Osnabrück  Das Berliner Stadtschloss und seine falschen Propheten

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 23.03.2024 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Eine Skulptur des Propheten Jeremias, die für die Kuppel-Balustrade des Humboldt-Forums bestimmt ist, schwebt bei ihrer Montage über dem Forum in Sichtweite des Fernsehturms. Foto: picture-alliance/dpa
Eine Skulptur des Propheten Jeremias, die für die Kuppel-Balustrade des Humboldt-Forums bestimmt ist, schwebt bei ihrer Montage über dem Forum in Sichtweite des Fernsehturms. Foto: picture-alliance/dpa
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Musste das wirklich sein? Das Berliner Stadtschloss ist mit Figuren der acht biblischen Propheten ausgestattet worden. Das passt nicht zur weltverbindenden Botschaft des Humboldt-Forums.

Jede von ihnen ist mehr als drei Meter hoch und wiegt drei Tonnen. Doch ihre Symbolik drückt das Berliner Humboldt-Forum ungleich schwerer als ihr schieres Gewicht: Die Figuren der acht Propheten, die nun auf die Balustrade des Stadtschlosses gesetzt worden sind, machen den ganzen Bau wieder ein Stück unglaubwürdiger. Was soll die alttestamentarische Botschaft an einem Haus, das dem Dialog der Kulturen gewidmet sein soll?

Von der Höhe des Schlossnachbaus blicken nun Jesaja, Hosea, Zephania, Zacharias, Jonas, Daniel, Jeremias und Hesekiel aus luftiger Höhe auf eine Welt, die ihnen zu Füßen liegt. So gehört es sich für Propheten. Zu jener Augenhöhe, die das Humboldt-Forum für den Kontakt der Kulturen der Welt herstellen will, passt das überhaupt nicht. Wo Gesprächspartner gleichberechtigt miteinander sprechen, sind Propheten und ihre angeblich überlegenen Gewissheiten fehl am Platz.

Es hilft einfach nichts: Die Propheten-Figuren passen vielleicht noch zum Stadtschloss, aber nicht zu dem, was es beherbergt – dem Humboldt-Forum. Außen und Innen, Hülle und Inhalt, sie treten bei diesem Bau wieder einmal schmerzhaft deutlich auseinander.

Dieser Widerspruch klafft längst wie eine Wunde. Erst wurde der Schlosskuppel das Kreuz wieder aufgesetzt, dann folgte ein Spruchband, das die Unterwerfung unter das Christentum fordert. Und nun die Propheten. Preußen-Puristen bejubeln die Rekonstruktion. Für mich ist das eher eine Restauration – jene sehr überlebter Ideen.

Haben die Hohenzollern nicht mit eben diesem Bauschmuck den absoluten Anspruch ihrer Monarchie symbolisch überhöhen wollen? Und dass im Revolutionsjahr 1848, als Bürger Freiheit und Mitsprache forderten? Ich finde es unverständlich, dass ein derartig gestriges Bildprogramm nun wieder die Mitte Berlins dominiert.

Dieses Programm kündet von absoluten Anspruch, aber nicht von Toleranz. Dialog, Kulturkontakt, Globalität? Mit biblischen Propheten ist gerade das nicht zu machen.

Man musste dagegen kein Prophet sein, um schon den Plan dieses klobigen Kastens für misslungen zu halten. 2002 votierte der Bundestag für die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses. Eine verpasste Chance. Ein ganz neuer Bau an der Stelle des abgeräumten Schlosses – das wäre sie gewesen, Deutschlands glaubwürdige Botschaft an das globale 21. Jahrhundert.

Ich finde, dass Franco Stellas halbe Rekonstruktion des alten Schlosses bis heute nicht wirklich in Berlins Mitte angekommen ist. In unserer Gegenwart ohnehin nicht. Zu kalt, zu abweisend, obendrein seltsam disparat: Man muss kein Krittler sein, um mit diesem Preußen-Monstrum seine Probleme zu haben.

Kein Wunder, dass beim Thema Propheten nicht nur die Figuren auf dem Dach das Problem sind. Diskussionen um Spender aus dem rechten Spektrum, die Kontroverse um den Unterstützer und verschrobenen Preußen-Fan Erhardt Bödecker – das Projekt Stadtschloss hat immer wieder seltsame Seher angezogen. Das sagt schon eine Menge, finde ich.

Richtig schön ist das Leben im Hier und Jetzt. Ein solches Leben kommt ohne Seher und Sager, ohne Protzer und Propheten aus. Beim Berliner Stadtschloss offenbar nicht. Die acht neuen Figuren kommen zusammen auf massige 26 Tonnen Gewicht. Jedes einzelne Gramm von ihnen ist eines zu viel.  

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