Osnabrück  Was tun gegen Einsamkeit? Interview mit einer Einsamkeitsforscherin

Stefanie Witte
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Von Stefanie Witte
| 22.02.2024 07:00 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Allein im Regen? Viele Menschen in Deutschland fühlen sich einsam. Foto: dpa/Victoria Bonn-Meuser
Allein im Regen? Viele Menschen in Deutschland fühlen sich einsam. Foto: dpa/Victoria Bonn-Meuser
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Millionen Menschen in Deutschland fühlen sich einsam und es werden immer mehr. Corona hat das Problem noch einmal verschärft. Damit beschäftigt sich ein ganzer Forschungszweig. Sogar die Bundesregierung hat eine Strategie dagegen beschlossen. Welche Folgen hat Einsamkeit und was kann man dagegen tun?

Marlen Niederberger ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Sie forscht unter anderem zu Einsamkeit und insbesondere zu der Frage, wie man einsame Menschen in der Forschung erreichen kann. Ihre Expertise fließt in das überregionale Kompetenznetz Einsamkeit ein. Hier schließen sich Forscher, Politiker und private Initiativen zusammen, um Informationen zu sammeln und Lösungen zu finden. Im Interview erklärt Niederberger, wie umfangreich das Problem ist, wie Angehörige und Betroffene darauf reagieren und was sogar Städte tun können.

Frage: Alte Menschen, die niemanden mehr treffen, Jüngere, die vor PC und Handy hängen, Mittelalte, die neben der Arbeit keine Zeit für ein Sozialleben haben – gibt es gerade überhaupt eine Gruppe, die nicht von Einsamkeit betroffen ist?

Antwort: Tatsächlich zieht sich das durch die Gesellschaft. Manche Gruppen sind allerdings stärker betroffen als andere. Ältere und chronisch Erkrankte fühlen sich häufig einsam, auch diejenigen, die weniger Ressourcen haben oder einen Migrationshintergrund. Bei den Jüngeren steigen die Zahlen. Neu ist, dass die Generation 40 plus gerade in der Forschung identifiziert wird, darunter etwa auch Hochgebildete und Eltern.

Frage: Wie definiert man denn überhaupt Einsamkeit?

Antwort: Einsamkeit ist ein eher negatives, subjektives Gefühl. Soziale Kontakte erfüllen in Qualität oder Quantität häufig nicht das, was man sich wünscht. Es kann zum Beispiel sein, dass man sehr viele soziale Kontakte hat, aber Gespräche nicht so tiefgründig sind, wie man es sich wünscht.

Frage: Was können Betroffene selbst tun, um sich weniger einsam zu fühlen?

Antwort: Man kann versuchen, bestehende Kontakte zu vertiefen. Man kann sich mehr Zeit für andere nehmen und in Gesprächen tiefgründigere Themen ansprechen. Dabei muss man ja nicht gleich das Wort „einsam“ verwendet. Das sagen die wenigsten gerne über sich. Aber man kann versuchen, zu kommunizieren, dass man sich mehr und intensiveren Kontakt wünscht. Wenn man sich selbst mehr öffnet, öffnen sich die anderen normalerweise auch mehr. Wer überhaupt erstmal soziale Kontakte sucht, kann versuchen, Menschen mit ähnlichen Freizeitinteressen zu finden. Wer gerne singt, kann in einen Chor gehen. Sportvereine sind ein Klassiker oder Kochkurse. Darüber entwickeln sich automatisch oftmals Gespräche, die man dann vertiefen kann.

Frage: Die Bundesregierung hat eine Strategie gegen Einsamkeit beschlossen. Viele Städte tun etwas dagegen. Wie kann der Staat intervenieren?

Antwort: Ganz wesentlich ist soziale Einbindung. Der Staat kann Angebote schaffen, bei denen sich Menschen austauschen können – zum Beispiel spezifisch für Menschen mit Fluchterfahrung. Auch die Stärkung ehrenamtlichen Engagements kann helfen, unter anderem weil es einen aktiven Lebensstil und das Gefühl von Gebrauchtwerden fördert. Wichtig ist es, Möglichkeiten anzubieten, bei denen neue Kontakte geknüpft oder bestehende vertieft werden können.

Frage: Was können da Städte konkret tun?

Antwort: Sie können Begegnungsorte und Möglichkeiten für einen aktiven Lebensstil schaffen. Wenn man etwa an chronisch Kranke oder Menschen mit wenig Geld denkt: Da braucht es im Sommer schattige, angenehme Plätze, an denen man sich kostenlos treffen kann und im Winter warme Orte. Wichtig ist aber auch, das Thema zu enttabuisieren, damit es ok ist, sich an solchen Orten zu treffen, wenn man sich einsam fühlt.

Frage: Welche Konsequenzen hat Einsamkeit, für den Einzelnen und für die Gesellschaft?

Antwort: Einsamkeit bedeutet ein höheres Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen, etwa Herz- und Schlaganfälle. Für die Gesellschaft bedeutet es, dass sich Menschen zurückziehen, statt sich gesellschaftlich oder politisch zu beteiligen. Da gehen Ressourcen verloren.

Frage: Manche Städte versuchen Einsamkeit mit Besuchsdiensten zu bekämpfen. Eine gute Idee?

Antwort: Wenn man das dauerhaft etablieren kann, wäre es eine Möglichkeit. Aber wir sind derzeit noch weit entfernt von einer sogenannten sorgenden Gemeinschaft, in der das normal wäre. Momentan werden solche Projekte für einen bestimmten Zeitraum finanziert. In zwei Jahren Modellprojekt werden vielleicht Kompetenzen aufgebaut. Aber was passiert danach?

Frage: Wie viele Menschen sind denn in Deutschland einsam und inwieweit ist das Phänomen gewachsen?

Antwort: Je nach Studie geht man von um die 20 Prozent der Befragten aus. Vor Corona war die Zahl etwas niedriger. Je nach Studie 15 bis 17 Prozent. In der Pandemie sind die Zahlen bis auf fast 50 Prozent gestiegen, vor allem bei den Jüngeren, etwa bei Studenten. Derzeit sinken sie wieder, aber noch nicht auf das Niveau vor Corona. Schwierig ist dabei: Ältere, chronisch Kranke, Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund oder auch Jugendliche erreicht man nur schwer durch Erhebungen. Das heißt, man unterschätzt mit diesen Zahlen grundsätzlich das Ausmaß der Betroffenheit.

Frage: Wie erreicht man diese Menschen in der Forschung?

Antwort: Das ist eine der größten Herausforderungen. Ich kann bei Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, in Migrantenvereine oder Unterkünfte gehen, man kann mit Sozialarbeitern sprechen. Jetzt gerade sprechen wir in bestimmten Quartieren mit den Friseuren, mit den Bäckereifachverkäuferinnen oder Bankangestellten. Die kennen die Leute im Quartier. Wir bilden auch sogenannte Einsamkeitsdetektive aus, die zum Teil seit Jahrzehnten in einem Quartier leben. Der eine ist stark kirchlich engagiert, jemand anderes in Elternbeiräten, ein anderer bei der Stadt. Wenn die Kontakt zu Betroffenen aufnehmen, ist das viel niederschwelliger, als wenn ich da als Professor Doktor vorbeikomme.

Frage: Wir haben darüber gesprochen, was einsame Menschen selbst tun können, was der Staat tun kann. Wie ist es mit den Menschen drumherum? Wie könnten die helfen?

Antwort: Das ist ein heikles Feld. Es gibt Indizien für Einsamkeit – wenig soziale Kontakte, eine eher negative Stimmung, manchmal auch Depressionen oder andere körperliche Aspekte. Wenn man ein Vertrauensverhältnis hat, kann man das ansprechen. Und im Zweifelsfall sollte man einen Profi ranlassen. Wichtig ist aber vor allem auch, positive, gemeinsame Erfahrungen zu machen. Und Älteren könnte man helfen, sie mit technischen Möglichkeiten vertraut zu machen, damit etwa der Großvater mit der Enkelin videotelefonieren kann oder jemand überhaupt weiß, welche Angebote es in seinem Ort gibt.

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