Hamburg Amoktat bei den Zeugen Jehovas jährt sich: Das ist am 9. März 2023 passiert
Ein Jahr ist es her, dass das ehemalige Gemeindemitglied Philipp F. im Königreichssaal der Zeugen Jehovas in Hamburg um sich schoss. Er tötete sechs Menschen, ein ungeborenes Kind und sich selbst.
Der 9. März 2023: Es war ein Donnerstagabend, als in einem Gebäude der Zeugen Jehovas im Hamburger Stadtteil Groß Borstel acht Menschen, inklusive Täter, getötet und mehrere weitere zum Teil lebensgefährlich verletzt wurden. 47 Notrufe gingen damals bei der Polizei ein.
135 Mal soll der Angreifer geschossen haben, zehn Schüsse fielen dabei bereits vor den tödlichen Angriffen. Er schoss auf ein Auto, in dem sich eine Frau befand, die aber flüchten konnten.
953 Polizeibeamte waren im Dienst, davon 52 Auswärtige (Bundespolizei und Spezialeinsatzkräfte aus Schleswig-Holstein).
Erste Notrufe bei der Polizei gingen gegen 21 Uhr ein: Im sogenannten Königreichssaal der Zeugen Jehovas, in dem sich etwa 36 Personen befanden, seien kurz vor 21 Uhr Schüsse gefallen. Einsatzkräfte der Polizei sind schnell am Tatort und hören in einem oberen Geschoss des Gebäudes noch einen Schuss. Dort finden sie auch eine tödlich verletzte Person.
Eine Nachbarin berichtete von ihren Beobachtungen am Abend so:
Vier Männer und zwei Frauen Menschen im Alter von 33 bis 60 Jahren wurden getötet. Auch ein ungeborenes Kind im Alter von sieben Monaten gehört zu den Opfern. Die 33 Jahre alte Mutter überlebte schwer verletzt. Darüber hinaus wurden noch weitere acht Personen verletzt, vier davon lebensgefährlich.
Der 35-jährige Todesschütze Philipp F. stammt aus Bayern. In München hat er ein Masterstudium in Finance und Controlling abgeschlossen. Er ist ein ehemaliges Mitglied der Zeugen Jehovas und war seit 2015 in Hamburg ansässig. Er feuerte mehrere Magazine aus einer Pistole vom Typ Heckler und Koch P30 ab.
Er war Sportschütze und hütete zu Hause weitere Waffen. F. war Medienberichten zufolge Mitglied im noblen Hanseatic Gun Club in der Hamburger Innenstadt. Der Schießstand in Alsternähe liegt nur drei Minuten Fußweg von der Adresse entfernt, die F. auf seiner Homepage als Büro-Sitz angab. Auf Anfrage unserer Redaktion teilte die Büroflächenvermietung „Satellite Office GmbH“ mit, dass zwar ein Vertragsverhältnis mit F. bestand, er sich aber nicht in den Räumlichkeiten aufgehalten hatte.
F. ist den Behörden nach Informationen aus Sicherheitskreisen nicht als Extremist bekannt gewesen. Dass sein Name dennoch in den Datenbanken der Sicherheitsbehörden auftauchte, hat dem Vernehmen nach keinen kriminellen Hintergrund, sondern liegt an seiner Beantragung einer waffenrechtlichen Erlaubnis.
Der Täter ist unter den Todesopfern. Er rannte nach den tödlichen Schüssen ins erste Stockwerk und beging dort bei Eintreffen der Polizei Suizid. Vor anderthalb Jahren hatten sich der Täter und die religiöse Gemeinschaft – offenbar nicht im einvernehmlich – getrennt.
Im Internet gab Philipp F. auch einiges über sich und seine Gedankenwelt preis. Die Webseite des Täters zeigte etwa, dass er sich intensiv mit Gott und Jesus Christus auseinandersetzte und krude Thesen verbreitete. Streitpunkt soll auch ein Buch gewesen sein, dass F. in 2022 veröffentlichte.
Die Waffenbehörde hat nach Angaben des Hamburger Polizeipräsidenten Ralf Martin Meyer im Januar einen anonymen Hinweis auf eine mögliche psychische Erkrankung des Mannes erhalten. Laut des unbekannten Schreibers sei das Ziel gewesen, das Verhalten und die waffenrechtlichen Vorschriften in Bezug überprüfen zu lassen, sagte Meyer.
Die unbekannte Person habe ferner geschrieben, dass die psychische Erkrankung von F. möglicherweise ärztlich nicht diagnostiziert sei, da sich F. nicht in ärztliche Behandlung begebe. F. habe laut dem Schreiben eine besondere Wut auf religiöse Anhänger, besonders gegen die Zeugen Jehovas und auf seinen ehemaligen Arbeitgeber gehegt, sagte Meyer.
Seit dem 12. Dezember 2022 hat sich F. laut Meyer im legalen Besitz einer halbautomatischen Waffe befunden. Es handelt sich auch um die Tatwaffe.
Der oberste Vertreter der Zeugen Jehovas in Hamburg, Bremen und Niedersachsen, Michael Tsifidaris, schloss nicht aus, dem Täter zu verzeihen. Auf die Frage, ob er dem mutmaßlichen Amokschützen Philipp F. vergeben könne, sagte er:
Die Glaubensgemeinschaft bete nun darum, „dass in diesem Heilungsprozess göttliche Liebe und die Liebe der Familien und der Gemeindemitglieder die Schlüsselrolle spielen“.