Der Künstler und seine Welt  Warum ein Schauspieler im nächsten Leben Musiker sein will

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 25.03.2024 09:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
So sieht Hansa Czypionka im Musiker-Outfit aus. Foto: privat
So sieht Hansa Czypionka im Musiker-Outfit aus. Foto: privat
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Der gebürtige Sandhorster Hansa Czypionka hat als Schauspieler Karriere gemacht. Jetzt geht er einen neuen künstlerischen Weg. Damit hat auch ein Auricher Ex-Ortsbürgermeister etwas zu tun.

Aurich - Da steht er, der Stein. Ein Koloss aus Basalt oder Granit. Etwas ist in ihm verborgen, ein Wesen, eine Gestalt, etwas, das der Bildhauer freilegen muss. Mit Tausenden feinen Hieben, die das Material entfernen und den Blick auf das Versteckte freigeben. Hansa Czypionka kennt die Qualen und Freuden dieser Arbeit. Er hat in den 80er Jahren den Beruf des Steinmetzes erlernt. Es sollte etwas Handfestes sein, was er sein Leben lang machen wollte. Das war die Ursprungsüberlegung des Künstlers, der in Aurich geboren wurde, die Stadt aber schon im Säuglingsalter mit seinen Eltern verlassen hat, um nach Bochum zu ziehen. Er wollte etwas Greifbares machen. Deshalb wurde der eigentliche Wunsch hintenangestellt, Schauspieler zu werden. Doch irgendwann wurde der Wunsch übermächtig, in andere Personen reinzuschlüpfen.

Hansa Czypionka gastiert am 23. Mai 2024 in Aurich. Foto: privat
Hansa Czypionka gastiert am 23. Mai 2024 in Aurich. Foto: privat

So ging Hansa Czypionka doch noch auf die Folkwangschule in Essen und bekam gleich eine Rolle in der Bergarbeiter-Saga „Rote Erde“, die 1983 und 1989 unter der Regie von Klaus Emmerich gedreht wurde. Es war ein Sprungbrett für eine rasante Theater- und Fernsehkarriere. Der mittlerweile in Berlin lebende Künstler ist bisher in mehr als 80 Rollen zu sehen gewesen. Die wohl bekanntesten: der Tom in „Jenseits der Stille“ (1996) unter der Regie von Caroline Link und „Happy Birthday, Türke“ (1991), bei dem Doris Dörrie Regie führte. Für die Darstellung des Privatdetektivs Kemal Kayankaya wurde der Schauspieler mit dem Bayerischen Filmpreis geehrt. In „Jenseits der Stille“ spielt die Musik eine Schlüsselrolle. Lara, die Hauptfigur, wächst als Tochter gehörloser Eltern auf und ist deren wichtigste Verbindung zur Welt. Ihr Wunsch, Klarinettistin zu werden, stürzt sie deshalb in einen dramatischen Konflikt. Soll sie die Eltern wegen ihrer Liebe zur Musik verlassen?

„Das sind 100 Prozent Hansa“

Musik hat auch im Leben von Hansa Czypionka immer eine wichtige Rolle eingenommen, mittlerweile vielleicht sogar eine Hauptrolle: „Ich spiele inzwischen meine eigenen Lieder. Und darüber bin ich sehr glücklich“, sagt er im Gespräch mit der Redaktion. Im Mai wird er im Rahmen einer kleinen Tour auch nach Ostfriesland kommen, unter anderem nach Aurich und Leer. „Wenn ich jetzt auf der Bühne bin, dann ist das zu 100 Prozent Hansa“, sagt er und man spürt den inneren Jubel. Als Schauspieler habe er immer in andere Rollen schlüpfen und sich Charaktere anverwandeln müssen. Jetzt habe er etwas Eigenes. Keiner rede ihm rein und sage, er müsse jetzt von rechts nach links gehen oder lauter sprechen.

„Diese Autonomie zu haben gefällt mir gerade total“, ist das Credo des Künstlers. Er spricht davon, dass ein lebenslanger Traum Wirklichkeit geworden ist. Schon als Fünfjähriger sei dieser Drang, in eine Klangwelt einzutauchen, sehr präsent in ihm gewesen. „Es gibt ein Foto, das mich auf einem Stuhl stehend zeigt, während ich ,Der Hut, der hat drei Eckenʻ singe“, erinnert sich Hansa Czypionka. Als Teenager sei sein musikalischer Kosmos vor allen Dingen von Bob Dylan und Leonard Cohen bevölkert gewesen.

Der Moment, als Hansa als Dreijähriger ein Lied vorgetragen hat, wurde fotografisch festgehalten. Foto: privat
Der Moment, als Hansa als Dreijähriger ein Lied vorgetragen hat, wurde fotografisch festgehalten. Foto: privat

Wohnung verwandelt sich in Konzertsaal

Er hat vorwiegend alleine musiziert. Nur während einer kurzen Phase an der Folkwangschule gab es mal eine Stippvisite als Bassist bei einer Band. Später hielt ihn dann der Beruf des Schauspielers in Atem. Wer hat während energiefressender Proben und Dreharbeiten noch die Kreativität, zum Instrument zu greifen? Um diese Freiheit zu leben, gibt es den Sonntag. „Seit 20 Jahren lade ich regelmäßig in mein Berliner Loft zum General Cluster ein, also zum freien Improvisieren“, sagt Hansa Czypionka. Das werde mal gut, mal weniger gut angenommen, ganz so, wie es passt. Auf der Website (www.generalcluster.org) kann man sich die Ergebnisse anhören. Seine Wohnung verwandelt sich dann in einen Konzertsaal.

Von der Anzahl der Instrumente, die dort zur Verfügung stehen, ist sie fast so etwas wie eine Musikalienhandlung. Der Schauspieler besitzt mehr als ein Dutzend Gitarren, drei Orgeln, einen Flügel und unzählige weitere, häufig exotische Musikgeräte, wie es auf seiner Homepage heißt. Seine Kompetenz ist beeindruckend. Von sich selbst behauptet er, Ukulele professionell, Schlagzeug, Alphorn, Klavier, Saxophon, Bandoneon, Mandoline, Kontrabass und Bassgitarre gut zu spielen.

In der Musik steckt ein Stück Helge Schneider

„Die sonntäglichen Sitzungen nenne ich bewusst nicht Jam-Session. Das wäre mir schon zu strukturiert“, sagt der Künstler. „Es ist alles erlaubt – außer Absprachen.“ Eine Sanduhr gebe die Zeit vor: dreieinhalb Minuten. Mehr ist nicht drin. Bei seinen eigenen Songs sieht sich Hansa Czypionka in der Tradition der Singer-/Songwriter. Der Rezensent eines Czypionka-Youtube-Videos mit dem Titel „Holzweglabyrinth“ hat einen Liederabend so kommentiert: In der Musik stecke ein bisschen Helge Schneider, etwas Nazim Hikmet sowie ein anarchischer Bruder von Hannes Wader.

Dass der Schauspieler überhaupt in Ostfriesland musizieren wird, ist dem Kontakt zu Eckhard Hattensaur geschuldet. Der frühere Ortsbürgermeister von Sandhorst hatte im Februar vor sechs Jahren durch Zufall herausgefunden, dass Hansa Czypionka in Sandhorst zur Welt gekommen ist, und zwar am 1. März 1958. Er beschloss, ihm zu schreiben und ihm bei der Gelegenheit zum Geburtstag zu gratulieren. Daraus hat sich ein netter Kontakt entwickelt. Es folgte eine Einladung, nach Aurich zu kommen. Das nehme er am Donnerstag, 23. Mai 2024, wahr, sagt der Künstler. Dann wird er mit seinen Liedern ab 19.30 Uhr im Sandhorster Krug auftreten. Einen Tag später gastiert er mit dem Programm ab 20 Uhr im Leeraner Kulturspeicher. Karten gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen, unter anderem auch über Eventim und in den OZ-Media-Stores.

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