Hamburg  Mehr Platz für die Sau: So viele Landwirte wollen lieber aufgeben, als den Stall umzubauen

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 01.03.2024 05:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Sauen im Kastenstand: Die Haltungsform ist außerhalb der Landwirtschaft umstritten. Bauern aber verteidigen die zeitweise Bewegungseinschränkungen für die Tiere. Foto: Imago/Countrypixel
Sauen im Kastenstand: Die Haltungsform ist außerhalb der Landwirtschaft umstritten. Bauern aber verteidigen die zeitweise Bewegungseinschränkungen für die Tiere. Foto: Imago/Countrypixel
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Die Uhr tickt für Deutschlands Schweinebauern: Der Sau muss mehr Platz im Stall gelassen werden. Landwirte warnten: Das bedrohe die deutsche Schweinefleischproduktion. Doch wie viele Bauern wollen wirklich aufgeben?

Jahrzehntelang lebte die Sau in Deutschland ein ziemlich eingeschränktes Leben: Stangen und Gitter – der sogenannte Kastenstand – verhinderten zumindest zeitweise, dass sie sich frei im Stall bewegen kann. Das sei zum Schutz der Menschen und der kleinen Ferkel, argumentieren die Landwirte. Denn so eine Sau ist ein mächtiges Tier.

Doch die Haltung muss sich ändern. Eine Verordnung schreibt vor, den Tieren mehr Freiheit zu lassen. Die Politik reagierte damit auf höchstrichterliche Urteile. Diese sahen in der bislang standardmäßigen Sauenhaltung in Deutschland einen Verstoß gegen den Tierschutz.

Für Landwirte bedeutet das hohe Investitionen in ihre Ställe. Berufsverbände warnten bereits davor, die Umbaupläne gefährdeten die Schweinefleischproduktion in Deutschland und damit das Schweineschnitzel: Ohne Sauen nämlich kommen keine Ferkel hierzulande zur Welt, die später gemästet und geschlachtet werden. In nicht-repräsentativen Umfragen von Agrarfachmedien gab jeder zweite Teilnehmer an, die Sauenhaltung aufgeben zu wollen.

Offenbar waren das zu Teilen Kassandrarufe. Eine Umfrage unserer Redaktion – nicht unter Landwirten, sondern unter den Landkreisen in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen – zeigt, dass die allermeisten Landwirte erst einmal weitermachen.

Sie mussten sich nämlich bis Anfang Februar bei der Veterinärbehörde ihres Landkreises melden und erklären, wie es mit ihrem Betrieb weitergeht, sprich: ein Umbaukonzept vorlegen oder verbindlich erklären, dass sie die Haltung bis Februar 2026 aufgeben.

Das Ergebnis: 88 Landwirte aus den drei Bundesländern teilten den Behörden mit, die Stalltüren zu schließen. Die Betriebe halten nach Angaben der Landkreise mehr als 5200 Sauen. Besonders kleinere Haltungen werden demnach nicht umgebaut, sondern dicht gemacht, zeigt die Umfrage.

Zum Vergleich: Nach aktuellsten Zahlen des Bundesamtes für Statistik werden in den drei norddeutschen Bundesländern zusammengenommen etwa 481.000 Sauen in 1460 Haltungen gehalten, wobei der Schwerpunkt klar in Niedersachsen liegt: 75 Prozent der norddeutschen Sauen leben hier.

Entsprechend erklärten in dem Bundesland auch die meisten Betriebe aufgeben zu wollen, insgesamt 79 mit mindestens 3500 Sauen – nicht zu jedem Fall lieferten die Behörden auch die Tierzahl. Besonders im Landkreis Cloppenburg wird das nach Angaben der dortigen Veterinärbehörde der Fall sein: 25 der bislang 208 kreisweiten Haltungen mit Platz für 1270 Sauen sollen verbindlich geschlossen werden.

Möglicherweise sind es aber noch mehr. 26 Betriebe, so die Kreisverwaltung, hätten sich bis zum Stichtag nicht gemeldet. Sie sollen nun noch einmal angeschrieben werden und im nächsten Schritt von der Behörde besucht werden.

Ähnlich viele Ankündigungen zur Aufgabe erhielt sonst kein Landkreis in Niedersachsen. Im Emsland sollen zwölf Ställe geschlossen werden, im Landkreis Osnabrück sieben. Dagegen will im gesamten Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ein Landwirt keine Sauen mehr halten, in Schleswig-Holstein sind es acht.

Die allermeisten Betriebe haben entsprechend Umbaukonzepte vorgelegt oder halten die Tiere schon gemäß der neuen Vorschriften. Haben die Interessenvertreter der Bauern also übertrieben? Ist das deutsche Schweineschnitzel doch nicht in Gefahr?

Ganz so einfach sei die Sache nicht, betont Karl-Heinz Tölle von der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN). Das Konzept für den Umbau sei sehr leicht und kostengünstig zu erstellen gewesen. Mit der Abgabe habe sich der Schweinehalter erst einmal alle Optionen offengehalten. Tölle ist sicher: „Ein größerer Teil derjenigen Betriebe, die ein Konzept abgegeben haben, werden den Umbau des Deckzentrums am Ende also gar nicht vollziehen.“

In zwei Jahren werde es notwendig, eine Umbaugenehmigung einzuholen. Dies sei mit entsprechendem Aufwand verbunden. Hier werde sich zeigen, wie viele Betriebe tatsächlich dicht machen.

Schließlich seien die Umbaukosten enorm. Je nach Betriebsgröße kann dabei nach Schätzung der ISN ein sechs- bis siebenstelliger Betrag fällig werden. Der Umbau dürfte in den meisten Fällen aber auch bedeuten, dass künftig weniger Sauen gehalten und somit weniger Ferkel verkauft werden können. „Keine guten Voraussetzungen, um einen Investitionskredit bei der Bank zu bekommen”, sagt ISN-Mann Tölle.

Immerhin: Nach Jahren existenzbedrohender Ferkelpreise sind diese derzeit auf einem vergleichsweise hohen Niveau von etwa 80 Euro pro Tier. In den Krisenjahren 2021 und 2022 lag der Preis bei etwa 20 Euro für ein Ferkel.

Das sorgte mit dafür, dass die Zahl der Betriebe in der Vergangenheit stark zurückgegangen ist: 2013 zählte das Statistische Bundesamt noch 10.900 Sauenhaltungen. Zehn Jahre später waren es nur noch 5210 – Tendenz weiter abnehmend.

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