Osnabrück „Männer wollen jagen“: Was steckt hinter dem Trend „Trophy Wives“?
Christina Slonova ist bei TikTok und Instagram mit ihren Videos berühmt geworden. Sie bietet im Internet Seminare an, wie Frauen ihre Feminine-Energie entdecken können. Damit sollen sie zu Ehefrauen von reichen Männern werden.
Christina Slonova sitzt in einem blauen Blazer vor ihrer Webcam, das blonde Haar streng zurückgebunden, ihr Gesicht schimmert perfekt geschminkt. Langsam spricht sie in die Kamera: „Du als Frau in deiner femininen Energie rennst ihm. Bitte. Nicht. Hinterher.“ Die letzten Worte betont sie, sie blickt die Zuschauer ihres voraufgezeichneten Online-Kurses fast mitleidig an. „Das Jagen ist den Männern überlassen. Und Männer in ihrer maskulinen Energie“, sie macht eine Pause, „die wollen jagen.“
Slonova ist Coach für feminine Energie. Auf TikTok erklärt sie ihren 96.000 Follower, wie sie den richtigen, reichen Mann finden – Werbung für ihren Online-Kurs. „Warum ist es bitte etwas Negatives, eine Trophy Wife zu sein, ein Statussymbol zu sein für einen Mann?“, fragt sie in einem Videoclip. 50.000 Aufrufe hat er.
Slonova ist nur eine von zahlreichen Coaches, die aktuell erklären, wie Frauen sich einen reichen Mann angeln – und damit Millionen erreichen. Auf Deutsch, Englisch und Spanisch, auf TikTok, Instagram und YouTube, überall ist die Rede von femininer und maskuliner Energie. Heraufbeschworen wird eine Welt, in der Frauen „high value“ sind, also einen hohen Wert haben, und ein „princess treatment“ bekommen, also wie eine Prinzessin behandelt werden – von Männern, die „provider“ sind und sie finanziell versorgen.
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Letztes Jahrhundert meets Golddigger und esoterisch-spirituellem Anstrich. Warum trifft das bei jungen Menschen auf TikTok einen Nerv? Und wie sieht so ein Coaching aus?
Eine der erfolgreichsten Goldgräber ist die US-Amerikanerin Shera Seven, bürgerlicher Name Leticia Padua. Der britische „Guardian“ bezeichnet sie als weiblichen Andrew Tate. In ihren Videos sagt sie Dinge wie: „Stelle sicher, dass das zweite Date ein Geld-Date ist. Shoppen, irgendein Geschenk oder viel Geld ausgeben. Je schneller du ihn dazu bekommst, Geld auszugeben, desto schneller bindet er sich an dich.“
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Seven ist für ihre Anleitungen zum Golddiggen bekannt, ihr Markenzeichen sind die Worte „sprinkle sprinkle“. Bei anderen steht weniger das Geld und ein Leben im Luxus im Mittelpunkt und mehr der spirituelle Anstrich, es geht viel um Energien. Alle propagieren ein klares Rollenbild: Der Mann jagt, die Frau zieht an.
Idealresultat: Er versorgt die Frau mit Geld, Organisationstalent und Verantwortungsübernahme. Er ist der rationale Teil. Die Frau lässt sich versorgen und stärkt ihrem Mann zugleich den Rücken, sie ist die empathische, emotional intelligente. Wie man dahin kommt, kann man auf TikTok lernen. Wer tiefer einsteigen will, bucht einen Online-Kurs.
Dann kann es losgehen: Zweieinhalb Stunden Videos, 20 Lektionen à 5 bis 15 Minuten, von „Akzeptiere deine Ausgangssituation“ bis „Deine Selbstpräsentation – Kleider machen Leute“. Manche Tipps klingen wie von einer strengen Großmutter: „Ganz viel macht auch deine Körperhaltung – Schultern zurück, aufrechte Haltung!“
Slonova verkörpert das. Ihre Nägel sind perfekt manikürt, ihr schlichter Schmuck ist teuer. Während des ganzen Kurses verändert sich der Ausschnitt der Webcam kein bisschen. Im Hintergrund ist ein Regal mit Fornasetti-Porzellan und Architektur-Coffeetable-Büchern zu sehen.
Die Grundlagen ähneln dem aktuellen Trend zum Manifestieren und „delulu“-sein, wo man durch mantraartiges Wiederholen seinen Zielen näher kommen soll. Da ist zum Beispiel das „Selbstkonzept“: „Damit erschaffe ich ein Bild von mir in der Zukunft“, sagt Slonova in die Kamera. „Wenn du dich selber in einem Penthouse in New York siehst, dann mache das. Denke groß.“
Slonova führt in ihrem Kurs schrittweise in die Welt des Golddigging. Es beginnt harmlos: selbstbewusst sein, Dankbarkeit üben und wissen, was man will. Am Ende von Lektion fünf erwähnt sie zum ersten Mal, worum es eigentlich geht: „Die wirklich selbstbewussten Frauen wirken wie ein Magnet auf Männer, weil sie spüren, dass diese Frau mit sich selber glücklich ist.“
„Die feminine Energie will empfangen“, sagt Slonova weiter, „Wenn dir etwas herunterfällt, bück dich nicht sofort, schnell. Mach’s langsam. Vielleicht hebt es dir in dieser Zeit ein netter Mann auf.“ Um Geld geht es erst später. Slonova formuliert die Dinge deutlich subtiler als eine Shera Seven, mit weniger Imperativ.
„Wenn du für dich definiert hast, dass du einen Mann in seiner maskulinen Energie an deiner Seite haben möchtest, der in dich seine Zeit, Aufwand und Energie investiert, dann setzt du mit deinen Werten einen Maßstab“, sagt Slonova. „Dann musst du kein Coffee Date annehmen.“ Man könne ein Dinner vorschlagen. Ein Kaffee ist billig im Vergleich zu einer Einladung zum Abendessen. Und man ist schließlich eine high value-Frau! Wer Slonova von TikTok kennt, weiß: „Wenn er nicht für dich zahlt, liebt er dich nicht.“
Direkt nachgefragt: Meint Slonova das ernst? „Diese provokanten Hooks sind schon absichtlich, so funktioniert TikTok“, erzählt sie bei einem Videocall. Sie lebt in Zürich, im Hintergrund ist eine weiße, minimalistische Küche zu sehen. Sie stelle eine Behauptung auf und erkläre die: „Ich will damit sagen, egal ob Dinnerdate oder Tankstellenkaffee: Das ist das Einfachste, was er machen kann. Einzuladen ist eine einfache Geste.“ Zahlen sei ein Beispiel dafür, dass jemand Verantwortung übernehme.
Für Christina Slonova selbst sind diese Projekte TikTok und Coaching, die finanzielle Verantwortung für die 33-Jährige und ihre zwei Kinder trägt ihr Mann. Das war mal anders, sie war erst in der Wirtschaftsprüfung tätig. „In einem ersten Versuch, mehr in die Ruhe zu kommen, habe ich in einen 9-to-5-Job gewechselt. Ich bin nach einem Jahr als jüngste Frau in eine Führungsposition gekommen“, erzählt sie. „Das hat mich mit Stolz erfüllt, aber mir nicht das gegeben, wonach ich mich gesehnt habe: mehr Ruhe und Leichtigkeit.“
Das Konzept der femininen und maskulinen Energie sei da „ein alternativer Lösungsansatz für Themen wie Burn-out, Depressionen, mental load“, sagt Slonova. Mental Load meint die Belastung des Planens in einer Partnerschaft und Familie. Wer denkt daran, die Waschmaschine anzumachen, Spülmaschinentabs nachkaufen oder das Geschenk für den Kindergeburtstag zu besorgen? Frauen tragen in heterosexuellen Partnerschaften davon erwiesenermaßen den deutlich höheren Anteil.
Ist das ein Grund für den Erfolg von Influencern wie Slonova? Dass Frauen schon so ausgelaugt sind mit dem, was sie zu Hause leisten müssen, dass sie Wege suchen, nicht auch noch einer Erwerbstätigkeit nachzugehen? Mona Motakef, Professorin für Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der TU Dortmund, sieht darin eine mögliche Argumentation: „Man kann sich fragen: Was haben wir uns da erkauft? Wir Frauen haben die Doppel- und Dreifachbelastung mit Erwerbs-, Sorge- und Hausarbeit.“ Dass Frauen wieder zu Hausfrauen werden, sei allerdings nicht der richtige Weg aus diesem Dilemma.
Es sei von großer Bedeutung, dass Frauen, anders als früher, erwerbstätig seien: „Wir leben in einer erwerbszentrierten Gesellschaft, wir brauchen Erwerbsarbeit zur Existenzsicherung. Für Leistung darin gibt es Anerkennung, darüber generieren wir soziale Teilhabe.“
Wer Hausfrau ist, sei insbesondere nach der Reform des Unterhaltsrechts vor 16 Jahren finanziell nur schlecht abgesichert, wenn es zur Scheidung kommt – Kinderarmut und Altersarmut sind nur zwei mögliche Folgen. Eine bessere Vision könne laut Motakef sein, dass beide Partner in Teilzeit arbeiten. Einigen jungen Frauen auf TikTok ist das egal, reichweitenstark geben sie damit an, stay-at-home-girlfriends zu sein, also noch weniger abgesichert zu sein als in einer Ehe.
Motakef sieht in der Online-Logik einen möglichen weiteren Grund für die Beliebtheit der femininen Energie: „Geschlecht ist zu einer Anforderung geworden, die man performen muss. Gerade im Internet, weil es so visuell ist.“ Da gibt es nicht nur einen Druck, sich darzustellen, sondern auch den Imperativ: Du kannst alles sein und dir jede Art von Leben herbeimanifestieren! Zahlreiche Creatorinnen machen vor, wie ihr Traumleben als Trophy Wife mit Valentinstagsgeschenken von Hermès zur Realität geworden ist.
In einer Dating-Szene, die von Ghosting und Situationships bestimmt ist, geben die Goldgräber ein Skript, an das man sich halten kann, sagt Motakef – und angeknackste Egos können von „High Value Women“-Mantras aufgebaut werden. Natürlich ist der Golddigger-Trend auch Teil eines allgemeinen konservativen Backlashs in einer Welt, die immer flexibler wird.
Slonova findet es interessant, dass sie oft auf den Punkt der finanziellen Abhängigkeit in ihrem Konzept angesprochen wird: „Die Frau kann jederzeit den Entschluss fassen: Ich suche mir jetzt eine Arbeit, ich verdiene mein Geld. Abhängigkeit ist für mich, nicht die Möglichkeit zu sehen, alleine zu überleben.“
Das erinnert an den viel kritisierten „Choice Feminism“, wo jede Entscheidung, die eine Frau trifft, als feministisch gilt – weil sie schließlich von einer Frau getroffen wurde. Auch Slonova sagt, sie sei für women empowerment. Ja, anders als früher können Frauen sich aktiv für ein Leben als Trophy Wife entscheiden. Und es theoretisch auch wieder sein lassen und girlbossen. Wie leicht man nach mehreren Jahren Pause wieder in den Arbeitsmarkt findet, sei dahingestellt.
Der Artikel wurde zuerst im Tagesspiegel in Berlin veröffentlicht.