Hannover  LKA-Chef Friedo de Vries: Neue Straftaten durch flüchtige Ex-RAF-Terroristen möglich

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 08.04.2024 00:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Bundesweit fahndet das LKA Niedersachsen nach Burkhard Garweg. Über die Arbeit der Ermittler berichtet LKA-Präsident Friedo de Vries im Interview. Foto: dpa/Caroline Bock
Bundesweit fahndet das LKA Niedersachsen nach Burkhard Garweg. Über die Arbeit der Ermittler berichtet LKA-Präsident Friedo de Vries im Interview. Foto: dpa/Caroline Bock
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Wo stecken die früheren RAF-Terroristen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub? Und welche Gefahr geht von ihnen aus? Im Interview spricht Niedersachsens LKA-Chef Friedo de Vries über die Fahndung nach den beiden und die Festnahme der mutmaßlichen Komplizin Daniela Klette.

Wer zu LKA-Chef Friedo de Vries will, muss erst einmal an den ehemaligen RAF-Terroristen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub vorbei. Fahndungsplakate der beiden mutmaßlichen Räuber hängen im Eingangsbereich des Landeskriminalamtes Niedersachsen. Ein Gesicht aber fehlt mittlerweile: Daniela Klette, sie wurde vor gut sechs Wochen festgenommen.

Von Hannover aus wird seit Jahren nach dem untergetauchten Trio gefahndet, das eine Reihe von Raubüberfällen begangen haben soll. Mit der Festnahme Klettes Ende Februar in Berlin sind es nur noch zwei mutmaßliche Schwerverbrecher, die von Zielfahndern des LKA gejagt werden.

Geht von ihnen noch eine Gefahr aus? Darüber spricht de Vries im Interview mit unserer Redaktion, ebenso darüber, wie die Fahndung läuft, was in der Wohnung von Daniela Klette gefunden wurde und warum er keine Fehler seiner Ermittler erkennen kann.

Lesen Sier hier das Interview im Wortlaut:

Frage: Herr de Vries, Frau Klette ist gefasst. Aber wo stecken die mutmaßlichen Komplizen, Staub und Garweg? Wann werden die beiden gefasst?

Antwort: Unsere Ausgangslage ist deutlich besser als noch vor sechs Wochen, als wir Frau Klette noch nicht gefasst hatten. Wir brauchen den einen entscheidenden Hinweis, die eine entscheidende Spur zum Aufenthaltsort der beiden. Wann wir erfolgreich zugreifen werden? Vielleicht in 24 Stunden, vielleicht in 24 Monaten. Wir arbeiten weiter intensiv daran, dass wir die beiden fassen. Wir werden nicht ungeduldig, bleiben fest entschlossen und hartnäckig. 

Frage: Wie sieht die Ermittlungsarbeit aus?

Antwort: Seit der Festnahme von Daniela Klette wissen wir, dass sich Burkhard Garweg in den vergangenen Jahren auf dem Bauwagen-Platz in Berlin Kreuzberg aufgehalten hat. Wir haben den Bauwagen ebenso nach Niedersachsen zur Untersuchung verbracht wie die Gegenstände aus der Wohnung von Frau Klette. Aktuell überprüfen, bewerten und priorisieren wir die mehreren Tausend Asservate und führen sie der Untersuchung in unserem Kriminaltechnischen Institut zu. Darüber hinaus erhalten wir fortlaufend Hinweise aus der Bevölkerung zum möglichen Aufenthalt von Garweg und Staub, die wir bewerten und abarbeiten.

Frage: Haben sich Hinweise auf Straftaten ergeben, die noch nicht mit den Dreien in Verbindung gebracht worden sind?

Antwort: Die Auswertungen dauern an. Aktuell haben wir darauf keine Hinweise.

Frage: Es ist bekannt, dass Klette Kontakt zu Garweg hatte, er sogar in ihrer Wohnung war. Wie steht es um Staub?

Antwort: Wir haben ein Foto von Garweg veröffentlicht, das in der Wohnung von Klette entstanden ist. Insofern sind wir sicher, dass er in der Wohnung in der Sebastianstraße war. Zu Staub haben wir Spuren gefunden, die darauf hindeuten, dass er in der Wohnung gewesen sein könnte. Das gilt es aber noch weiter abzuklären.  

Frage: Das heißt? 

Antwort: Wir haben Gegenstände gefunden, an denen Spuren von Ernst-Volker Staub sind. Da müssen wir jetzt klären: Sind das Spuren, die vorher schon vor dem Verbringen in die Wohnung von Frau Klette an den Gegenständen waren oder war Staub in der Wohnung und hat hier diese Spuren hinterlassen?

Frage: Über was für Gegenstände mit Spuren von Staub reden wir hier? Die Waffen, die in der Klette-Wohnung lagerten? Eine Kalaschnikow, eine Panzerfaust und eine Pistole?

Antwort: Die gefundenen Spuren befinden sich auf verschiedenen Gegenständen. Detaillierter können wir im Moment aus ermittlungstaktischen Gründen nicht werden. 

Frage: Wo stammen die Waffen her und können sie mit Straftaten in Verbindung gebracht werden?

Antwort: Dies ist Gegenstand unserer Ermittlungsarbeit. Wie sind sie in den Besitz von Frau Klette gelangt und wurden sie möglicherweise für eine Straftat eingesetzt? Dabei prüfen wir, ob zum Beispiel die Pistole aus einem Überfall auf ein Waffengeschäft stammen könnte.

Frage: Bei einem Überfall auf einen Geldtransporter wurde auf das Fahrzeug geschossen. Ist die Tatwaffe die Kalaschnikow aus Klettes Wohnung?

Antwort: Auch das wird geprüft: Die Waffe wird in unserem Labor beschossen und die Patronenhülsen und Projektile mit Spuren aus vergangenen Taten abgeglichen. Erst wenn die Gutachten unserer Sachverständigen hierzu vorliegen, werden wir konkret mögliche Zusammenhänge feststellen können. 

Frage: Bis zum Fund der Waffen hat es einige Zeit gedauert – auch wenn die Wohnung nur 50 Quadratmeter groß ist. Wie ist das zu erklären?

Antwort: Das ist für die Bevölkerung sicher nur schwer nachzuvollziehen, aus polizeilicher Sicht jedoch nicht. Wir sind sehr behutsam und spurenschonend vorgegangen. Jedes Beweisstück musste akribisch dokumentiert werden. Was Vieles verzögert hat: Wir konnten nicht ausschließen, dass sich Sprengmittel oder Explosivstoffe in der Wohnung befinden. Mitunter mussten wir die Arbeit unterbrechen und zunächst die Entschärfer ranführen, um eine Gefährdung für die Kolleginnen und Kollegen und Unbeteiligten auszuschließen. Dementsprechend hat es gedauert, bis die Wohnung durchsucht und vollständig ausgeräumt war. Wichtige Zeit für die Fahndung haben wir durch diese akribische Tatortarbeit aber nicht verloren. 

Frage: Es wurden neben Waffen auch Geld und Gold gefunden. Der Gegenwert ist um einiges geringer als das, was bei den Raubüberfällen zusammengekommen sein soll, die den Dreien zugeschrieben werden.

Antwort: Wir machen derzeit zu der genauen Bargeldhöhe und auch zu anderen Vermögenswerten keine konkreten Angaben. Fakt ist, dass Frau Klette über ein größeres Vermögen verfügt hat. Inwieweit das möglicherweise ihr Anteil einer mutmaßlichen Beute war, gilt es zu klären. Was wir mutmaßen dürfen: Frau Klette hat im weitesten Sinne Buch geführt. Sie hat sich vergewissert, wie viel ausgegeben wurde, welche Mittel noch zur Verfügung stehen. Der Rahmen des finanziellen Spielraums dürfte zumindest für Frau Klette eine nicht unwichtige Rolle gespielt haben. 

Frage: Es hieß, Garweg habe zeitweise in Berlin gebettelt…

Antwort: Dazu gibt es eine entsprechende Hinweislage. Bislang können wir diese nicht bestätigen.

Frage: Das Leben im Untergrund gilt als kostspielig. Garwegs und Staubs Ressourcen dürften begrenzt sein. Werden sie wieder als Räuber in Erscheinung treten?

Antwort: Beide sind auf der Flucht und dürften unter hohem Druck stehen. Es ist anzunehmen, dass sie sich derzeit eher darauf konzentrieren, nicht entdeckt zu werden. Aber: Sie müssen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Unsere Erkenntnisse über Garweg deuten darauf hin, dass er sehr genügsam sein kann und mit wenig Bargeld auskommt. Wenn er auf ein entsprechendes Unterstützermilieu trifft, das nicht zwangsläufig seine Identität kennen muss, könnte er mit bescheidenen Mitteln sein Leben verdeckt führen. Aber natürlich: Ausschließen können wir nicht, dass die beiden weitere Straftaten begehen. 

Frage: An der Arbeit Ihrer Ermittler wird auch Kritik laut – aus den Reihen der Berliner Polizei. Da wird eine kritische Aufarbeitung des Einsatzes empfohlen und das Auftreten der Niedersachsen infrage gestellt. Ein Kritikpunkt ist beispielsweise, dass bei Klettes Festnahme nicht das SEK klingelte, sondern zwei Beamte aus Niedersachsen gemeinsam mit zwei Berliner Kollegen…

Antwort: Wir überprüfen permanent unser Handeln. Bei Einsätzen dieser Art findet immer eine Nachbereitung statt. Das wird auch hier der Fall sein, das ist Teil unserer professionellen Arbeit. Und ja: Wenn man die Abläufe und Abstimmungen kennt, ist die öffentlich gemachte interne Kritik irritierend. Das hilft in einer solch dynamischen Lage wenig, zumal alle erfahrenen Kräfte um die besondere und mitunter auch nur schwer umsetzbare Erwartungshaltung wissen, permanent alle Beteiligte zeitgleich auf demselben Niveau informiert zu halten. Wir waren während des Einsatzes immer in Kontakt und Abstimmung mit der Polizei Berlin und sind dankbar für die von dort geleistete professionelle Arbeit.

Frage: Fakt ist jedenfalls, dass über Jahre trotz intensiver Fahndung keiner aus dem Trio gefasst werden konnte. Wurden Fehler gemacht?

Antwort: Wir haben in Niedersachsen seit 2015 die Zielfahndung nach den Dreien betrieben. In dieser Zeit haben wir Tausende Hinweise und Spuren ausgewertet. Mal war es vielversprechend, mal weniger. Es gab natürlich in der Zeit auch Misserfolge. Bedeutend ist, dass uns das nicht entmutigt hat. Derzeit kann ich nicht erkennen, dass uns ein Fehler unterlaufen ist. Ich bin 2018 hier ins LKA gekommen und habe mich von den Zielfahndern über ihre Arbeit unterrichten lassen: Ich war beeindruckt von der Tiefe der Ermittlungsarbeit. Die Leidenschaft, die Intensität und das Engagement, mit der die Fahnder hier über Jahre hinweg sprichwörtlich jeden Stein umgedreht haben, war schon ziemlich einmalig. Die Ermittlungen zu dem Trio zählen sicher zu den aufwändigsten der vergangenen Jahrzehnte beim LKA Niedersachsen.

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