Verkehrsüberwachung  So arbeiten die Blitzer im Landkreis Aurich

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 07.03.2024 12:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Hans-Jürgen Claßen ist einer von zwölf Messbeamten im Landkreis Aurich. Fotos: Ortgies
Hans-Jürgen Claßen ist einer von zwölf Messbeamten im Landkreis Aurich. Fotos: Ortgies
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Ihr Job ist es, zu schnelle Autofahrer zu erwischen. Dafür legen sich die Messbeamten des Landkreises Aurich täglich auf die Lauer. Nicht jeder ertappte Raser behält die Nerven.

Aurich - Gedankenverloren fährt der Autofahrer die Landstraße entlang. Nichts und niemand stört. Kein Verkehrshindernis, kein Stau, die Landschaft fliegt nur so dahin – doch plötzlich macht es „Zing“. Am Straßenrand blitzt ein rötliches Licht auf. In diesem Moment wird dem Fahrer klar, dass er zu schnell unterwegs ist. Bangen Blickes schaut er auf den Tacho und überschlägt, wie schlimm es diesmal ist. Wird er mit einer Verwarnung davonkommen? Wird es ein Bußgeld, ein Punkt in Flensburg, gar ein Fahrverbot? Nur schnell weiter, damit es niemand mitbekommt. An dieser Stelle halten wir inne. Die Redaktion hat sich gefragt, was für Menschen hinter dem Kamerastativ stehen, wie sie arbeiten und was sie erleben.

Diese Fragen führen uns zur Straßenverkehrsabteilung des Landkreises Aurich im Gewerbegebiet Schirum. Sie ist auch für die Verkehrsüberwachung zuständig. Die Fäden laufen bei Erich Rieger zusammen. Der 42-Jährige ist Hauptsachbearbeiter für den Bereich Verkehrslenkung und -sicherung. Er koordiniert den Einsatz der zwölf Messbeamten. Wir haben außerdem mit den Messbeamten Hans-Jürgen Claßen und Willi Reimann gesprochen.

Wie viele Blitzer sind im Landkreis Aurich im Einsatz?

Der Landkreis misst mit vier mobilen Messeinheiten. Hinzu kommen acht stationäre Messanlagen: vier in Aurich, je zwei in Westerende-Kirchloog und Wirdum. Die beiden Anlagen am Auricher Pferdemarkt messen neben Geschwindigkeitsverstößen auch Rotlichtverstöße. Auch die Polizei misst die Geschwindigkeit. Sie hat nach Angaben der Pressestelle in den Landkreisen Aurich und Wittmund 14 Handlasermessgeräte und zwei Messfahrzeuge im Einsatz.

Wenn der Autofahrer ein rotes Licht sieht, war er zu schnell unterwegs.
Wenn der Autofahrer ein rotes Licht sieht, war er zu schnell unterwegs.

Wann wird geblitzt?

Die Messbeamten des Landkreises Aurich arbeiten im Zwei-Schicht-Betrieb. Die Frühschicht geht von 5.30 bis 14 Uhr, die Spätschicht von 14 bis 20.30 Uhr. Die Frühschicht steuert jeweils zwei Messpunkte an, die Spätschicht einen. Es gibt aber auch Nacht- und Wochenendschichten, meist zu besonderen Anlässen. Hinzu kommen die Einsätze der Polizei. Mit anderen Worten: Man muss ständig damit rechnen, beim Zuschnellfahren erwischt zu werden. Tagsüber ist es jedoch wahrscheinlicher als nachts, werktags wahrscheinlicher als am Wochenende.

Wo wird kontrolliert?

„Theoretisch können wir überall messen“, sagt Rieger. Benötigt werden rund 50 Meter freie Strecke. Es gibt im Landkreis Aurich mehr als 1000 Messstellen, an denen immer wieder mobile Messgeräte platziert werden. Es kommen stets neue hinzu, meist auf Anregung von Anwohnern und Kommunalpolitikern. Ehe ein Messpunkt in den Katalog aufgenommen wird, wird dort zu verschiedenen Zeitpunkten zur Probe gemessen. Nur wenn dann tatsächlich in nennenswertem Umfang Verstöße festgestellt werden, fahren die Beamten diese Stelle in Zukunft öfter an. Erst in dieser Woche stand ein Beamter am Ritzweg in Moordorf und stellte fest, dass dort niemand zu schnell fährt. Die gefühlte Wahrheit weicht von der tatsächlichen mitunter ab. „Geschwindigkeiten einzuschätzen ist sehr schwierig“, sagt Rieger.

Welche Technik kommt zum Einsatz und wie funktioniert sie?

Der Landkreis arbeitet mit dem Laser-Messgerät Traffi Star S 350 von Jenoptik. Die von dem Gerät ausgesandten Laserstrahlen werden von vorbeifahrenden Fahrzeugen zurückgeworfen. Anhand der dafür benötigten Zeit berechnet das Gerät die gefahrene Geschwindigkeit. Ist diese zu hoch, löst eine gekoppelte Kamera aus und nimmt ein Beweisfoto auf. Das ist der Augenblick, in dem der Fahrer das Blitzlicht sieht.

Diese Geräte der Firma Jenoptik können sowohl für mobile als auch für stationäre Geschwindigkeitsüberwachung eingesetzt werden.
Diese Geräte der Firma Jenoptik können sowohl für mobile als auch für stationäre Geschwindigkeitsüberwachung eingesetzt werden.

Werden die Messgeräte mit Absicht versteckt platziert?

Teils ja, teils nein. Vor Schulen, Kindergärten und Altenheimen platzieren die Beamten die Geräte absichtlich so, dass sie gesehen werden. „Hier wollen wir Präsenz zeigen“, sagt Rieger. Die Leute sollen sehen, dass gerade in diesen sensiblen Bereichen auf Sicherheit geachtet wird. Andernorts bauen die Beamten die Geräte an einer eher unauffälligen Stelle auf, etwa im Gebüsch oder in privaten Grundstückseinfahrten.

Dürfen die Messgeräte direkt hinter dem Ortseingangsschild aufgestellt werden?

Nein. Der Abstand zwischen dem die Geschwindigkeit beschränkenden Verkehrszeichen und der Messstelle muss mindestens 150 Meter betragen. Das gelbe Ortseingangsschild fällt unter diese Regel. Bei Kombinationen wie Tempo-30-Schild plus Gefahrzeichen darf es auch weniger Abstand sein, etwa vor Schulen.

Mit einem Tablet wird an der Messstelle alles eingestellt.
Mit einem Tablet wird an der Messstelle alles eingestellt.

Was tun die Messbeamten während der Messung?

Sie führen Protokoll, achten auf den ordnungsgemäßen Ablauf der Messungen und darauf, dass die Bilder scharf sind. Bei Bedarf richten sie die Kamera neu aus. Wenn beispielsweise die Sonne wandert, kann es zu Spiegelungen in der Windschutzscheibe kommen. Die Beamten unterhalten sich auch mit Hauseigentümern, in deren Auffahrt ihr Fahrzeug steht, oder mit interessierten Passanten.

Hans-Jürgen Claßen hockt neben dem Traffi Star S 350.
Hans-Jürgen Claßen hockt neben dem Traffi Star S 350.

Kann man als Betroffener den Messbeamten fragen, um wie viel man zu schnell war?

Das wird immer wieder versucht. Aus rechtlichen Gründen dürfen die Beamten diese Frage jedoch nicht mehr beantworten. Man muss die Post der Bußgeldstelle des Landkreises Aurich abwarten. Die kommt nach ein bis zwei Wochen. Während der Urlaubssaison im Sommer kann es auch mal länger dauern, weil dann deutlich mehr Autofahrer unterwegs sind und es entsprechend mehr Verstöße zu ahnden gibt.

Kommen Autofahrer, die erwischt wurden, zurück und beschweren sich?

Das kommt vor, ist aber die Ausnahme. „Nicht jeder ist damit einverstanden, dass und wo wir messen“, sagt Rieger. Da werde auch schon mal im Vorbeifahren gehupt oder geschimpft. Einen krassen Fall hat der Messbeamte Hans-Jürgen Claßen im vergangenen Jahr bei einer Nachtschicht in Großheide erlebt. Ein Autofahrer, der geblitzt worden war, beschimpfte und bedrohte ihn und zückte sogar ein Messer. Der Fall ging vor Gericht. Aus Sicherheitsgründen sind die Beamten in der Nachtschicht immer zu zweit im Einsatz.

Sind Motorradfahrer aus dem Schneider, weil sie vorne kein Kennzeichen haben?

Nicht unbedingt. Die Polizei hat im Unterschied zu Messbeamten des Landkreises das Recht, Motorradfahrer anzuhalten. Der Landkreis darf nur Fotos machen. Er bereitet für den Sommer ein Experiment mit zwei Messgeräten vor, bei dem auch die Rückseite des Motorrads und damit das Kennzeichen erfasst wird.

Was passiert, wenn der Messbeamte selbst geblitzt wird?

Ob Messbeamter, Landrat oder sonstiger Mitarbeiter der Kreisverwaltung: Vor der Bußgeldstelle sind alle gleich. Wer zu schnell fährt, muss zahlen, ohne Ausnahme. Es komme durchaus vor, dass auf den Fotos bekannte Gesichter auftauchen, sagt Rieger. Da sei Diskretion gefragt.

Wo werden die meisten Verstöße festgestellt?

Unangefochtener Spitzenreiter ist der stationäre Blitzer an der Leerer Landstraße in Aurich, der in beide Richtungen messen kann. Für die mobilen Messanlagen lässt sich die Frage nicht pauschal beantworten. „Das hängt von der Tagesform ab“, sagt Rieger. An neuen Messstellen gebe es mehr Verstöße als an etablierten. Wenn die Leute damit rechneten, dass kontrolliert werde, und deshalb die Regeln einhielten, sei das Ziel erreicht, sagt Claßen. Es gehe nicht darum, möglichst viele zu erwischen. „Wir bekommen keine Provision.“

Die stationäre Messanlange an der Leerer Landstraße in Aurich übertrifft alles.
Die stationäre Messanlange an der Leerer Landstraße in Aurich übertrifft alles.

Wie viel Geld nimmt der Landkreis Aurich durch die Blitzer ein?

Insgesamt kamen im vergangenen Jahr durch Buß- und Verwarngelder aus der Verkehrsüberwachung fast drei Millionen Euro in die Kreiskasse.

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