Zahl der Straftaten auf Rekordniveau  So will Norden die Jugendkriminalität in den Griff kriegen

| | 19.03.2024 09:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Michael Pape, Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes in Norden, Revierleiter Ingo Brickwedde und Jugendamtsmitarbeiterin Tina Schipper stellten die Kriminalitätsstatistik und die neuen Präventionsideen vor. Foto: Rebecca Kresse
Michael Pape, Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes in Norden, Revierleiter Ingo Brickwedde und Jugendamtsmitarbeiterin Tina Schipper stellten die Kriminalitätsstatistik und die neuen Präventionsideen vor. Foto: Rebecca Kresse
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Die Kriminalitätsrate unter Kinder und Jugendlichen in Norden ist explodiert. Eine gemeinschaftliche Präventionsstrategie soll nun für Abhilfe sorgen.

Norden - Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Innerhalb eines Jahres ist die Kinder- und Jugendkriminalität im Bereich des Polizeikommissariates (PK) Norden um fast 80 Prozent (79,14) gestiegen. Von 302 Taten im Jahr 2022 auf 541 Taten im Jahr 2023. In Norden will man diese „heftigen Zahlen“, wie Michael Pape, Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes, sie nennt, nicht einfach hinnehmen. Schon als sich im vergangenen Jahr der Anstieg Jugendkriminalität abzeichnete, gründete der Präventionsrat eine Arbeitsgruppe mit dem Namen „Runder Tisch zur Prävention der Jugendkriminalität in der Stadt Norden“. In diesem Bündnis aus Polizei, Jugendamt, Quartiermanagement, Ordnungsamt und Sozialarbeit werden zurzeit Maßnahmen erarbeitet, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Eines machte Michael Pape klar: „Wir als Polizei allein können dem Problem nicht Herr werden. Wir brauchen Hilfe von allen“, sagte er bei der Vorstellung der Kriminalstatistik. Ein Blick auf den Anstieg der Taten im Bereich der Kinder- und Jugendkriminalität macht deutlich, wie recht er hat. Die Diebstahlsdelikte sind von 2022 bis 2023 um 60 Prozent angestiegen, im Bereich der Körperverletzung verzeichnet Norden einen Anstieg von 106 Prozent, bei Sachbeschädigungen knapp 81 Prozent. Noch schlimmer sind die Zahlen bei Widerstand und tätlichen Angriffen (plus 320 Prozent), Bedrohungen (plus 288 Prozent) und Beleidigungen (plus 244 Prozent).

Norden will nachhaltige Präventionsarbeit

Dabei seien die Konstellationen der Täter sehr unterschiedlich. Laut Pape sind es Menschen mit und auch ohne Migrationshintergrund. „Das sind Menschen, die schon lange hier leben und aus verschiedenen Regionen kommen und genauso Leute, die hier geboren sind.“ Das unterstrich auch der PK-Leiter Ingo Brickwedde. Die Frage nach den Tätergruppen sei berechtigt und auch notwendig. „Wenn wir dafür sorgen wollen, dass wir uns nachhaltig sicher fühlen, müssen wir auch ehrlich und offen sein, bei der Frage nach den Ursachen für die Kriminalitätsentwicklung“, sagte Brickwedde. Es müsse auch ein gesellschaftlicher Diskurs erlaubt sein. „Wenn wir die Fragen nicht beantworten, werden wir nie die Ursachen für dieses Phänomen bekämpfen können, sondern uns tagtäglich nur mit den Symptomen beschäftigen“, sagte er. Das aber habe mit nachhaltiger Prävention überhaupt nichts zu tun.

Genau die soll es in Norden künftig aber geben. Dazu zählt laut Tina Schipper, beim Landkreis Aurich im Bereich des Sozialraummanagements tätig und Mitglied des Präventionsrates, auch die Analyse, warum die Kinder- und Jugendliche straffällig werden. Risikofaktoren dafür seien zum Beispiel frühe Gewalt- und Missbrauchserfahrung, geringe Intelligenz, niedrige Schulbildung und mangelnde Impulskontrolle, ein unstrukturierter Tagesablauf. Außerdem zählen Suchterkrankungen, antisoziale Charakterzüge, Familienkonflikte und Straffälligkeit im näheren Umfeld dazu. Auch unsichere Bindungen zu den Eltern werden von Experten als Risikofaktor genannt. „Je mehr Risikofaktoren die Kinder und Jugendlichen in ihrem Umfeld haben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie in irgendeiner Form straffällig werden“, erklärte Schipper.

Polizei: Nur auf Migrationshintergrund zu schauen, ist zu wenig

Es sei zu einfach, nur auf einen eventuellen Migrationshintergrund zu schauen. „Ja, die Jugendlichen, die uns im Bereich des Norder Marktplatzes beschäftigen, haben eine Migrationsgeschichte. Das kann in erster, in zweiter oder auch in dritter Generation sein“, sagte Brickwedde. Dann machte er an sich selbst deutlich, wie einseitig diese Denkweise ist: „Ich betone, ich habe auch eine Migrationsgeschichte. Ich bin ein Ostfriese mit Migrationsgeschichte, denn ich stamme auch nicht von hier. Bin ich hier gewollt oder nicht?“, so Brickwedde.

Auch die Corona-Pandemie und deren Folgen reichen dem Revierleiter nicht als alleiniger Faktor aus, um die steigende Kriminalität zu erklären. Corona habe zwar eine Rolle gespielt, zum Teil sei es aber auch ein Stück Perspektivlosigkeit bei den Jugendlichen, oder das Gefühl, abgehängt zu sein.

Es gebe ganze Dynastien, die Polizei und Jugendamt beschäftigen

Tina Schipper, die zusätzlich eine Ausbildung zur Präventionsfachkraft, die sogenannte Beccaria-Ausbildung, gemacht hat, leitet die den Runden Tisch und erläuterte die Idee. Es gebe sieben Schritte zu einem erfolgreichen Präventionsprojekt. Angefangen mit der Problembeschreibung, über die Ermittlung der Ursachen, der Festlegung der Ziele und der Maßnahmen bis hin zur Projektkonzeption und -durchführung, Überprüfung und Dokumentation.

Ein Blick darauf, wie die Probleme der Jugendlichen entstanden sind, habe deutlich gemacht: Es gibt keine einfachen Erklärungen. Jeder Jugendliche bringe seine eigene Geschichte mit. „Da sind dann zum Beispiel die Jugendlichen, die in einer Familie aufwachsen, wo alles drunter und drüber geht. Es gibt ganze Dynastien. Die begleiten die Polizei seit Jahrzehnten. Die begleiten unser Jugendamt seit Jahrzehnten, sagte Schipper. Die Frage sei, wie man diese Kinder und Jugendlichen unterstützen und so weit bringen kann, dass „ein gesundes, straffreies Aufwachsen zustande kommt, damit sie irgendwann ein gutes Leben führen können“, betonte sie.

Im Sommer könnten erste Maßnahmen umgesetzt werden

Zurzeit gehe es bei dem Runden Tisch darum, Ziele und Maßnahmen zu erarbeiten. Bis zum Sommer wollen die Mitglieder so weit sein, Dinge auch in der Praxis umsetzen zu können. Als hilfreich habe sich schon jetzt gezeigt, dass viele Personen mit verschiedenen Blickwinkeln beim Runden Tisch dabei seien. Zum Beispiel gehe es dem Ordnungsamt und der Polizei um ein Sicherheitsgefühl mitten in der Stadt. Die Sozialarbeiter blickten zunächst auf die Jugendlichen.

Klar ist den Beteiligten auch: An Intensivtäter komme man nicht mehr mit Prävention heran, da gehe es um Intervention. All die richtigen Maßnahmen auszuarbeiten sei ein langer Prozess. „Das war von Anfang an klar, dass wir nicht innerhalb von drei bis vier Wochen Maßnahmen an den Start bringen können. Das möchten wir auch nicht. Wir wollen etwas Nachhaltiges“, sagte Schipper.

Polizei und Sozialarbeit: Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Dafür brauche es auf lange Sicht auch weitere Kooperationspartner. Zum einen sollen Kitas und Grundschulen mitarbeiten, aber auch das Quartiersmanagement, die Kreisvolkshochschule und der Kinderschutzbund sollen mit ins Boot genommen werden.

Neben den ganzen Institutionen liege es aber auch an jedem Einzelnen, seinen Beitrag für eine gute Beziehungsarbeit mit Kindern, Jugendlichen, Familien und Menschen vor Ort zu leisten. „Ein Lächeln hilft mehr, als böse zu gucken. Ein Hallo oder Moin gegenüber jemandem, der da steht und komisch guckt, ist immer netter als ihn anzupöbeln“, erklärte Schipper, was sie meint. Auch soll der Fokus in den kommenden Jahren verstärkt auf die Elternarbeit in Krippen, Kindergärten und Schulen gelegt werden.

„Egal, wo wir in der Prävention sind, wir stärken Kinder und Jugendliche, aber es geht nicht ohne die Erwachsenen“, betonte Schipper. Wenn die Eltern das nicht können, müssten es andere Erwachsene sein. Es gehe um eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung.

„Wir sind uns der Aufgabe bewusst, aber in Ostfriesland wird uns das gelingen“, sagte Ingo Brickwedde zuversichtlich. Das Projekt sei in der Polizeidirektion Osnabrück. Es sei ein Versuch, neue, andere Wege zu gehen, die einen nachhaltigen Effekt erzielen.

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