Noch kein Urteil Verwirrung um Massenschlägerei im Metadrom
War es eine Massenschlägerei mit Schwerverletzten oder nur ein bisschen Rumgezicke? Was am 15. Juni 2019 auf einer Hochzeitsfeier in Großefehn tatsächlich passierte, bleibt im Dunkeln.
Aurich/Großefehn - Artete eine kurdische Hochzeitsfeier mit 700 Gästen am 15. Juni 2019 im Metadrom in Großefehn in einem Gewaltexzess aus oder war doch alles halb so schlimm? Diese Frage versucht das Landgericht Aurich derzeit in einer Berufungsverhandlung zu klären. Der Prozess sollte am Dienstag, 2. April 2024, zu Ende gehen, doch mit einem neuen Beweisantrag verzögerte einer der beiden Verteidiger das Verfahren. Das Urteil wird nun für den 23. April 2024 erwartet.
Der Hintergrund des Konflikts: Angeblich ist ein Teil der kurdischen Familie nicht damit einverstanden, dass eine Frau aus ihren Reihen einen Italiener geheiratet hat. Das Paar musste von der Feier fliehen. Zwei Brüder – ein 40-jähriger Auricher und ein 36-jähriger Leeraner – sollen eine Cousine an den Haaren gezogen, geschlagen und schließlich auf dem Boden mit einem Baseballschläger bewusstlos geprügelt haben.
Vom Amtsgericht Aurich verurteilt
Der ihr zu Hilfe eilende Vater sei mit Faustschlägen ins Gesicht niedergestreckt und danach ebenfalls mit Tritten und einem Baseballschläger verletzt worden, heißt es in der Anklageschrift. Auch dessen Ehefrau hätten die Angreifer verprügelt. Im Anschluss hätten die Angeklagten mit Baseballschlägern auf das Auto des flüchtenden Paars eingeschlagen und einen Schaden von etwa 6000 Euro verursacht.
Am 21. Oktober 2021 wurden die beiden Brüder vom Amtsgericht Aurich schuldig gesprochen. Der Auricher wurde wegen gefährlicher Körperverletzung und schweren Landfriedensbruchs zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Sein Bruder erhielt wegen schweren Landfriedensbruchs eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Der ebenfalls angeklagte jüngere Bruder der beiden wurde freigesprochen.
„Es gab keine Schlägerei“
Die beiden verurteilten Brüder haben gegen das Urteil des Amtsgerichts Aurich Berufung eingelegt. Seit dem 28. Februar 2024 verhandelt die 3. Kleine Strafkammer am Landgericht Aurich unter Vorsitz von Malte Sanders den Fall neu. Auch am vermeintlich letzten Prozesstag passierte das, was vorhergehende Verhandlungstage geprägt hatte: Zeugen blieben weg oder verweigerten die Aussage, weil sie mit den Angeklagten verwandt sind oder weil sie sich nicht selbst belasten wollen.
Ein Cousin der beiden Angeklagten erklärte im Zeugenstand, alles sei halb so schlimm gewesen. „Das Ganze wurde ein bisschen größer gemacht, als es war“, sagte der 31-Jährige. Einige Frauen aus der Familie hätten sich „plötzlich angezickt“. Daraufhin habe sich draußen eine größere Menschenmenge versammelt, und schließlich habe jemand die Polizei gerufen. „Es gab keine Schlägerei“, erklärte der Zeuge auf Nachfrage. „Das kann ich ausschließen.“ Der Ursprung des Streits sei nicht mehr auszumachen gewesen. „Als hätte jeder mit jedem gestritten.“
Betriebsleiter im Zeugenstand
Die Familie habe sich längst wieder ausgesöhnt, gab der Zeuge zu Protokoll. „Als wäre das nie passiert. Heute spricht jeder mit jedem.“ Ein weiterer entfernter Verwandter der beiden Angeklagten erklärte, dass „gar nix passiert“ sei. Er wisse nicht, weshalb die Polizei gekommen sei, sagte der 38-Jährige. Die Familie regele so etwas unter sich.
Auch der damalige Betriebsleiter des Metadrom wurde als Zeuge vor Gericht gehört. Der 56-Jährige sprach von einem Tumult, der durch zwei streitende Frauen ausgelöst worden sei. In dem Streit sei es um die Art und Weise gegangen, wie die Hochzeitsfeier ausgerichtet wurde. „Jeder Sohn stand für seine Mutter ein“, sagte der Zeuge. So habe sich die Sache hochgeschaukelt. In Windeseile habe sich ein größerer Teil der Gäste nach draußen begeben und dort wild gestikulierend diskutiert.
Ansprache von der Colakiste aus
Einige Gäste hätten versucht, die Wogen zu glätten, erklärte der ehemalige Betriebsleiter. Das Personal habe die Notausgänge bewacht. Er selbst sei hinausgegangen und habe sich auf dem Parkplatz auf eine Colakiste gestellt, um sich Gehör zu verschaffen. Er habe in die Hände geklatscht und versucht, die Angelegenheit mit Ironie anzugehen. Er habe gerufen: „Bravo! Jetzt müsst ihr damit rechnen, dass die Polizei kommt.“ Prompt hätten die Nachbarn die Polizei gerufen. Beim Eintreffen der Beamten habe sich die Lage schon wieder beruhigt. „Alles war ruhig und unter Kontrolle.“
Nachdem sich die Gemüter beruhigt hätten, sei die Hochzeitsfeier weitergegangen, sagte der 56-Jährige. Man habe die Hochzeitstorte aufgefahren. Er habe weder Waffen noch Baseballschläger gesehen, erklärte der ehemalige Betriebsleiter auf Nachfrage. „Ich war darauf fokussiert, Ruhe zu kriegen.“ Das habe auch geklappt. „Sonst hätten wir die Hochzeit abbrechen müssen.“ Verletzte habe es nicht gegeben.
Die Verhandlung am Landgericht Aurich wird am 23. April 2024 um 9 Uhr fortgesetzt. An diesem Tag soll das Urteil fallen.