Osnabrück  Deutsche Firmen planen Abbau von Lithium – wo und wie das Metall gewonnen werden soll

Daniel Batel
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Von Daniel Batel
| 23.02.2024 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Unter der deutschen Erdoberfläche gibt es große Lithium-Vorkommen. Mithilfe von Geothermie könnte das Metall klimaneutral zutage gefördert werden. Die Bundesregierung (im Hintergrund u.a. Kanzler Olaf Scholz) setzt ohnehin auf mehr Geothermie. Foto: dpa/Peter Kneffel
Unter der deutschen Erdoberfläche gibt es große Lithium-Vorkommen. Mithilfe von Geothermie könnte das Metall klimaneutral zutage gefördert werden. Die Bundesregierung (im Hintergrund u.a. Kanzler Olaf Scholz) setzt ohnehin auf mehr Geothermie. Foto: dpa/Peter Kneffel
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Die ganze Welt giert nach dem weißen Pulver. Lithium kommt in E-Autos und Handys, aber auch in Stromspeichern zum Einsatz, die als „Game-Changer“ für die Energiewende gelten. In deutschen Böden schlummern riesige Reserven. Versorgt sich Deutschland künftig selbst?

Seit Kanzler Olaf Scholz die „Zeitenwende“ ausgerufen hat, versucht sich ganz Europa bei der Energieversorgung und Rohstoffen unabhängiger von anderen Nationen wie China zu machen. Im Reich der Mitte wird mehr als die Hälfte des globalen Lithium-Angebots verarbeitet, und China kauft systematisch Minen im Ausland. Im Januar verkündete das Land zudem, in der Provinz Sichuan gigantische eigene Vorkommen entdeckt zu haben.

Deutschland muss sich dahinter keinesfalls verstecken. Auch hierzulande gibt es große Lithiumreserven, etwa im Erzgebirge. Die dort ansässige Zinnwald Lithium GmbH plant, schon in zwei Jahren mit dem Abbau zu beginnen. Während die Sachsen das Metall mit klassischen Bergbau-Methoden fördern wollen, geht die andere große Firma Vulcan Energy im Südwesten anders vor.

Das deutsch-australische Unternehmen will schon bald Lithium in großen Mengen aus der Tiefe des Oberrheingrabens holen – klimaneutral. Es steckt in bis zu 200 Grad heißem, extrem salzhaltigen Thermalwasser. Bislang wird dieses primär zur Stromerzeugung und Wärmeversorgung genutzt. Dass die Flüssigkeit Lithiumchlorid enthält, ist schon lange bekannt. Erst durch das neue Zeitalter der Elektromobilität entstand jetzt das Interesse der Industrie.

Die Salzwasser-Lagerung des Metalls erinnert auf den ersten Blick an die Länder des „Lithium-Dreiecks“ in Südamerika: In Bolivien, Chile und Argentinien wird Lithiumhaltige Sole in künstlichen Becken verdunstet. Am Oberrheingraben sollen aber Geothermieanlagen zum Einsatz kommen.

Vulcan Energy schätzt die Vorkommen im Oberrheintal zwischen Basel und Darmstadt auf 16 Millionen Tonnen. Das wäre ein Vielfaches des Lithiums, das heute weltweit verfügbar ist. Ab 2025 will das Unternehmen jährlich 40.000 Tonnen an die Oberfläche bringen. Das würde für eine Million Batteriezellen für E-Autos pro Jahr reichen. Volkswagen, Stellantis, Renault und Daimler haben mit bereits Verträge mit Vulcan Energy geschlossen. Doch an der optimistischen Kalkulation kommen erste Zweifel auf.

Studien des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) bekräftigen zwar, dass Lithium mithilfe von Geothermie theoretisch an vielen Orten Deutschlands förderbar ist. Die Forscher halten die Vulcan-Prognose aber für unrealistisch. Höchstens gut ein Zehntel, also 4.700 Tonnen seien pro Jahr möglich – und zwar nur, wenn alle Geothermiestandorte des Landes mit entsprechenden Anlagen ausgerüstet würden.

Der Studie zufolge könnten bis zu 13 Prozent des Jahresbedarfs der geplanten deutschen Batterieproduktion gedeckt werden. Wenn neue Anlagen hinzukämen, könnten die Fördermengen weiter steigen. Bis zur Fertigstellung eines solchen Kraftwerks vergehen aber typischerweise bis zu fünf Jahre. Die Wissenschaftler bilanzieren deshalb verhalten: „Lithium aus Geothermie kann mittelfristig nur eine Ergänzung darstellen.“

Die ökonomische Machbarkeit ist das eine, die Akzeptanz in den jeweiligen Regionen das andere. Bis heute ist man sich in der Forschung nicht einig, wie die Tiefenwasser-Reservoirs auf eine stetige Förderung reagieren würden. Es fehlt an Langzeittests. Schäden durch Ablagerungen an Bohrlöchern können nicht ausgeschlossen werden. Im pfälzischen Landau, wo Vulcan Energy eine Demo-Anlage errichtet, hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, die eine steigende Gefahr von Erdbeben befürchtet.

Im niedersächsischen Kreis Lüchow-Dannenberg kennen sie sich mit Widerstand aus der Bevölkerung aus. Seit 1979 gab es immer wieder riesige Proteste von Atomkraftgegnern, die bundesweit für Aufsehen sorgten. In Gorleben blockierten Aktivisten immer wieder Gleise, um Castor-Transporte zu verhindern, zuletzt 2011. Auch gegen Fracking-Gasförderung in der Region regte sich zuletzt massiver Widerstand. Das Wendland ist bekannt für eine gewisse „Anti“-Mentalität.

Ausgerechnet auf dieser Region beruhen die niedersächsischen Lithium-Hoffnungen. Im Norddeutschen Becken wird in tiefen geothermalen Fluiden die höchste Lithium-Konzentration Deutschlands vermutet, die das Niveau des Oberrheingrabens noch übersteigen soll. Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) in Hannover hat der Münchner Firma Eve Chem die Erlaubnis erteilt, seit Februar 2024 im Süden Lüchow-Dannenbergs nach Lithium und anderen Bodenschätzen zu fahnden, wie die „Elbe-Jeetzel Zeitung“ berichtet.

Hinter dem in München gelisteten Unternehmen steht wie bei Vulcan eine australische Investmentfirma. Eve Chem hat für zwei Jahre das Exklusivrecht, eine 370 Quadratkilometer große Fläche in Lüchow-Dannenberg und ein 430-Quadratkilometer-Areal zwischen Gifhorn und Wolfsburg nach Lithium abzusuchen. Erstmal würden aber nur geologische Daten geprüft, sagt LBEG-Sprecher Eike Bruns. Bis dort gebohrt werde, dauere es noch.

Die Akten dürften aber schon so einiges hergeben, denn aus der jahrzehntelangen Erdgasförderung lassen sich Erkenntnisse über die geologische Beschaffenheit ableiten. Spätestens, wenn Eve Chem in einigen Jahren mit großen Geräten anrückt, könnte es an der Elbe aber noch zu gesellschaftlichen Spannungen kommen, die laut Lokalredakteur Olaf Schöllhorn von der Elbe-Jeetzel-Zeitung bislang ausgeblieben sind.

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Global betrachtet hat der Lithiumabbau in puncto Naturschutz und hinsichtlich wasserrechtlicher Belange nämlich einen miesen Ruf. In Südamerika häufen sich Berichte über Umweltschäden. Das LBEG betont jedoch, die betroffenen Städte und Gemeinden eng in den weiteren Prozess mit einzubinden. Spätestens im Rahmen eines Planfeststellungsverfahrens sollen Belange des Umweltschutzes genau geprüft werden.

Schöllhorn erwartet, dass örtliche Bürgerinitiativen bald aktiv werden könnten. Vor allem, weil überhaupt noch nicht klar sei, welche Auswirkungen die Lithiumförderung auf das Abwassersystem habe. Es scheint, als lägen die Hoffnung auf Wirtschaftswachstum in der Region (und deutschlandweit) sowie Bedenken beim Naturschutz eng beieinander. Die Jagd auf das „weiße Gold“ ist auch in Niedersachsen eröffnet – aber ob sie auch Realität wird, steht derzeit noch auf einem ganz anderen Blatt.

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