Osnabrück VfL Osnabrück: Fanabteilungs-Vize Kessen bietet 96-Boss Kind im TV die Stirn
„Fans oder Kommerz: Wem gehört der Fußball?“ Am Montagabend lud die ARD in der Sendung „Hart aber Fair“ zur Diskussion dieser Frage. Im Mittelpunkt standen dabei die Tennisball-Proteste der Fanszenen gegen den geplanten Investorendeal der DFL. Teil der Runde: Martin Kind, für viele das Gesicht des Problems. Ein Osnabrücker bereitete ihm einen anspruchsvollen Abend.
Thomas Kessen vertrat als Sprecher des Fanverbands „Unsere Kurve“ den Zusammenschluss verschiedener Fanabteilungen und -verbände in Deutschland. Der 35-Jährige, gleichzeitig Mitglied und stellvertretender Abteilungsleiter der Fanabteilung des VfL Osnabrück, diskutierte neben Kind (Geschäftsführer der Hannover 96 Management GmbH) mit Kevin Kühnert (Generalsekretär der SPD), Ariane Hingst (Ex-Nationalspielerin und heutige Sportchefin beim FC Viktoria Berlin), Ex-DFB-Kicker Markus Babbel, Mia Guethe (Magazin 11Freunde) und Nico Heymer, Podcaster sowie Manager eines Teams in der Amateurliga Baller League. (Hier sehen Sie die Sendung in voller Länge).
„Es ist nicht so, dass ich hier für alle Fußballfans in Deutschland spreche.“ Als Kessen das klargestellt hatte und nach der platten Frage des Moderators Louis Klamroth, wie man denn so viele Tennisbälle in ein Stadion bekomme, war die Runde dann schnell beim eigentlichen Thema. „Wichtig sei nicht das Wie, so Kessen, sondern, dass es Hunderte von Bällen seien, die es in die Stadien schaffen. Das zeige, „wie viele Menschen hinter den Protesten stehen.“
Proteste, die sich jüngst auch in Form von Plakaten mit dem Gesicht Martin Kinds in einem Fadenkreuz Bahn gebrochen hatten. „Das nehme ich eigentlich kaum noch zur Kenntnis“, sagte Kind dazu. Der 96-Boss vermied es in der Folge mehrfach, den im Raum stehenden Verdacht, er habe bei der geheimen Abstimmung der DFL im Dezember entgegen dem Auftrag seines ihn entsendenden Vereins pro Investorensuche gestimmt, auszuräumen. „Warum sollte ich?“, fragte Kind. „Selbst wenn es so wäre“, dass er sich über den Abstimmungsauftrag hinweggesetzt und damit gegen den Geist der 50+1-Regel verstoßen hätte: „Es änderte nichts“ am Ergebnis, sagte Kind. Sein Gegenüber Kessen wandte ein: „Dann hätten wir zumindest Gewissheit. Denn das ist ja das, was hinter den Protesten steckt. Dass die demokratische Akzeptanz (des Abstimmungsergebnisses, d. Red.), nicht gegeben ist oder massiv angezweifelt wird. Und das ist das Ergebnis, wenn ich das so sagen darf, ihrer Rumeierei in der Diskussion danach.“
Kühnert pflichtete Kessen bei, viele Fans seien bereit, ein Abstimmungsergebnis, das inhaltlich nicht den eigenen Vorstellungen entspreche, zu akzeptieren. „Wenn sie wissen, dass alles mit rechten Dingen abgelaufen ist. Und, Herr Kind, das wissen die Mitglieder des Stammvereins von Hannover 96 und damit ganz viele im deutschen Fußball im Moment nicht. Das ganze Gespräch ist bis hierhin ja Ausdruck dessen, dass man es nicht weiß.“
Kind, verwies darauf, dass es doch eine große Mehrheit von zwei Dritteln der abstimmenden Vereine gegeben habe, die für einen Einstieg eines großen Investors sei. Ein Einwand, der zur Diskussion der Frage führte, wie man Investoren im Fußball überhaupt gegenüberstehen sollte. „Wir können nicht davon ausgehen, dass sich die Investoren still und heimlich zurücklehnen“, und auf Mitspracherecht verzichten werden, meinte Guethe.
Auch wenn die deutschen Ligen finanziell den Anschluss an andere europäische Top-Spielklassen auf Dauer nicht halten könnten, ergänzte Kessen: „Das ist das Problem, dass man mit dem neuen Investorendeal einfach nur mehr Geld hinterherhechelt. Anstatt sich, was in der Runde auch schon mehrfach angeklungen ist, der unglaublichen Einzigartigkeit des deutschen Fußballs“, also seiner Fankultur, „mal bewusst zu machen und auf dieser Grundlage mal eine Vision zu entwickeln für den deutschen Fußball. Die DFL sagt einfach nur: ‚Wir wollen mehr Geld.‘“
Geld, das aber dringend benötigt werde, überschlug Kind, der übrigens ergänzte, dass er einer erneuten Abstimmung, wie sie die Fanszenen und gar schon mancher Verein fordert, grundsätzlich ohne Sorge entgegenblicken würde. „Sie können davon ausgehen, dass sie im Profifußball mehr ausgeben, als sie einnehmen. Das ist kein Geschäftsmodell. Das heißt, es müssen im Umkehrschluss Gelder in das System kommen.“ Dasselbe System, „das vorher schon nicht funktioniert hat und, wie Sie gerade treffend analysiert haben, jetzt schon auf dem Weg des Scheiterns ist, genau dieses System soll mit noch mehr Geld befeuert werden?“, fragte Kessen. „Das ergibt noch keinen Sinn.“
Kind verwies auf den gesellschaftlichen Trend zu mehr Nachhaltigkeit und Digitalisierung. „Das sind alles Investitionen, die finanziert werden müssen. Mit dem operativen Geschäft ist das nicht zu verdienen.“ Warum nicht?“, fragte Kessen. „Dann müssen sie die Gehälter der Spieler…“ Diesen Satz brachte Kind nicht mehr zu Ende. Was hatte er gemeint? Umverteilen? Kürzen? Kessen erkannte: „Das heißt, all das, was Sie gerade angesprochen haben, könnte die Bundesliga ja aus eigener Kraft stemmen, wenn man das viele Geld, das ohnehin schon da ist, anders verteilt. Dann braucht man ja gar kein großes Geld von außen.“ „Ja, gut“, sagte Kind und schien ertappt. „Das möchte ich jetzt nicht weiter kommentieren.“
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