Berlin  Trotz Shitstorms: Warum Emilia Fester im Bundestag weiter tanzt 

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 07.04.2024 14:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Emilia Fester (25) ist jüngstes Mitglied der Grünen-Fraktion im Bundestag. Sie gendert, ist Vegetarierin und offen bisexuell. Unter dem Hashtag #Göre wurde sie zum Feindbild der Grünen-Hasser in sozialen Medien. Foto: Kay Nietfeld
Emilia Fester (25) ist jüngstes Mitglied der Grünen-Fraktion im Bundestag. Sie gendert, ist Vegetarierin und offen bisexuell. Unter dem Hashtag #Göre wurde sie zum Feindbild der Grünen-Hasser in sozialen Medien. Foto: Kay Nietfeld
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Wohl kaum eine andere Politikerin polarisiert wie Emilia Fester. Dabei startete sie als jüngste Bundestagsabgeordnete 2021 mit viel Wohlwollen in die Bundespolitik. Was danach geschah.

„Hallo, ich bin Milla. Ist das Du ok für Dich?”. Milla, also eigentlich Emilia Fester, begrüßt mit kurzem Händedruck und fröhlichem Lachen im Restaurant des Bundestags. Sie hat eine Stunde Zeit vor der Grünen-Fraktionssitzung. Politiker und Journalisten siezen sich für gewöhnlich. Milla aber sagt, dass sie hier meist jeder einfach duze und sie es deshalb lieber gleich anbiete. Sie war 2021 mit 23 Jahren die jüngste Abgeordnete im neuen Bundestag. Inzwischen ist eine noch jüngere SPD-Kollegin nachgerückt. Und auch sonst hat sich für Milla vieles geändert. 

Damals, kurz nach der Bundestagswahl, galt die Ampel-Koalition noch als frisches neues Pilotprojekt. An einen Krieg in der Ukraine dachte noch niemand und die Grünen schwelgten in Regierungseuphorie. Emilia Fester erfuhr als „Küken” des Parlaments viel positive Aufmerksamkeit. Beim Gedenken zum 9. November beim Bundespräsidenten sprach sie stellvertretend für die junge Generation. Sie wurde schneller bekannt als es mancher ältere Bundestagskollege in vielen Jahren schafft. 

„Milla” pflegt von Anfang an ihren eigenen Stil. Es gibt Videos von ihr, wie sie sitzend in einer Mini-Telefonzelle im Bundestag ihre Telefonate führt, weil sie anfangs noch kein Büro hat. Als der Bundestag sich konstituiert, tanzt sie durchs Abgeordnetenhaus – und postet einen Film davon. Die Reaktionen fallen gemischt aus, was noch freundlich formuliert ist. Völlig unernst und lächerlich, echauffieren sich viele. Im Bundestag dürfe man gar nicht tanzen, so wird sie gescholten. Was so nicht stimmt. Viele Shitstorms später tanzt Milla noch immer. Neulich etwa nach der Cannabis-Legalisierung. „Bubatz legalisieren? Wir sagen ja!” Milla lacht und wirbelt zu „Murder on the dancefloor“ die Bundestagsrolltreppe entlang. 

Bei Instagram folgen ihr knapp 27.000 Menschen. Es gibt viele Likes unter solchen Posts, aber auch immer wieder Beschimpfungen. Manche empfinden ihre Videos als unangebrachte Selbstinszenierung. „Es ist alles nicht mehr ernst zu nehmen. Vor allem die TikTok-Fraktion im Deutschen Bundestag“, so und ähnlich lauten die Kommentare. Warum macht sie damit trotzdem weiter? 

„Ich tanze gerne. Und ich möchte etwas machen, was ich selbst mir auch gerne anschauen würde. Ich kann junge Menschen, die auf Tiktok und Instagram sind, nicht dazu zwingen, sich die eineinhalbminütige Erklärung für politische Bildung anzugucken. Da ist doch die Frage an uns als Abgeordnete: Wie kommunizieren wir eigentlich mit der jungen Generation?“. Ihre Tanzvideos erzeugten Reichweite. „Und dazu poste ich eine politische Information, die ich für relevant halte.“ 

Seit wenigen Wochen hat Milla sich deshalb auch einen Tiktok-Account eingerichtet, der beliebtesten Plattform unter Jugendlichen. Es ist der Versuch, der AfD, die in den sozialen Medien besonders erfolgreich ist, nicht das Feld zu überlassen. Man sieht dort zum Beispiel ein Video, das sie mit ihrer Bundestags-WG zeigt. Junge Frauen mit Sektglas, Milla lebt mit den beiden anderen Grünen-Abgeordneten zusammen. „Wir müssen Banden bilden“, schreibt sie dazu. 

Neulich machte sie im Bundestag einen Test, welche Abgeordnete das Fingerherz der Generation Z (zwischen 1995 und 2010 geboren) beherrschen. Dazu Musik: „What is love?”. Milla hat sichtlich Spaß dabei. Was das mit Politik zu tun hat? „Ich will auch mal zeigen, dass Politik Spaß macht und hier nette Menschen arbeiten”, sagt sie.

Sie stammt aus Hildesheim, ihre Eltern sind Schauspieler. Nachdem Milla 2017 nach Hamburg zog, arbeitete sie als Regieassistentin und Bühnenhelferin. Mit einem Studienplatz an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg hat es nicht geklappt. Seit 2016 ist sie bei den Grünen. Das Bundestagsmandat erhielt sie 2021 über einen guten Listenplatz.

Sie setzt nicht nur bei ihrer Darstellung von Politik auf ihren eigenen Stil, sie vertritt auch mit Verve radikale Positionen wie das Wahlrecht schon für Kleinkinder oder den Klimapass für Umweltflüchtlinge. Als die Ampel-Koalition im Januar eine Gesetzesverschärfung zur leichteren Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern beschloss, stimmte sie dagegen, weil sie Teile des Gesetzes rassistisch fand und es aus ihrer Sicht gegen die Menschenwürde verstößt. Milla gendert und bekennt sich offen zu ihrer Bisexualität. 

Dass viele Kommunen überfordert sind und eine Mehrheit der Bevölkerung für eine Begrenzung der Zuwanderung ist, ist für sie kein Grund, ihre Meinung zu ändern. „Ich repräsentiere eine gewisse Gruppe in dieser Gesellschaft, deren Meinung hier unbedingt auch abgebildet werden sollte”, findet sie. 

Für Grünen-Hasser im Netz ist Emilia Fester ein rotes Tuch. Den ersten Shitstorm erlebte Milla nach ihrer ersten Rede im Bundestag in der Impfpflicht-Debatte, in der sie beklagte, nicht die Dinge habe tun können, die junge Menschen eigentlich so tun – und die Impfgegner der AfD dafür verantwortlich machte. Dass im Nachhinein rauskam, dass sie zwischenzeitlich in Dänemark war und an der Uni, die sie angeblich nicht besuchen konnte, gar keinen Studienplatz hatte, machte die Sache nur noch schlimmer. Der Hashtag #Göre ging viral.  

Schlimmer noch waren die Reaktionen auf ein ZDF-Quiz, bei dem sie nicht wusste, dass der erste Reichskanzler 1871 Bismarck hieß („Ach echt? Witzig!”) und wann die Bundesrepublik gegründet wurde. Auch andere Abgeordnete konnten in dem ZDF-Quiz nicht alles beantworten, doch Fester wird nach der Bismarck-Offenbarung von „Bild“ zur „Abgeordneten Ahnungslos” erklärt. Wie geht sie damit um?

Milla sagt: „In einer repräsentativen Demokratie können nicht nur Geschichts-Doktoren eine Rolle in der Politik spielen. Außerdem ist es vielleicht auch ein Generationen-Unterschied: Meine Generation geht nicht mehr davon aus, dass sie alles wissen muss. Weil sie weiß, dass sie nicht alles wissen kann.” 

Nach bald drei Jahren im Bundestag zieht sie eine gemischte Bilanz: Shitstorms zählt sie nicht mehr, aber sie ist vorsichtiger geworden. Von Facebook und Twitter hat sie sich zurückgezogen. Die Arbeit als Abgeordnete habe sie gleichzeitig „auf den Boden geholt und radikalisiert”.

Sie weiß noch nicht, wie es für sie weitergehen wird nach dieser Legislaturperiode. Aber unpolitisch werde sie nie mehr sein, da ist sie sicher. „Ich weiß, für wen ich das tue. Ich tue es nicht, für die, die mich hassen und ärgern, sondern für die, die daran glauben, dass wir eine gute Zukunft für junge Menschen gestalten können.”

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