Osnabrück  Boris Pistorius: Erst König, dann Kanzler?

Burkhard Ewert
|
Von Burkhard Ewert
| 16.02.2024 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der neue Grünkohlkönig Boris Pistorius (r.) und Jürgen Krogmann, Oberbürgermeister der Stadt Oldenburg, beim „Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten“. Foto: dpa/Jens Kalaene
Der neue Grünkohlkönig Boris Pistorius (r.) und Jürgen Krogmann, Oberbürgermeister der Stadt Oldenburg, beim „Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten“. Foto: dpa/Jens Kalaene
Artikel teilen:

Verteidigungsminister Boris Pistorius wurde zum neuen Oldenburger Grünkohl-König gekürt. Unser Chefredakteur Burkhard Ewert war dabei – und wie viele andere hat er sich gefragt: Will und kann Pistorius auch Bundeskanzler?

Schlechte Umfragewerte für Olaf Scholz, ein nach wie vor gut sortierter Boris Pistorius: Immer mehr Kollegen von mir schreiben, dass es nicht ausgemacht ist, wer als Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bei der nächsten Bundestagswahl antritt. Macht es der Kanzler, der gegen jede Erwartung seine Partei zum Sieg bei der Wahl 2022 geführt hatte, oder der Herausforderer, der sich selbst als solchen sicherlich nie bezeichnen wird? 

Kommt es bereits vorher zum Wechsel? Oldenburger Grünkohl-König ist Pistorius schon mal. Ich war Teil des Kohlvolks, als er jetzt in Berlin gekürt wurde. Auch dort lautete das Thema auf der Bühne und an den Tischen: Wird er mehr? Will er es? Und: Kann er es?

Vorgänger-Majestät Christian Lindner griff die Frage auf, von der er überall höre. Augenzwinkernd meinte er, für „Shooting-Star“ Pistorius komme nach der Königswürde eigentlich nur das Papsttum infrage; eine andere Möglichkeit falle ihm beim besten Willen nicht ein.

Der Verteidigungsminister selbst war mit seiner neuen Frau Julia gekommen. Er hörte die wohlwollenden Worte und genoss sie, wiewohl man merkte, dass sein Pensum beträchtlich ist. Wer will es ihm verdenken: Inzwischen stößt er auch auf Widerstände im Ministerium. Immer wieder reist er zu Konferenzen und militärischen Anlässen auch ins Ausland. Dazu der stete Einsatz „gegen rechts“ und die Besuche in der Heimat, plus die gesellschaftlichen Anlässe, deren rege Wahrnehmung sich als Indiz lesen lassen, dass jemandem seine neue Bedeutung durchaus gefällt.

Was aber sagt man in der SPD selbst über ihn und seine Ambitionen? Ich habe beim „Gröönkohl-Äten“ und weiteren Anlässen zuletzt mit rund einem Dutzend führender Sozialdemokraten aus Regierung, Fraktion und den Ländern darüber gesprochen. 

Es gibt jene, insbesondere aus dem Kreis des Kabinetts, die eine Rochade rigoros ausschließen. Scholz habe die Kanzlerschaft überhaupt erst erkämpft. Wenn es darauf ankomme, sei er mit seiner sachlichen Art bei den Leuten beliebt. Umfragen gäben dies nicht hinreichend wieder. 

Dann gibt es jene, die grundsätzlich zu einer vorsichtigen und professionellen Sprache neigen oder mir nicht ganz trauen. Sie sagen, die Frage stehe nicht an. Es gebe keinen Grund, sich damit zu befassen. Und es gibt die dritte Gruppe. Zu ihr zählen viele, die Pistorius schon lange kennen und in verschiedenen Stationen seiner Karriere erlebt haben. 

Sie reagieren auf zweierlei Weise: Entweder geradezu empört, wenn sie nicht zu seinen Bewunderern zählen (ja, solche Menschen gibt‘s). Selbstverständlich werde Scholz antreten. Pistorius habe es leicht: Er bediene nur ein Thema, Scholz viele. Pistorius habe wenig mit dem Koalitionsfrieden zu tun, Scholz viel. Pistorius’ Vorgängerin ließe fast jeden Nachfolger glänzen, Scholz werde an Angela Merkel, Gerhard Schröder und Helmut Kohl gemessen, was eine andere Hausnummer sei als diese Frau mit ihren Stöckelschuhen im Wüstensand. 

Alles richtig. Aber es gibt auch jene, die Pistorius stützen. Sie verweisen darauf, dass er als Mann aus dem Rest der Republik schon einmal unterschätzt wurde, als ihn die großen Polit-Experten als Verteidigungsminister nicht auf dem Radar hatten. Sie wissen, dass er seit längerer Zeit systematisch Kontakt zu Journalisten aufbaut, von denen er sich auf Bundesebene Rückenwind verspricht. Sie ordnen seine vorübergehende Partnerschaft mit Doris Schröder-Köpf als Phase ein, in der sie ihn durchaus beraten und geprägt hat, was Glamour und PR angeht. Und sie lesen den damals noch etwas ungelenken Versuch, in einer Konstellation mit Petra Köpping den Vorsitz der SPD zu erringen, als Hinweis auf sein Bild von sich selbst.

Diese Leute werden eine Augenbraue gehoben haben, als Pistorius neulich im großen „Bild“-Interview beteuerte, er sei immer loyal – bevor er einen vielsagend verunglückten Vergleich bemühte: Was Scholz angehe, komme doch auch beim Fußball niemand auf die Idee, den Trainer zu feuern, wenn es für eine Mannschaft schlecht laufe... 

Meine These lautet: Pistorius würde keine Sekunde zögern. Und Scholz weiß das auch.

Ähnliche Artikel