und wollen in der Erziehung mehr Verantwortung übernehmen: auch beim Basteln, beim Spielen, beim Babyschwimmen oder der Ausrichtung des Kindergeburtstags. Mit der Karriere stecken sie häufiger zurück als früher, sei es durch Teilzeitphasen oder den Verzicht auf Leitungspositionen.
Nur bei einem, da sind und bleiben sie in jeder erdenklichen Hinsicht außen vor: bei der Frage, ob ihr Kind überhaupt geboren wird. Da endet die gemeinsame Verantwortung. Hier hat die Frau alleine das Sagen. Ein Mitbestimmungsrecht ist nicht vorgesehen, nicht einmal eine Anhörung oder auch nur die Pflicht zur Information.
Warum eigentlich nicht? Passt das zur neuen Männerrolle? Passt dies zu einem gleichberechtigten Frauenbild? Und während einerseits gleichgeschlechtliche Paare ein Kind haben dürfen und Leihmutterschaften liberalisiert werden sollen, ist die Frau in der Frage der Abtreibung dann doch wieder die einzige und alleinige wahre Mutter und der Mann nur störende Randfigur, unwürdig, im Zweifel von einer Schwangerschaft auch nur zu erfahren.
In dem einen Fall: Kann das nicht sogar die überkommende Haltung legitimieren, eine ungewollte Schwangerschaft sei das alleinige Problem der Frau – Pech gehabt?
Im anderen Fall: Es ist auch das Kind des Mannes, das zur Welt kommt – oder das sein Leben eben nicht erleben wird. Wäre nicht in Betracht zu ziehen, dass es auch für einen Mann schwer sein kann, ein ungeborenes Kind zu verlieren, gegebenenfalls sogar ungewollt?
Dies komplett zu ignorieren, empfinde ich als unsensibel. Hinzu kommt der Zwang, die Situation ohnmächtig hinnehmen zu müssen. Eine fremde Person in der Beratungsstelle hat mehr Einfluss als der Vater selbst. Sofern es die schwangere Frau nicht will, kann er kein einziges Argument für oder gegen die Geburt vorbringen oder die Situation auch nur für sich selbst ganz persönlich bewerten.
Wer es ernst damit meint, dass Männern in der Partnerschaft, in der Erziehung und in der Gesellschaft eine neue Rolle zukommt, könnte darüber nachdenken, ob dies noch zeitgemäß ist, oder ob potenziellen Vätern, wenn nicht das Recht auf eine Anhörung, so doch zumindest auf eine Information zusteht.
Ich sehe durchaus Gründe, die dagegen sprechen. Ich respektiere sie auch. Das Recht, frei und selbstbestimmt über den Abbruch einer Schwangerschaft entscheiden zu können, haben sich Frauen hart erkämpft. Und fraglos bedeutet eine Geburt für eine Frau biologisch mehr als für einen Mann. Die Berechtigung eines besonderen und geschützten Status‘ steht daher völlig außer Frage. Andererseits: Wie heute auch bei einer Dienstpflicht kein Geschlecht mehr wie früher außen vor gelassen werden dürfte, gilt das in meinen Augen – in einer gebotenen Abstufung – auch bei Abtreibungen.
Wenn eine Gesellschaft sich mit Blick auf Gleichberechtigung weiter entwickelt, dann bitte nicht bloß selektiv. Oder sehe ich es falsch? Sagen Sie mir gerne, wie Sie darüber denken. Es würde mich sehr interessieren.