Tödliche Verkehrsunfälle Appell gegen „Gemetzel auf den Straßen“
Jeden Tag sterben in Deutschland acht Menschen im Straßenverkehr. Eine Verkehrsinitiative aus Aurich fordert eine andere Mentalität, um das „Gemetzel auf den Straßen“ zu beenden.
Aurich - Hängt der Tod im Straßenverkehr mit einer falschen Mentalität zusammen? Dieser Ansicht ist die Initiative Lebensqualität und Mobilität für Aurich (Luma). Sie fordert „eine ehrliche gesellschaftliche Debatte“. Das Bündnis aus sieben Vereinen, darunter ADFC, „Ostfriesland fährt Rad“ und „Aurich ran an die Bahn“, setzt sich für eine Verkehrswende ein. „Ostfriesland ist in besonderer Weise von folgenschweren Verkehrsunfällen betroffen“, schreibt Luma in einer Pressemitteilung. „Deshalb sollte diese notwendige Debatte, wie die Anzahl von Verkehrsunfällen verringert und die Folgenschwere vermindert werden kann, auch und gerade hier geführt werden.“
Die Gesellschaft nehme „das tägliche Gemetzel auf unseren Straßen“ eher achselzuckend hin, heißt es weiter. „Solange wir nicht selbst betroffen sind oder jemand aus der Familie oder dem engeren Freundeskreis.“ Tag für Tag sterben in Deutschland acht Menschen im Straßenverkehr. Niedersachsen sei mit 52 Getöteten je eine Million Einwohner das zweitriskanteste der 16 Bundesländer, schreibt Luma unter Berufung auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Nur in Sachsen-Anhalt sei die Bilanz noch schlechter (59 pro Million). In den Landkreisen Aurich und Wittmund waren 2022 zehn Verkehrstote zu beklagen, darunter sechs Zweiradfahrer. 201 Menschen wurden schwer verletzt. Die Zahlen für das Jahr 2023 stellt die Polizeiinspektion Aurich/Wittmund am Mittwoch, 10. April 2024, vor.
Kontrollen werden als „Abzocke“ betrachtet
„In Ostfriesland sind Verkehrsunfälle besonders folgenschwer, weil es hier viele Landstraßen gibt, auf denen mit hoher Geschwindigkeit gefahren wird“, schreibt Luma. „Die Unfallhäufigkeit ist hier im Verhältnis zur Bevölkerungszahl überdurchschnittlich hoch. Und überhöhte Geschwindigkeit ist bei tödlichen Verkehrsunfällen die Unfallursache Nummer eins.“ Weitere Unfallursachen seien Fehler beim Abbiegen, Missachtung der Vorfahrt und zu geringer Sicherheitsabstand. Es sei „offenkundig, dass diese sich ständig wiederholenden Fehler in einem Zusammenhang mit unseren Grundeinstellungen zum Verkehr stehen“, meint der Verband. Deshalb müsse eine Debatte geführt werden „über die Mentalität, die wir als Gesellschaft zum Thema Verkehr verinnerlicht haben“.
Die Verkehrspolitik der vergangenen Jahrzehnte habe dazu geführt, dass der Autoverkehr im Vergleich zum Fuß- und Radverkehr als wichtiger gelte, schreibt Luma. Autos werde wesentlich mehr Platz eingeräumt. Die Breite von Fahrbahnen werde kaum hinterfragt. Für Radfahrer und Fußgänger sei dann „leider nicht mehr genügend Platz vorhanden“. Auch die Forderung nach Schnelligkeit werde nicht hinterfragt. Die „Flüssigkeit des Verkehrs“ stehe sogar als oberstes Ziel im Straßenverkehrsgesetz. Tempolimits seien unbeliebt, zu schnelles Fahren gelte als normal. Geschwindigkeitskontrollen würden als „Abzocke“ empfunden. Diese Gemengelage erhöhe das Unfallrisiko, meint Luma. Dabei seien Tempolimits ein probates Mittel, um die Unfallgefahr signifikant zu verringern, erklärt Luma-Aktivist Albert Herresthal. Er verweist auf das Beispiel Lyon. In der drittgrößten französischen Stadt gilt seit dem 30. März 2022 auf mehr als 80 Prozent der Straßen Tempo 30. Seitdem sind in Lyon 35 Prozent weniger Unfälle passiert und sogar 39 Prozent weniger Unfälle mit Toten oder Schwerverletzten, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtet. „Damit wird die Steigerung der Verkehrssicherheit deutlich mit Zahlen belegt“, schreibt Herresthal. „Es kann nicht mehr länger als Glaubensfrage gelten, sondern es gibt nun belastbare Daten.“
Was Luma verschweigt
Was Luma allerdings verschweigt: Gemessen an der Verkehrsdichte ist das Unfallrisiko in den vergangenen Jahrzehnten stark gesunken. Im traurigen Rekordjahr 1970 starben auf den Straßen in Deutschland 19.193 Menschen, rechnerisch 53 am Tag. „Das Gemetzel, das wir Verkehr nennen“, schrieb damals das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Im Jahr 2023 gab es in Deutschland 2817 Verkehrstote, also gut 85 Prozent weniger – und das, obwohl zu diesem Zeitpunkt dreieinhalb mal so viele Autos zugelassen waren wie 1970.
Gründe für den Rückgang sind unter anderem die Anschnallpflicht, die 0,5-Promille-Grenze, das Tempolimit von 100 auf Landstraßen und eine bessere Ausstattung der Autos, etwa mit Kopfstützen und Airbags. Übrigens: Nicht nur die Zahl tödlicher Autounfälle ist rückläufig. 1970 kamen im Straßenverkehr viermal so viele Radfahrer ums Leben wie 2023.
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