Zürich  Aufstand gegen René Benko: Die Signa-Gläubiger wollen sein Team entmachten

Andrea Martel, Matthias Benz
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Von Andrea Martel, Matthias Benz
| 15.03.2024 14:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Das Signa-Imperium von Firmengründer René Benko geht unter. Doch selbst auf den Insolvenzprozess haben er und sein Kernteam noch Macht. Foto: dpa/Hans Klaus Techt
Das Signa-Imperium von Firmengründer René Benko geht unter. Doch selbst auf den Insolvenzprozess haben er und sein Kernteam noch Macht. Foto: dpa/Hans Klaus Techt
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Die Gläubiger drängen auf eine Treuhandlösung, weil sie Benko und seinem Team misstrauen. Er soll bei der Verwertung der wichtigsten Signa-Gesellschaften keinen Einfluss mehr haben. Der Prozess beleuchtet, wie außergewöhnlich der Signa-Untergang ist.

So intransparent die Signa-Gruppe zu ihren erfolgreichen Zeiten war, so intransparent präsentiert sie sich in ihrem Niedergang. Noch immer ist bei den beiden größten Immobiliengesellschaften der Gruppe, der Signa Prime und der Signa Development, das bisherige Management am Ruder, das dem Firmengründer René Benko nahesteht. Die Sanierung läuft bei beiden Unternehmen in Eigenverwaltung: Das heißt, ein Sanierungsverwalter kontrolliert, aber das Management bereitet die Entscheidungen vor.

Das führt dazu, dass nach wie vor Dinge geschehen, die aus Sicht der Gläubiger Fragen aufwerfen. So hieß es etwa vor einem Monat, ein größeres Immobilienportfolio der Signa Prime in Österreich solle en bloc verkauft werden. Ein Paketverkauf ist jedoch nicht geeignet, um einen guten Preis zu erzielen. Der vom Management gemachte und vom Sanierungsverwalter unterstützte Vorschlag nährte bei Gläubigern den Verdacht, dass Liegenschaften womöglich einer Partei mit Insiderwissen zugeschanzt werden sollen.

Bei der Signa Development brachten Gläubiger eine Strafanzeige ein, um auf potenziell unzulässige Finanztransaktionen hinzuweisen. Bis kurz vor der Insolvenzanmeldung waren dreistellige Millionenbeträge ohne Wissen der Geldgeber zwischen verschiedenen Signa-Firmen hin und her geschoben worden, mutmaßlich zum Schaden der Gläubiger von Signa Development.

Nun dürfte allerdings bald Schluss sein mit der Einflussnahme von René Benko und seinem Team. Eine „gewöhnliche“ Sanierung steht nicht mehr zur Diskussion – also ein Verfahren, bei dem das Unternehmen den Gläubigern zusichert, 30 Prozent ihrer Forderungen innert zwei Jahren zu erfüllen, aber danach wieder in die Unabhängigkeit entlassen wird.

Auf dem Tisch liegen nun stattdessen sogenannte Treuhandsanierungspläne. Dies ist den neusten Berichten der beiden Sanierungsverwalter von Signa Prime und Signa Development zu entnehmen, die die Gläubiger am Montag erhalten haben und die der NZZ vorliegen. Bei dieser Art von Sanierung kümmert sich eine Treuhandstelle (zum Beispiel die bisherigen Sanierungsverwalter) um den Verkauf der Vermögenswerte, wobei sämtliche Erlöse den Gläubigern zugutekommen.

René Benko und auch die anderen Aktionäre von Signa Prime und Development (darunter die Signa Holding) werden also kein Geld mehr sehen aus der Verwertung der beiden Gesellschaften. Bei einem normalen Verfahren hätten sie den Gläubigern die genannten 30 Prozent zahlen müssen. Auf den Rest ihrer Forderungen hätten die Gläubiger verzichtet, sodass alles, was nach der Deckung der Quote noch an Vermögenswerten übrig gewesen wäre, bei den bisherigen Besitzern verblieben wäre.

Ob die Anträge durchkommen, entscheiden die Gläubiger am kommenden Montag, 18. März. Dann finden, nach Abschluss der in Österreich eingeräumten Frist von 90 Tagen, die finalen Gläubigerversammlungen am Handelsgericht in Wien statt.

Für eine Genehmigung der Anträge braucht es laut Karl-Heinz Götze vom Kreditschutzverband 1870 eine doppelte Mehrheit: eine Mehrheit der anwesenden Gläubiger und die Mehrheit der Forderungen. Werden die Anträge abgelehnt, wird die jeweilige Gesellschaft liquidiert.

Ein Konkurs ist für die Gläubiger allerdings laut Sanierungsplan und Insolvenzverwalter finanziell die schlechtere Lösung. Sowohl in der Signa Prime als auch in der Signa Development stecken hochwertige Liegenschaften und Projekte. Bei diesen macht es einen großen Unterschied, ob sie kurzfristig in einem „fire sale“ verkauft werden oder ob man sich etwas mehr Zeit lassen kann.

Diese Einschätzung steht so auch im jüngsten Bericht der Sanierungsverwalterin der Signa Development an die Gläubiger. Laut dem Bericht kommen drei befragte Maklerfirmen unisono zu dem Schluss, dass das Marktumfeld für Verkäufe derzeit ungünstig ist, speziell was große Bürohäuser und Projektentwicklungen anbelangt. Alle drei gehen jedoch davon aus, dass sich in den nächsten zwei bis drei Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit bessere Erlöse erzielen lassen.

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Im Bericht der Signa Development gibt es konkrete Prognosen für die Verwertungserlöse. So sollen die Gläubiger im Fall einer Veräußerung ohne Zeitdruck darauf hoffen können, bis zu 40 Prozent ihrer Forderungen zu erhalten. Im Liquidationsszenario mit raschen Verkäufen wären es 19 bis 24 Prozent.

Vor diesem Hintergrund wäre es überraschend, wenn die Gläubiger die Anträge auf eine Treuhandlösung ablehnen würden. Denn beim Treuhandverfahren hätten die Verantwortlichen insgesamt fünf Jahre Zeit für die Verkäufe.

Trotz den klaren finanziellen Vorteilen wollte sich keiner der von der NZZ befragten Insider auf eine Abstimmungsprognose festlegen. Das zeigt, wie außergewöhnlich der Fall Signa ist. Das Misstrauen gegenüber dem bisherigen Management sei so groß und die Fronten so verhärtet, dass es auch Gläubiger geben könnte, die lieber ein Ende mit Schrecken – sprich einen Konkurs – wollten, so der Tenor von beteiligten Personen. Selbst wenn dies höhere finanzielle Einbußen bedeuten würde.

Die beiden neusten Berichte der Sanierungsverwalter sind in einigen Punkten kritischer gegenüber den Signa-Firmen und ihrem Management als die früheren Berichte. Bei den Ursachen des wirtschaftlichen Niedergangs der Signa Prime, in der Vorzeigeimmobilien wie das KaDeWe in Berlin oder der Elbtower in Hamburg gebündelt sind, wird erstmals nicht nur auf externe Faktoren wie die höheren Zinsen, die Baukostenteuerung oder eine Untersuchung durch die Europäische Zentralbank (EZB) verwiesen.

Die EZB hatte im Frühling 2023 diverse Banken zu ihrem Kreditengagement bei der Signa-Gruppe befragt, worauf die Banken René Benko keine weiteren Finanzierungen mehr gewähren wollten.

So ist nun auch davon die Rede, dass das Unternehmen selbst an seinem Untergang schuld sein könnte. „Die Frage, inwieweit endogene Faktoren den Vermögensverfall (mit-)verursacht haben, wird daher im Rahmen der Geltendmachung der an die Treuhänderin zu übergebenden Ansprüche geklärt werden“, heißt es im Bericht zur Signa Prime.

Zudem steht dort, dass Signa Prime ihre Finanzierungskosten aus dem laufenden Geschäft nicht habe decken können – und das schon seit 2019. „Das Geschäftsmodell der Signa Prime Selection war davon abhängig, dass laufend frische Liquidität für die Refinanzierung von bestehenden Finanzierungslinien und Neufinanzierungen zum Ausbau und zur Entwicklung von Development-Projekten beschafft werden konnte.“

Auch bei der Signa Development ist der Bericht deutlich: Gemäß diesem konnten die Gläubiger die Sanierungsverwalterin davon überzeugen, dass unerlaubte Finanztransaktionen stattgefunden haben. Laut dem Bericht konnten Mittelabflüsse in Höhe von mehr als 600 Millionen Euro festgestellt werden.

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Ein großer Teil dieser Mittel sei über Umwege an die Signa Holding geflossen und dann dort weiterverwendet worden. Es gehe nun darum, zu klären, wie diese Mittel genutzt worden seien. Soweit sich aus solchen Sachverhalten konkrete Haftungen, gegen wen auch immer, zugunsten der Signa Development ergäben, würden diese im Rahmen des Treuhandsanierungsplans geltend gemacht.

Auch auf die „teilweise massiv geäußerten Bedenken“ der Gläubiger gegenüber dem Management von Signa Development geht der Bericht ein. Die Sanierungsverwalterin habe sich „intensiv darum bemüht, möglichst zeitnah eine Veränderung im Management herbeizuführen“.

Allerdings kann man nicht alle bisherigen Verantwortlichen wegschicken – denn sonst ist niemand mehr da, der die oftmals versteckten Geldflüsse in der Signa-Gruppe kennt. „Ein konkreter Wissenserhalt gelingt aus heutiger Sicht auf Managementebene am ehesten durch Herrn Manuel Pirolt“, heißt es im Bericht. Pirolt regelt seit 2013 die Finanzen im Signa-Reich. Ganz ohne Benko-Getreue scheint es also auch in Zukunft nicht zu gehen.

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Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.

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