Osnabrück  Was passiert nach der Ausstellung? So wird Millionen Euro teure Kunst transportiert

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 21.02.2024 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Große Kunst am Haken: Mitarbeiter einer Kunstspedition heben Auguste Rodins Bronzeplastik „Johannes der Täufer“ vom Ausstellungspodest. Foto: Stefan Lüddemann
Große Kunst am Haken: Mitarbeiter einer Kunstspedition heben Auguste Rodins Bronzeplastik „Johannes der Täufer“ vom Ausstellungspodest. Foto: Stefan Lüddemann
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Manchmal geht es auch im Kunstmuseum so profan wie bei einem Mieterwechsel zu: Was passiert, wenn eine Kunstausstellung abgebaut wird? Wir haben in der Kunsthalle Bremen hinter verschlossene Türen geschaut.

„Wenn ich komme, dann regiert der Zeitplan“: ein Satz wie eine Fanfare. Anke Preußer mildert ihn mit einem freundlichen Lächeln. Die Frau schaut kurz auf ihre Unterlagen, dann geht sie los, entschlossen, durch die hohe Flügeltür.

Sweatshirt und Jeans, die blonden Haare nach hinten gebunden: Preußer trägt Alltagskluft, in Räumen, in denen am Tag zuvor Museumsbesucher noch herrliche Bilder still bewunderten. Die Parade der Impressionisten von Claude Monet bis Vincent van Gogh oder Max Liebermann findet sie auch schön. Für Bewunderung hat sie aber keine freie Minute. Die Zeit drängt. „In einer Woche muss hier alles besenrein sein“, erklärt Preußer bestimmt.

An den Wänden leuchten noch die Farben von Gemälde von Claude Monet oder Vincent van Gogh. Doch ihr Zauber scheint gebrochen. Überall stehen klobige Kisten, als hätten sie Riesenhände in dieses Reich der Schönheit geschoben. In den Ausstellungsräumen liegen Holzpaletten in kaltem Licht, stehen Rollwagen, stapeln sich Verpackungsmaterialien. In der Kunsthalle Bremen wird abgebaut, was zuvor rund 100.000 Menschen gesehen haben – „Geburtstagsgäste“, eine Kunstschau der Sonderklasse. Jetzt muss alles raus, wie im Festsaal nach dem Tanzvergnügen. Das Museum wirkt wie eine Mischung aus Möbellager, Speditionsrampe und Umzugshaus.

Anke Preußer macht einen schnellen Schritt zur Seite. Der Mitarbeiter einer Spedition schiebt einen Hubwagen an ihr vorbei. Es rasselt und scheppert, als das Gefährt über den Boden dahinrollt. Seine Kollegen wuchten unterdessen Kisten an ihre gewünschte Position. Irgendwo klirrt eine metallene Kette wie in einer Industriehalle.

„Heute bewegen wir noch den ersten Rodin“: Anke Preußer klingt geschäftsmäßig, fast kühl, als sie erklärt, welche Kunst in welcher Reihenfolge abgebaut werden soll. Auguste Rodins Bronzeskulpturen sind berühmt – und richtig schwer. Dicke Brocken, selbst für erfahrene Mitarbeiter.

Wer ist Anke Preußer? „Ich bin Registrar“, stellt sie sich knapp vor. Sie strahlt die stille Kompetenz jener Personen aus, die gewohnt sind, im Hintergrund, unsichtbar für das große Publikum, die Fäden zusammenzuhalten. Als Registrar organisiert Preußer den Leihverkehr der Kunstwerke, kümmert sich um Versicherungen und Verträge, plant Transporte, sorgt dafür, dass Kuratoren Kunstwerke auf ihren Zustand überprüfen und an ihre Heimatstandorte begleiten.

In den Ausstellungsräumen ist Preußers Spur bereits unübersehbar. Sie fügt sich aus lauter weißen Zetteln, die nun neben den Gemälden an den Wänden leuchten. „Bitte erst am 26. Februar abhängen und nach oben bringen“, steht etwa neben Claude Monets „Camille“, jenem lebensgroßen Porträt, dass der Impressionist 1866 von seiner späteren Frau malte. Neben Bildern, die aus anderen Museen entliehen wurden, sind Anweisungen zur Übergabe vermerkt. Neben anderen steht schlicht: „Zoll“.

„Übermorgen kommen die Beamten vom Zoll vorbei. Die schauen dann, dass bei Leihgaben aus dem Ausland auch die richtigen Bilder verpackt werden“, erläutert Anke Preußer. Bisweilen würden die Lastwagen der Spedition oder gar die Transportkisten selbst verplombt, sagt sie. Bei Kunst geht es immer auch um Geld.

„Wir haben hier Millionenwerte“, sagt Kuratorin Dorothee Hansen, die die Kunstschau konzipiert hat. Auch wenn es mitten im Abbau wie auf einer Baustelle zugeht – die Werke selbst werden mit buchstäblich mit Samthandschuhen angefasst, Stück für Stück. Wer Hand an sie legt, trägt weiße Baumwollhandschuhe.

Hansen schaut nach den Transportkisten, die Mitarbeiter der Spedition in die Räume geschoben haben. „Sie stehen erst einmal 24 Stunden lang geöffnet in der Ausstellung. Die Kisten kommen aus einem kalten Lager. Hier müssen sie sich erst einmal akklimatisieren“, erklärt die Expertin, was empfindliche Kunstwerke am wenigsten vertragen: plötzliche Temperaturunterschiede.

Unterdessen nimmt Restauratorin Julia Tholen ein Gerät zur Hand, das wie eine Taschenlampe aussieht. Sie lässt den Lichtschein über die Oberfläche eines Gemäldes von Gustave Courbet gleiten, schaut kritisch prüfend über jede kleine Zone der Farboberfläche. Sind irgendwo Risse zu entdecken, fehlerhafte Stellen?

Jedes Bild, jede Skulptur, alles geht durch Tholens Kontrolle, bei Anlieferung und bei Abholung. Ihr Arbeitsplatz in diesen Tagen: ein meterlanger Tisch mit roter Samtauflage, auf dem die Bilder einzeln geprüft werden. Tholen wird dabei sein und Mitarbeiter jener Museen, die ihre kostbaren Schätze nach Bremen entliehen haben. „Morgen kommen die Kuriere“, sagt Tholen. Dann lässt sie wieder den Lichtkegel über die Gemälde huschen.

Lärm stört ihre Konzentration. Aus einem anderen Raum eilt Anke Preußer heran. Sie schaut etwas angespannt. Kein Wunder, denn jetzt wird es ernst. Die Spediteure haben einen Portalkran montiert. Sie umwickeln eine der riesigen Bronzen von August Rodin mit Schaumstoffbandagen, sichern das Ganze mit Bändern. Jeder Handgriff sitzt. „Johannes der Täufer“, so heißt Rodins Figur, reckt den Arm, schaut pathetisch wie ein Prophet. Bandagiert und an der Kette hängend wirkt er aber hilflos, fast ein bisschen komisch.

Die Spediteure machen jedoch ernste Gesichter. Rodins Plastik ist wunderschön, aber auch tonnenschwer. Per Flaschenzug wird sie Zentimeter für Zentimeter vom Podest gehoben. Die Kette fährt rasselnd durch den Flaschenzug. Ein letzter Ruck und das Kunstwerk schwebt, wird behutsam auf eine Palette abgesetzt. Nur Augenblicke später rollt der Rodin auf einem Hubwagen aus dem Ausstellungsraum.

Anke Preußer schaut ihm nur kurz nach. Dann blättert sie schon wieder in ihren Zeitplänen. „In einer Woche müssen wir hier raus sein. Dann werden die Bohrlöcher verschlossen, die Wände neu überstrichen“, spricht sie vom Abbau einer Kunstausstellung so nüchtern, als ginge es um einen Mieterwechsel. Ein bisschen ist das ja auch so. „Wild! Kinder – Tiere – Träume – Kunst“, heißt die Schau, die am 9. März starten soll. Und für den Herbst stehen Ernst Ludwig Kirchners Holzschnitte an. Die Wohnung frei, der Nachmieter kommt: Das gilt auch für ein Kunstmuseum.

Nur Dorothee Hansen steht abseits. „Ich war heute Morgen schon um acht hier, um Abschied zu nehmen“, sagt die Kuratorin. Zwei Jahre Arbeit hat sie in die „Geburtstagsgäste“ investiert. Die ersten dieser erlesenen Gäste sind im kalten Schein des Arbeitslichts schon wieder abgereist. Und erst jetzt wird klar, wie schön jene Ausstellung eigentlich war, die es nun nicht mehr gibt.

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