Berlin  Mit Nazi-Frisur im Vernichtungslager: Wie Christian Friedel in Auschwitz drehte

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 29.02.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Christian Friedel spielt in „The Zone of Interest“ den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Foto: dpa/picture-alliance
Christian Friedel spielt in „The Zone of Interest“ den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Foto: dpa/picture-alliance
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Im Oscar-Favoriten „The Zone of Interest“ spielt Christian Friedel den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Im Interview spricht er über die Annäherung an den SS-Funktionär – und über seine Scham, die Gedenkstätte mit dem Haarschnitt des Massenmörders zu besuchen.

Mit dem technokratischen Begriff „Interessensgebiet“ bezeichneten die Nazis die Sperrzone um Auschwitz. Kommandant des Vernichtungslagers war Rudolf Höß. Nur eine Mauer trennte die Villa, die er mit seiner Familie bewohnte, vom millionenfachen Mord. Im fünffach Oscar-nominierten Film „The Zone of Interest“ (ab 29. Februar im Kino) spielt Christian Friedel den Mann, der tagsüber tötete und abends die Kinder ins Bett brachte. Vor dem Start haben wir mit dem 44-Jährigen über den Ausnahmefilm gesprochen.

Oscar-Favorit: Hier lesen Sie unsere Kritik zu „The Zone of Interest“

Frage: Herr Friedel, wie sehr haben Sie sich bei der Arbeit an „The Zone of Interest“ für den realen Rudolf Höß interessiert?

Antwort: Ich habe mir seine Stimme im Nürnberger Prozess angehört, ich habe Bücher über ihn und Interviews mit ihm gelesen. Interessant war für mich der Kontrast zwischen seiner Macht als Auschwitz-Kommandant und der dünnen, fast eingebrochenen Stimme des Gefangenen. Da wir aber keine Filmbiografie drehen wollten, war diese Form der Recherche eher nicht zentral.

Frage: Was für ein Täter war er? Mordete er gern? Fand er es belastend?

Antwort: Höß war ein dankbarer Befehlsempfänger, der seine Machtposition genossen hat und geglaubt hat, das Richtige zu tun. Für seine Taten hat er sich nie entschuldigt, dafür aber minutiös davon erzählt. Die Dimension von Auschwitz, die Organisation des Verbrechens und die Bürokratie dahinter – das hat die Nachwelt von Höß erfahren. Die anderen Nazis haben den Kopf geschüttelt. Göring war entsetzt. Die Nazis hatten alles darangesetzt, die Beweise zu vernichten, aber Höß berichtete, was er getan hat; die Dimension seiner Schuld hat er erfolgreich verdrängt. Ich glaube auch nicht, dass man mit diesem Wissen dann noch existieren könnte.

Frage: Sandra Hüller, die Höß‘ Ehefrau spielt, sagt: Sie wollte Ihrer Rolle kein einziges persönliches Gefühl mitgeben. Wie haben Sie sich zwischen Annäherung und Abgrenzung entschieden?

Antwort: Normalerweise sagt man: Ein Schauspieler muss seine Figuren lieben. Das konnte ich hier nicht. Ich kann Rudolf Höß bis heute nicht mal verstehen. Ich habe mit Sandra intensiv darüber gesprochen. Wir sind mit verschiedenen Techniken rangegangen. Aber genähert haben wir beide uns unserer Figur eher von außen: Was macht die Uniform mit einem? Wie verändert der extreme Haarschnitt den Gestus? Dazu kam der Wunsch Jonathan Glazers, kein Monster zu zeigen, von dem man sich leicht distanziert. Man sollte Höß nicht lesen können, also versuchte ich ihn dunkel, nicht greifbar, mit leeren Augen darzustellen.

Der Trailer zum Oscar-Kandidaten „The Zone of Interest“:

Frage: Gedreht haben Sie in unmittelbarer Nähe zu Auschwitz. Wie ist es an so einem Ort zu spielen? Schon das Wort kommt einem falsch vor.

Antwort: Man wird jeden Tag an die eigene Verantwortung erinnert und ist sich bewusst, dass dies ein Film für die Opfer ist, nicht für die Täter. Außerdem kann man bei diesen Themen in gewisse Fallen tappen.

Frage: Was für Fallen meinen Sie?

Antwort: Ich habe schon oft Nazi-Rollen angeboten bekommen, aber meistens als klischeehafte Bösewichte angelegt. „The Zone of Interest“ hatte von Anfang an andere Voraussetzungen. Ein Ausnahmeregisseur nimmt sich einem komplexen und schwierigen Thema an, nähert sich durch einen klugen Perspektivwechsel der Thematik mit aller nötigen Verantwortung. Ich war von Anfang an von dieser Sicht- und Arbeitsweise inspiriert und wollte alles für Jonathans Vision geben, ohne an Karriere oder sonstigen Ambitionen zu denken, was ich eh immer versuche zu vermeiden.

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Frage: Sie haben das Lager sicher besucht.

Antwort: Ich habe eine Führung in der Gedenkstätte bekommen. Da hatte ich schon diesen schrecklichen Nazi-Haarschnitt von Höß und mich unglaublich geschämt und eine Mütze getragen.

Frage: Haben Sie mit Überlebenden über Auschwitz gesprochen? Oder mit den eigenen Großeltern?

Antwort: Meine Großeltern waren in meiner Kindheit ungewöhnlich offen, aber für ein richtiges Gespräch sind sie leider zu früh gestorben. Meine Großmutter hat eine Geschichte erlebt, die so schrecklich war, dass ich sie nicht wiedergeben möchte. Die Dimension konnte ich als Kind nicht begreifen. Aber durch diese Erzählungen wurde vermittelt, wie zerstörerisch dieser Krieg war und wie sehr das meine Großeltern geschockt hat. Es war ihnen wichtig, dass so etwas nie wieder passiert. Deshalb haben sie mir Geschichten erzählt, die für einen Elfjährigen aber zu viel waren. Mit Überlebenden spreche ich jetzt – wegen des Films. Nach der Premiere in Cannes habe ich einen Mann getroffen, der sich lange geweigert hat, Deutsch zu sprechen. Da begreift man, wie groß die Verletzung ist.

Frage: Für „The Zone of Interest“ wurde die Höß-Villa nachgebaut, in der dann mit versteckten Kameras gedreht wurde. Können Sie beschreiben, wie das aussah und was das für Ihr Spiel bedeutet?

Antwort: Jonathan hat es einmal als „Big Brother im Nazi-Haus“ beschrieben. Als Schauspieler war diese Arbeitsweise luxuriös, denn wir hatten keinerlei technische Unterbrechungen, kein künstliches Licht und alle Zeit der Welt, um zu einer realistischen Darstellung zu gelangen. Wir haben teilweise mit zehn Kameras gleichzeitig gedreht, manchmal parallel in verschiedenen Räumen gespielt und die Kollegen und Kolleginnen nebenan hören können. Es war fast wie im Theater: Alle sind auf der Bühne und halten gemeinsam die Spannung. Wir haben zum Teil eine ganze Stunde am Stück gedreht, wir haben improvisiert und konnten selbst entscheiden, wann wir unsere Zeilen sprechen. Das Set sollte alltäglich wirken, wir durften Langeweile zulassen, Fehler machen, sammeln, untersuchen. Ich würde gern immer so arbeiten.

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Frage: Der Regisseur Jonathan Glazer beschreibt sein Thema als die „selektive Empathie“: Über ihrem liebevollen Familienalltag blenden die Höß‘ Millionen Morde aus.

Antwort: Wir sind Meister der Verdrängung. In einem gewissen Maß ist das lebensnotwendig. Aber am Beispiel der Familie Höß sehen wir, wie weit das gehen kann: Wie kann man morgens zur Arbeit gehen, Millionen Menschen töten und abends wieder zu seiner Familie zurückkehren und von Liebe sprechen? Es ist unvorstellbar und trotzdem sind wir dazu fähig, und das sollte für uns alle eine Warnung sein. Deshalb nehme ich mir vor, politische Veränderungen nicht zu ignorieren, aus denen eine Katastrophe wie Auschwitz entstanden ist. Wir müssen uns in der heutigen Zeit ja schon fragen: Lernen wir nichts aus der Geschichte?

Frage: Als der aktuelle Rechtsruck in Dresden mit Pegida seinen Anfang nahm, waren Sie in der Stadt am Theater. Wie war es damals in dieser Stimmung in so einer liberalen Enklave zu arbeiten?

Antwort: Das Theater ist ein Mikrokosmos, der die Gesellschaft abbildet. Innerhalb des Hauses gab es heftige Diskussionen, das haben wir auch nach außen transparent gemacht. Als Institution hat sich das Theater großartig positioniert – und das Thema auch im Spielplan aufgegriffen. Ich selbst habe Arturo Ui gespielt, Brechts Parabel auf Hitlers Aufstieg. Wichtig aber ist, dass das Theater ein Ort der Debatte bleibt. Man darf den Leuten nicht vorschreiben, was sie zu denken haben.

Frage: Wie haben Sie die Demos selbst erlebt?

Antwort: Die Pegida-Umzüge führten direkt am Theater vorbei. Wir hatten immer ein Banner am Haus, das zu Menschlichkeit aufgerufen hat – aber ohne die Leute von den Demos auszuschließen. Wir müssen die Demokratie feiern und dürfen keinen aussperren. Das habe ich auch bei der Debatte um die AfD auf der Berlinale gedacht: Wir müssen leider gerade einen Umgang finden, dass wir es mit einer demokratisch gewählten Partei zu tun haben. Wichtig ist, dass die Berlinale ein politisches und offenes Festival bleibt, aber kein Festival der Politik wird. Einfach jemanden ausschließen ist gefährlich, sich von dieser Partei zu distanzieren wiederum ein probates Mittel. Wir dürfen nicht von uns aus abschaffen, was wir schützen wollen.

Frage: Sie haben von den Fallen und Verführungen der Filme gesprochen, die eine Karriere weiterbringen. Nun ist das ausgerechnet hier der Fall: „The Zone of Interest“ hat in Cannes gewonnen und bringt Sie zu den Oscars. Mit welchen Gefühlen feiert man, wenn es um Auschwitz geht?

Antwort: Man freut sich über die Wertschätzung. Die Oscars sind eine Art Höhepunkt einer Aufmerksamkeit, die der Film in meinen Augen verdient. „The Zone of Interest“ ist kein Entertainment. Auf diesen Film muss man reagieren, man muss sich selbst infrage stellen. Zu den Oscars fahre ich mit der Hoffnung, dass möglichst viele genau dazu ermutigt werden. Als Schauspieler bin ich einfach nur dankbar, dass ich noch einmal dabei sein kann. Mit dem „Weißen Band“ habe ich die Oscars ja schon einmal erlebt.

Frage: Wie war denn Ihre erste Oscar-Nacht?

Antwort: Damals war ich eher ein Zaungast. Ich saß im dritten Rang und konnte alles aus der Ferne überblicken. Diesmal hoffe ich auf einen Platz im Parkett. Es sieht ganz gut aus.

Frage: Haben Sie schon einen Anzug gekauft?

Antwort: Ich habe in Los Angeles einen tollen Stylisten kennengelernt. Der hat mir einen Vorschlag geschickt, den ich richtig gut finde. Es sind allerdings keine Fliege und kein Schlips dabei. Hoffentlich werde ich nicht rausgeworfen.

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