Bielefeld Wenn Männer sexuelle Belästigung erleben: „Männliche Opferschaft ist ein No-Go“
Die Mitarbeiter des „Hilfetelefons Gewalt an Männern“ beraten Männer bei verschiedenen Problemen – auch sexuelle Belästigung ist ein Thema. Wie die Arbeit bei der Telefon-Beratungsstelle abläuft, erklärt Männer-Berater Björn Süfke.
Auch Männer erleben sexualisierte Gewalt. Zu diesem Thema klärt Björn Süfke, Leiter der „man-o-mann männerberatung Bielefeld“, auf. Seine langjährige Erfahrung in der Männerberatung hat ihm gezeigt: Männer tun sich schwer, Hilfe zu suchen. Das sei vor allem bei einem Thema der Fall: „Männliche Opferschaft ist für viele ein No-Go“, sagt der Experte.
Mit dem Start des „Hilfstelefons Gewalt an Männern“ 2020 wurde laut Süfke ein bundesweites, möglichst niedrigschwelliges Angebot für alle von Gewalt betroffenen Männer geschaffen. Darum sind die Mitarbeiter des Hilfstelefons kostenlos und anonym zu erreichen: telefonisch, per Chat und per Mail.
Die Mitarbeiter sind Psychologen, Therapeuten und Pädagogen – geschultes Personal. Alle Berater sind seit Jahren in der Männerarbeit. „Lediglich der Aspekt der Telefonberatung ist für viele etwas Neues gewesen“, sagt Süfke. Durch die Corona-Pandemie habe sich diese Art des Arbeitens aber normalisiert.
20 Prozent der Anrufe beim Hilfstelefon kommen aus dem Bereich der sexualisierten Gewalt. „Zum Beispiel eine Situation bei einer Prüfung an der Uni, bei der die Professorin Bemerkungen macht, die mit ‚anzüglich‘ schon sehr euphemistisch beschrieben wären. Also genau das, was viele Frauen alltäglich erleben, erleben Männer zumindest punktuell auch“, sagt der Männerberater.
Das Wichtigste ist laut Süfke, dem Betroffenen zu glauben und zuzuhören. „Ihm zu vermitteln, dass er nicht schuld daran ist, sondern dass der Täter oder die Täterin verantwortlich ist“, betont der Experte. Das Verhalten oder die Kleidung der Betroffenen rechtfertige keine Belästigung, es sei wichtig, das klarzumachen. Der Männerberater erinnert sich an den Anruf eines 70-Jährigen, der vor vielen Jahren sexualisierte Gewalt erlebt hatte. Süfke sagt:
Nach dem ersten emotionalen, psychologischen Gespräch folgt die schlichte Informationsvermittlung. Die Berater besprechen mit ihren Anrufern, was für weitere Beratungsmöglichkeiten es gibt. Sie helfen auch bei Fragen zur Gesetzeslage. Zum Beispiel, wenn der betroffene Mann aus dem Fall an der Universität gegen seine Professorin Anzeige erstatten will. Bei diesem Vorfall wäre es aus der Sicht des Experten sinnvoll, die Gleichstellungsbeauftragten der Universität mit einzubeziehen.
Der Bereich, in dem Männer am häufigsten Gewalt erleben, sei der öffentliche Raum. Dann sei der Handlungs- und Leidensdruck aber nicht so stark. Süfke erklärt: „Das ist ja oft – auf die jeweilige Täterin oder den Täter bezogen – einmalige Gewalt, die nicht unmittelbar wieder droht.“ Bei Gewalt im häuslichen Umfeld sehe das ganz anders aus.
Häufig meldeten sich Betroffene von Partnerschaftsgewalt nicht selbst, sondern ihre Eltern, Geschwister oder Freunde. Ungefähr jeder neunte Anruf beim Hilfetelefon kommt von Angehörigen. Nicht nur männlichen Angehörigen, sondern auch Frauen. Der Männerberater erläutert:
Angehörige zu beraten, sei am schwierigsten. Diese Form der Beratung sei eine besondere Art des Coachings. „Ich muss im Grunde eine unprofessionelle und auch noch betroffene Person coachen, dass sie selber ein gutes Quasi-Beratungsgespräch führt“, sagt der Experte. Dieser Teil seiner Arbeit sei sehr wichtig, weil die Helfer oft nicht an die Betroffenen direkt herankommen. Die Mitarbeiter des Hilfetelefons seien für die betroffenen Männer da – direkt am Telefon oder indirekt über Bekannte.