Osnabrück  Nachruf auf Andi Brehme: Per Elfmeter unsterblich

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 20.02.2024 15:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Elfmeter, der Deutschland 1990 zum Weltmeister machte. Andi Brehme trat ihn. Foto: imago/WEREK
Der Elfmeter, der Deutschland 1990 zum Weltmeister machte. Andi Brehme trat ihn. Foto: imago/WEREK
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Im Alter von 63 Jahren ist Fußball-Weltmeister Andreas Brehme von dieser Welt gegangen. Die Erinnerung an ihn wird bleiben. Dafür hat er selbst gesorgt. Ein Nachruf.

Wer an Omen glaubt, dem muss ein bisschen bange werden vor der Europameisterschaft 2024 im eigenen Land. Viel schlechter hätte das Fußballjahr für Deutschland nicht anfangen können. Die Fanproteste in der Bundesliga nerven alle Beteiligten zunehmend und sind noch lange nicht zu Ende, aber wahre Erschütterungen rufen seit je her Todesnachrichten hervor. Zwei dieser Art sind im noch kurzen Jahr schon eingetroffen: Nach Franz Beckenbauer ist 44 Tage später am Montag mit Andreas Brehme ein weiterer populärer Weltmeister abgetreten. Beide verband sie vor allem die Nacht von Rom, als der Kaiser am 8. Juli 1990 zur Lichtgestalt wurde und im Mondschein spazieren ging, nachdem ihn Brehme auch als Trainer per Elfmeter zum Weltmeister geschossen hatte – und das ganze Land, wegen der bevorstehenden Wiedervereinigung ohnehin schon im fiebrigen Taumel, dazu. 

Wem so etwas gelingt, der hat Anspruch auf Unsterblichkeit und die Erschütterung ist umso größer, wenn die Nachricht dann doch eintrifft: Uwe Seeler, Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Andy Brehme – sie sterben ja wirklich. Brehme mit 63 viel zu früh und unerwartet; Montagnacht gegen 23.30 Uhr rief seine Lebensgefährtin Susanne Schaefer in München den Notruf. Er erlitt einen Herzstillstand, die Wiederbelebungsversuche scheiterten. Sein Tod gibt Rätsel auf. „Wir bitten, in dieser schweren Zeit unsere Privatsphäre zu wahren und von Fragen abzusehen“, teilte Schaefer mit.

Brehme hinterlässt zwei Söhne aus erster Ehe mit Pilar, einer Stewardess, die er 1986 auf einer Flugreise nach Miami kennengelernt hatte. Er war gerade Vize-Weltmeister geworden, sie musste eine Kollegin auf dem Rückflug vertreten. Für den zehnstündigen Hinflug hatte das Schicksal sie nebeneinander gesetzt. Sie hatte keine Ahnung vom Fußball, erst nach der Landung erzählten die Kolleginnen ihr von der Prominenz ihres Sitznachbarn, mit dem sie wenigstens Nummern getauscht hatte. Feuer hatte nur er gefangen. Wochenlang versuchte Brehme, sie zu erreichen, aber eine Stewardess in Zeiten ohne Handy war schwer einzufangen. Da lud er sie spontan zu seinem 26. Geburtstag ein, sie kam – und wurde acht Monate später seine Frau. Die Hollywoodmärchenehe hielt lange, aber nicht ewig – 23 Jahre. Man trennte sich im Guten und er versprach: „Ich werde immer für sie da sein.“

Das war er auch für seine Fans, denn so hoch er auch flog – abgehoben ist der Held von Rom nie. Das war Teil seiner Popularität, er war einer der letzten Stars aus dem Volk. Ein großen Redner war der Hamburger Jung nicht, aber was er sagte, verstand man. Von Brehme gab es Klartext und ehrliche Gefühle. 

Wird man je wieder einen Bundesligakicker nach dem Abstieg in den Armen seines Gegenspielers weinen sehen, so wie er einst im TV-Studio 1996? Als der 1. FC Kaiserslautern abstieg und Bayer Leverkusen mit Rudi Völler nicht.

Der nicht minder populäre Völler spielte auch in seinem größten Moment eine Rolle, wenn auch keine allzu hilfreiche. „Wenn Du den jetzt reinmachst, dann sind wir Weltmeister“, hauchte er Brehme in der 85. Minute des Finales von Rom ins Ohr. „Na, vielen Dank auch“, will er geantwortet haben. War der Druck nicht schon groß genug vor dem Schuss seines Lebens? Das bewies er in der Retrospektive, als die vermeintliche Wartezeit vom Foul bis zur Ausführung von Interview zu Interview stieg. Anfangs seien es drei, am Ende acht Minuten gewesen, bis die Argentinier aufgehört hätten zu protestieren. Nun, es waren 1:57 Minuten – aber wer sind wir, dass wir den Rotstift an die Erinnerungen eines Nationalhelden ansetzen wollen?

Jedenfalls, er traf und das für den Rest seines Lebens.

Die Popularität, die der Schütze eines Siegtores im WM-Finale durch einen einzigen Schuss auf sich zieht, wünscht sich so mancher Staatenlenker. Er stand nun in einer Reihe mit Helmut Rahn und Gerd Müller, Mario Götze sollte noch dazu kommen. Mysteriös übrigens, dass mit Müller und nun Brehme zwei Siegtorschützen als erste aus der Siegerelf verstarben. Ihre Tore aber fallen ewig.

Brehme hat das bis ans Ende seiner Tage erfahren. „Andi, unten links“, haben ihm Landsleute im Urlaub auf irgendwelchen Flecken der Welt zugerufen und er hat ihnen wissend zugelächelt und ein Autogramm gegeben. Das Band, das damals in Rom mit einem unhaltbaren Elfmeter gegen die Argentinier geknüpft wurde, hielt ewig. 

Auch ohne den WM-Pokal, den er in der Nacht des 8. Juli 1990 im Mannschaftsbus wie ein Baby in den Armen hielt, wäre es eine traumhafte Karriere gewesen. Aufgewachsen in Hamburg, machte er seine ersten Profischritte beim 1. FC Saarbrücken. Bei einem Zweitligaspiel entdeckte ihn 1981 der 1. FC Kaiserslautern, dessen Späher eigentlich den Offenbacher Uwe Bein beobachten wollten. Der Zufall spielte, wie bei vielen Weltkarrieren, auch bei seiner keine Nebenrolle. Zum Glück auch für den FCK, mit dem er als Aufsteiger nach seiner Rückkehr 1998 Meister wurde, wie schon 1987 mit den Bayern. Meister wurde er auch auf seinem Auslandstrip zu Inter Mailand, der Uefa-Cup-Sieg kam hinzu, an der Seite seines Spezis Lothar Matthäus.

Wo steht Brehme in der Reihe der großen deutschen Fußballer? Es hat in der DFB-Geschichte sicher einige genialere Fußballer gegeben, aber kaum einen wertvolleren. DFB-Präsident Bernd Neuendorf ließ fachkundig mitteilen: „Seine Nerven- und Zweikampfstärke, seine Beidfüßigkeit, seine Flanken, seine Pässe, sein Einsatz - all das hat ihn ausgemacht, all das hat uns so viel Freude und so viele große Momente beschert.“

86-mal lief er für Deutschland auf, bei allen Turnieren von 1984 bis 1994 war er dabei und nur 1986 gegen Marokko blieb er mal 90 Minuten auf der Bank. Ansonsten galt für seine drei Bundestrainer: Ein Brehme spielt immer. Ob rechter oder linker Verteidiger oder im Mittelfeld, er konnte fast alles. Franz Beckenbauer urteilte: „Er ist unser vielseitigster Spieler.“ 

Der Kaiser wird sicher dafür sorgen, dass für Brehme auch in der Welt-Elf des Himmels ein Plätzchen frei wird, einer muss ja die Elfmeter schießen.

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