Hamburg  Haben wir uns in den Pandemiejahren zu sehr ans Alleinsein gewöhnt?

Julia Falkenbach
|
Von Julia Falkenbach
| 03.03.2024 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kann digitale Gemeinschaft analoges Zusammensein ersetzen? Foto: Unsplash/Andrew Neel
Kann digitale Gemeinschaft analoges Zusammensein ersetzen? Foto: Unsplash/Andrew Neel
Artikel teilen:

Jeder sechste Mensch in Deutschland fühlt sich oft einsam. Unter jungen Erwachsenen ist Einsamkeit überdurchschnittlich verbreitet. Hat Corona uns den Gemeinsinn ausgetrieben?

Dass wir alle zu viel Freizeit vor Bildschirmen verbringen und Frauen immer noch deutlich mehr im Haushalt machen als Männer, sind interessante, wenn auch wenig überraschende Erkenntnisse der Zeiterhebungsstudie des Statistischen Bundesamts. Jene soll abbilden, wie der Durchschnittsdeutsche seinen Durchschnittstag verbringt. Erstmals wurden im Rahmen der Studie auch Daten zu einem der drängendsten und gleichzeitig schambehaftetsten gesellschaftlichen Probleme erhoben: Einsamkeit.

Knapp jeder sechste Deutsche fühlt sich demnach einsam. Besonders betroffen sind junge Erwachsene zwischen 18 und 29: In dieser Altersgruppe fühlt sich jede vierte Frau und jeder fünfte Mann oft isoliert. Wie kann es sein, dass sich gleichzeitig so viele Menschen nach intensiveren sozialen Bindungen sehnen und nicht zueinander finden?

Zum Teil mag es auf die Einschränkungen der Coronajahre und die Isolationserfahrungen zuvor undenkbaren Ausmaßes zurückzuführen sein. Wer seine Jugend oder die ersten Unisemester pandemiebedingt hinter Bildschirmen verbringen musste, hatte es deutlich schwerer, neue Leute zu treffen oder gar Freunde fürs Leben zu finden. Zugleich galt es, Bekanntschaften via Skype, Telefon oder bei Spaziergängen aufrechtzuerhalten; eine Belastungsprobe für zarte Freundschaftsbande zu Kollegen oder Kommilitonen. Die Zeit der Einschränkungen ist zwar vorbei; doch je weniger soziale Kontakte man hat, über die man wiederum neue Leute kennenlernen kann, desto schwerer ist es, der Einsamkeitsspirale zu entkommen. Technisch scheint es dank spezieller „Freunde gesucht“-Funktionen von Dating-Apps einfach wie nie zu sein, neue Kontakte zu knüpfen. Doch die Fülle potenzieller Kontakte mündet wie beim Dating leicht in Unverbindlichkeit, die die Einsamkeit eher fördern als lindern dürfte. Auch Orte, die man alleine besuchen kann, um jemanden kennenzulernen, sind Mangelware.

Da passiert es leicht, dass man sich den zurückgezogenen Lebensstil der Pandemiezeit dauerhaft zu eigen macht. Digitale Medien und soziale Netzwerke bieten Berieslung genug, die von der Isolation ablenken. Zwar bedeutet Alleinsein nicht zwangsläufig Einsamkeit. Doch haben die Worte des Schriftstellers Hans Krailsheimer nichts an Bedeutung verloren, der meinte: „Allein sein zu müssen ist das Schwerste, allein sein zu können das Schönste.”  

Dass Alleinsein im postpandemischen Zeitalter zum neuen Normal wurde, zeigt sich im Beruflichen wie im Privaten. Das Homeoffice ermöglicht eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, doch entfällt der Plausch mit Kollegen zugunsten des mittäglichen Kochens für die Familie: Carearbeit statt Kaffeeklatsch. Häuslichen Hobbys wie Lesen oder Gaming wird mehr Zeit gewidmet als Anfang der 2010er-Jahre; jeder Vierte spielt mehrmals pro Woche Online-Spiele. Trainiert wird lieber allein beim Ausdauerlauf oder im Fitnessstudio, viele Sportvereine von Volleyball bis Turnen haben Mitglieder verloren.

Auch kommuniziert wird lieber unabhängig vom Gegenüber: Asynchron via Textnachricht statt im persönlichen Gespräch. Dafür nehmen sich Menschen nur noch halb so viel Zeit wie vor zehn Jahren. Selbst für klassische gemeinschaftliche Aktivitäten „braucht“ es kein Gegenüber mehr: Auf Tiktok schwärmen Influencer von ihren Solo-Dates, bei denen sie allein ins Kino, ins Café oder ins Restaurant gehen. 

Diese Aufwertung und beginnende Entstigmatisierung des Alleinseins ist begrüßenswert. Wer schon einmal allein zum Konzert oder ins Stadion gegangen ist, wird bestätigen: Es interessiert niemanden, ob man solo oder in einer Gruppe da ist – nur, ob man im Weg steht.

Doch ist der Übergang von Alleinsein zu Einsamkeit fließend. Ist die Akzeptanz des Alleinseins gar schuld am zerrütteten Zustand unserer Gesellschaft? Bestimmt nicht ausschließlich. Doch je kleiner der Kreis an sozialen Kontakten ist, desto eingeschränkter ist der Blick für die Vielfalt an Lebensentwürfen und Perspektiven, die es in einer Demokratie auszuhalten gilt. Es tut mir leid, aber ich glaube, unserer Gesellschaft würde ein bisschen mehr Gemeinschaft und weniger soziale Autarkie ganz guttun. 

Ähnliche Artikel