Flensburg 13 Jahre E10 an den Tankstellen: Erfolg oder verpasste Chance?
Eigentlich sollte E10 einen Betrag für nachhaltigeren Verkehr leisten. Weniger Emissionen, gleichzeitig ein geringerer Preis. Zu gut, um wahr zu sein? Bis heute halten sich viele hartnäckige Gerüchte rund um den Kraftstoff mit dem extra Ethanol. Wir haben nachgefragt.
Was ist eigentlich aus E10 geworden? Im Februar 2011 gab es den klimafreundlicheren Kraftstoff mit dem extra Schuss Ethanol erstmals an deutschen Tankstellen zu kaufen, die überwiegende Reaktion: Skepsis. Bis zu 10 Prozent Ethanol (daher der Name, „E10“) darf dem neuen Benzin beigemischt werden – doppelt so viel wie beim bekannten E5 (Super). Schnell machten Gerüchte die Runde, E10 könne den Motor beschädigen, der Verbrauch steige und wirklich günstiger und umweltschonender sei das Ganze auch nicht.
Jetzt, 13 Jahre später, ist die Welt eine Andere. Sprit kostet nicht mehr 1,40 Euro, das 1,5-Grad-Klimaziel steht vor dem Aus und der breite Umstieg auf Elektrofahrzeuge hat mit dem Ende der Elektroprämie einen Dämpfer bekommen. Zeit, E10 auf den Prüfstand zu stellen und mit Vorurteilen aufzuräumen.
„Die getanke E10-Menge hat sich bei uns in den vergangenen paar Jahren verdoppelt“, erklärt Axel Niesing, geschäftsführender Gesellschafter der Anton Willer GmbH, die Tankstellen betreibt. Das sei sicherlich dem Preisabstand geschuldet, vermutet er. Der Kraftstoff ist aktuell im Schnitt sechs Cent pro Liter günstiger als herkömmliches E5.
Diesen deutlichen Unterschied gibt es jedoch erst seit 2021, als die großen Betreiber das Preisgefälle erhöhten. Zuvor war E10 lediglich zwei Cent günstiger. Die Folgen sind auch für die Anton Willer GmbH merkbar: Mittlerweile greifen gut 30 Prozent der Kunden von Ottokraftstoffen zum günstigeren E10, der Rest tankt weiterhin Super oder Super Plus.
Diese Einschätzung deckt sich mit der des ADAC, der sich auf Zahlen des Bundesverbands der deutschen Bioethanolwirtschaft beruft. Diese geht davon aus, dass rund ein Viertel der Fahrer den Biosprit tankt. Aus Sicht des Automobilclubs noch zu wenig.
„Es spricht aus unserer Sicht absolut nichts gegen das Tanken von E10“, so Rainer Pregla, Pressesprecher des ADAC. Die Vorurteile würden sich zwar hartnäckig halten, seien jedoch fast gänzlich unbegründet.
Eines der gängigsten: „Mein Auto verträgt kein E10.“ Laut ADAC sei diese Angst jedoch unbegründet. Was 2011 noch für einige wenige Fahrzeuge gegolten habe, sei jetzt, 13 Jahre später, nicht mehr der Fall. Mit wenigen Ausnahmen vertragen alle benzinbetriebenen Autos und Motorräder, die nach 2010 gebaut wurden, das zusätzliche Ethanol ohne Schäden zu riskieren. Die Deutsche Automobil Treuhand GmbH stellt auf ihrer Website eine Liste mit Ausnahmen bereit.
Ein anderes Argument gegen den Griff zum Zapfhahn mit der Zehn ist der erhöhte Verbrauch. Es stimmt: Wer E10 im Tank hat, verbraucht minimal mehr – laut ADAC etwa ein Prozent. Unterm Strich bedeutet das also trotzdem noch mehrere Euro Ersparnis pro Tankfüllung. Einen deutlich größeren Einfluss auf den Verbrauch habe die Fahrweise.
Bleibt die Frage nach dem Klimaschutz: Der ADAC argumentiert, dass bei der Verbrennung des Ethanolanteils nur CO₂ frei werde, das zuvor Pflanzen aus der Atmosphäre entzogen haben. Gleichzeitig seien die Stickstoffemissionen von E10 im Vergleich zu Super im Schnitt 25 Prozent geringer und der ausgestoßene Feinstaub sei um bis zu 70 Prozent reduziert.
Gewonnen wird das Ethanol aus nachwachsenden Rohstoffen, wie Raps oder Getreide. Kritik gibt es hier primär aufgrund der Flächenkonkurrenz zur Nahrungsmittelerzeugung. Aktuell werden etwa zwei Prozent der Ackerflächen in Deutschland für die Produktion von Ethanol für den Straßenverkehr genutzt.
Mit 30 Prozent Marktanteil bei Ottokraftstoffen scheint E10 langsam im Massenmarkt angekommen zu sein. Ob mit dem Biotreibstoff schon das Ende der Fahnenstange erreicht ist, ist hingegen fraglich. Der ADAC kann sich einen Treibstoff mit noch höherem Ethanolanteil durchaus vorstellen, so Pressesprecher Pregla. Bis zu 20 Prozent seien denkbar. Noch fehlen hier jedoch die rechtlichen Voraussetzungen.
Gesellschafter Axel Niesing sieht die Zukunft hingegen an anderer Stelle: E-Fuels. Diese aus Wasserstoff und CO₂ synthetisierten Treibstoffe hätten laut Niesing den Vorteil, dass die bestehende Tankinfrastruktur weiter verwendet werden könnte. Außerdem sei der Treibstoff weitestgehend klimaneutral. Das größte Problem ist allerdings die energieintensive Erzeugung des benötigten Wasserstoffs.