Hamburg Amoktat bei den Zeugen Jehovas: „Senator Grote hätte zurücktreten müssen“
Die Zeugen Jehovas gedenken am 9. März der Opfer der Amoktat vor einem Jahr. Für die Opposition in Hamburg wurden bei der Aufarbeitung des Verbrechens nicht die nötigen Konsequenzen gezogen.
„Ein solches Verbrechen haben wir in Hamburg bisher noch nicht erlebt“, beschrieb Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) den Abend des 9. März 2023 auf der Trauerfeier der Zeugen Jehovas in der Alsterdorfer Sporthalle. An diesem kalten Abend erschoss der psychisch kranke Philipp F. sieben Mitglieder seiner ehemaligen Glaubensgemeinschaft, darunter ein ungeborenes Mädchen. Anschließend tötete der 35-Jährige sich selbst.
Ein Jahr nach der Tat kämpft die Gemeinde noch immer mit den Folgen. „Jetzt, wo der Jahrestag näher rückt, ist das für alle zunächst auch ein bedrückendes Ereignis“, sagte der Sprecher der Zeugen Jehovas in Norddeutschland, Michael Tsifidaris. Die Aufarbeitung dieses „Ereignisses“ dauert bis heute an – persönlich, politisch, juristisch. Welche Spuren hat die unfassbare Tat hinterlassen? Was hat sich seitdem geändert? Was ist noch zu tun?
„Die Zeugen Jehovas klammern sich nicht an ein bestimmtes Ritual“, erklärt Sprecher Tsifidaris. Gleichwohl wird es zum Jahrestag eine kleine Gedenkfeier für die unmittelbar Betroffenen und deren Angehörige geben. Auch die Stadt Hamburg werde vertreten sein. Die Veranstaltung sei jedoch nicht öffentlich und werde nicht medial begleitet, sagt der Sprecher.
Das Gemeindezentrum an der Straße Deelböge werden die Zeugen Jehovas nicht mehr nutzen. Vor dem Eingang zum ehemaligen sogenannten Königreichssaal sind noch immer Botschaften der Anteilnahme zu sehen. „Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern der Gott Jehova“, heißt es dort unter anderem. Einen weiteren Gedenkort für die Opfer gibt es nicht.
„Die Traumata kehren zurück“, sagt Sprecher Zsifidaris. Die allermeisten der Überlebenden seien noch in therapeutischer Behandlung: „Zugleich sind wir froh, dass die Verletzten ungefähr sechs Wochen nach dem Tatgeschehen die Krankenhäuser verlassen konnten.“ Aber es werde auch physische Langzeitfolgen geben.
„Mir ist bewusst, dass es den normalen Alltag nicht mehr gibt“, sagte Monate nach der Tat Gemeindemitglied Julien shz.de. Der 29-Jährige hatte sich mit seiner Frau während des Amoklaufs in der Damentoilette verschanzt und die Tür mit einem Wischmopp verbarrikadiert. „Es tut besonders gut, mit denen zu sprechen, die an dem Abend dabei waren. Es ist schön, dass jedes Gefühl erlaubt ist. Jeder ist an einem anderen Punkt der Bewältigung“, ergänzte Fee (30). Sie überlebte, weil sich ein Seelsorger, wie die Gemeindeältesten bei den Zeugen Jehovas genannt werden, schützend auf sie warf. Der Mann wurde von Philipp F. erschossen.
Nach umfangreicher Aufarbeitung der Geschehnisse steht für die oppositionelle CDU in Hamburg fest: Wegen erwiesener, schwerer Versäumnisse in der polizeilichen Waffenbehörde dürfte Innensenator Andy Grote (SPD) nicht mehr im Amt sein. „Meines Erachtens hätte der Innensenator für das Fehlverhalten des Mitarbeiters der Waffenbehörde, das zu so viel Leid für die Betroffenen führte, die Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen mit einem Rücktritt ziehen müssen“, sagt CDU-Innenexperte Dennis Gladiator (CDU). Grote blieb, der damalige Polizeipräsident Ralf Martin Meyer ging im Oktober 2023 altersbedingt in den Ruhestand. „Philipp F. hätte keinen Waffenschein erhalten dürfen“, steht für Gladiator fest. „Spätestens als deutliche Hinweise auf seinen psychischen Zustand und das wirre Buch eingingen, hätte gehandelt werden müssen.“ Das von F. veröffentliche Werk trug Züge religiösen Fanatismus, wie Experten später analysierten. Die Mitarbeiter der Waffenbehörde lagen Hinweise auf den bedenklichen Inhalt vor, dennoch lasen die das Buch nicht.
Die Überlebenden würden sich weniger mit der Schuldfrage beschäftigten, sondern mehr mit der Frage, wer ihnen geholfen habe, sagt der Sprecher der Zeugen Jehovas, Michael Zsifidaris. Der kritische Blick vieler Medien auf die Strukturen der Glaubensgemeinschaft nach der Tat hätte jedoch Vorurteile und Ressentiments gefördert. Die Hasskriminalität gegen die Zeugen Jehovas habe deutschlandweit dramatisch zugenommen, dies sei eine Täter-Opfer-Umkehr.
Nach Ansicht von Unions-Politiker Dennis Gladiator zeigt die Analyse des Falls, dass „wieder einmal der Datenschutz zum Hindernis wird“. Seine Forderung: Der Informationsfluss zwischen den Sicherheitsbehörden insbesondere über psychisch labile Waffenscheinbesitzer müsse verbessert werden.
Innensenator Grote legte im Juni ein Maßnahmenpaket vor, mit dem Schwachstellen beseitigt und ähnliche Fälle künftig ausgeschlossen werden sollen. Ein erster der angekündigten Schritte ist laut Innenbehörde umgesetzt. Das gilt laut Senatsantwort auf eine Anfrage Gladiators für die Aufstockung der Stellen in der Waffenbehörde von 27 auf 33 Mitarbeiter. Auch laufe der Aufbau eines Kompetenzzentrums für Risikobewertung im LKA. Die vollständige Inbetriebnahme sei für den Sommer vorgesehen.
Die Hamburger Waffenbehörde hat als Konsequenz aus der Amoktat die Zahl ihrer Kontrollen deutlich erhöht – von 569 in 2022 auf 2026 im vergangenen Jahr. Zu deutlich mehr Beanstandungen führte dies indes nicht.
Erst Mitte Februar stellte die Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen drei Mitglieder eines im Schießverein des späteren Täters tätigen Prüfungsausschusses ein. Die Schuld der Männer sei als gering anzusehen, es liege zudem kein öffentliches Strafverfolgungsinteresse mehr vor, hieß es zur Begründung.
Damit läuft nur noch ein strafrechtliches Verfahren, das sich gegen einen Beamten der Waffenbehörde richtet. „Diese Ermittlungen werden wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung in sechs Fällen und der fahrlässigen Körperverletzung im Amt in elf Fällen geführt“, sagt Oberstaatsanwältin Liddy Oechtering. Es wird davon ausgegangen, dass auch diese Ermittlungen zeitnah abgeschlossen sein werden.
Auch in die Hamburger Kriminalitätsstatistik ist die Amoktat bei den Zeugen Jehovas eingeflossen. Allerdings wird darin nicht jeder der sieben Toten und elf Verletzten berücksichtigt – der Amoklauf taucht als ein Fall unter den Tötungsdelikten auf.