Gesichter einer Stadt Trotz Frühlingszaubers – Auricher Hafenbecken bleiben gammelig
Seit drei Monaten ist der Weg frei für eine Sanierung des Bürgermeister-Müller-Platzes. Doch die Auricher Politik hat nicht einmal angefangen, sich darüber Gedanken zu machen.
Aurich - Vögel schwirren hektisch durch die Luft, um Material für den Nestbau zu finden. Obstbäume stehen in voller Blüte, Tulpen bahnen sich einen Weg ans Licht: Es wird Frühling. Aufbruch überall in der Stadt. Nur am Bürgermeister-Müller-Platz in Aurich vor der Ostfriesischen Landschaft ist der Saisonbeginn optisch noch nicht angekommen. Die historischen Hafenbecken warten seit Jahren darauf, instandgesetzt zu werden. Seit 2019 war das aus juristischer Sicht nicht möglich, weil die Stadt wegen der mangelhaft verarbeiteten Beckenverkleidung mit einigen Fachfirmen im Clinch war. Die Zivilkammer am Landgericht Aurich musste über den Fall entscheiden – und tat dies zugunsten der Stadt. Es wurde für Recht befunden, dass die Beckenplatten falsch montiert worden sind. Deshalb mussten die beklagten Firmen zahlen. Die Stadt hat jetzt seit Anfang des Jahres 275.000 Euro auf dem Konto, Geld, mit dem der Bürgermeister-Müller-Platz aufgewertet werden könnte.
Doch seit drei Monaten ist nichts passiert. Es ist nicht einmal über die Frage einer Sanierung diskutiert worden. Arnold Gossel bestätigt das. Der CDU-Fraktionschef wundert sich auf Anfrage der Redaktion selbst ein bisschen darüber, dass das Thema auf keiner Tagesordnung in dem zuständigen Fachausschuss aufgetaucht ist. Der kommissarisch mit dieser Frage betraute Dezernent war urlaubsbedingt für eine aktuelle Stellungnahme nicht erreichbar. Die Redaktion hat die möglichen Alternativen, die bisher zur Zukunft der Hafenbecken im Gespräch waren, in einer Liste zusammengetragen.
Vorschlag 1: Die Hafenbecken werden mit Erde befüllt und bepflanzt
Diese Alternative würde bedeuten, dass die Mitarbeiter des Baubetriebshofs sich um die dort anzupflanzenden Stauden und Gehölze kümmern müssten. Es wäre erforderlich, Unkraut zu jäten, Sträucher zu beschneiden sowie im Herbst abgestorbene Triebe zu entfernen. Das würde langfristig einen beträchtlichen Pflegeaufwand erfordern. Grundsätzlich müsste geprüft werden, ob ein Bepflanzen technisch möglich ist. Das wäre nur dann der Fall, wenn man Staunässe verhindern könnte. Bei oberflächlicher Betrachtung sieht es so aus, als könne Gieß- und Regenwasser in den auslaufsicheren Becken nicht abfließen.
Vorschlag 2: Die Hafenbecken werden wieder mit Wasser gefüllt und mit einer dicken Glasplatte abgedeckt
Die CDU-Fraktion hatte erwogen, für die Becken massive Glasplatten anfertigen zu lassen, um diese abzudecken. „So könnte man Algenbildung im Wasser unter Umständen verhindern“, sagte Arnold Gossel. Wiederholt war kritisiert worden, dass sich das stehende Wasser grün verfärbt. Der Vorschlag der CDU ist relativ neu und müsste zunächst geprüft werden. Schwierig könnte sich die Frage gestalten, wie die Platten bewegt werden sollen. Es handelt sich schließlich nicht um ein Aquarium, wo das Glas relativ umstandslos angehoben und entfernt werden kann.
Vorschlag 3: Die Hafenbecken bleiben als historisches Zitat erhalten
Die historischen Hafenbecken sollten an den Hafen erinnern, den es an dieser Stelle bis in die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein gab. Er wurde zugeschüttet. Die Erinnerung daran solle man wachhalten, hieß es immer wieder aus den Reihen der Politik. Wie konkret das aussehen könnte, wurde aber nicht formuliert. Lediglich Tafeln mit der Historie aufzustellen, ist sicher kein geeigneter Weg, um den großen Platz zu bespielen.
Vorschlag 4: Das Hafenbecken wird abgerissen
Die AWG-Fraktion im Auricher Stadtrat war immer ein Gegner der historischen Hafenbecken. Sie hatte vor den Folgekosten gewarnt, die sich unter anderem durch die regelmäßige Reinigung ergaben. Die Probleme der Vergangenheit hätten gezeigt, dass sie mit ihren Warnungen richtig liegen, so AWG-Fraktionschef Richard Rokicki. Er wirbt seit Jahren für einen Abriss der Becken. Der mehrere Jahre alte Kostenvoranschlag für diese Alternative beläuft sich auf rund 230.000 Euro.
Welcher dieser Vorschläge sich durchsetzt, ist schwer abzusehen. Noch ist das Thema nicht auf der Tagesordnung einer Fachausschusssitzung. Derzeit ist wegen der Osterferien Sitzungspause. Die nächste Bauausschusssitzung ist auf Dienstag, 16. April 2024, terminiert.
Welke Blätter tänzeln über den Beckenboden, vorbei an verkrusteten Schmutzflecken. Vereinzelt breiten sich Pfützen aus. Wer in diesen Tagen an den historischen Hafenbecken vorbeigeht, wendet seinen Blick rasch ab. Am Bürgermeister-Müller-Platz ist das Stiefkind der Auricher Politik ins Pflaster eingelassen: die historischen Hafenbecken. Einst als Vorzeigeprojekt einer innovativen Georgswall-Sanierung gepriesen, rottet die Installation jetzt vor sich hin. Sie droht zum Sinnbild einer Stadt im Abstiegskampf zu werden. Das Paradoxon: Durch den gewonnenen Prozess vor dem Landgericht gibt es die finanziellen Mittel, um am Zustand der Hafenbecken etwas zu ändern. Woran hapert es jetzt? An Kreativität? An Tatkraft? Fühlt sich niemand zuständig? Nach fünfjährigem Stillstand am Bürgermeister-Müller-Platz wird es langsam Zeit, Schwung in das Projekt zu bringen. Alles andere wäre beschämend.Beschämender Stillstand