Emstek Nach dem großen Schlachten: Rumänische Arbeiter nicht mehr gebraucht?
Sie kamen nach Deutschland, um Schweine zu schlachten. Rumänische Werkvertrags-Arbeiter lebten in einer oft düsteren Parallelwelt und sorgten für billiges Fleisch. Doch seit Jahren lässt der Fleischhunger der Deutschen nach. Jetzt macht einer der größten Schlachthöfe in Norddeutschland zu. Was passiert mit den Arbeitern?
Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere: 12.30 Uhr, Schichtende auf dem Schlachthof Vion im niedersächsischen Emstek. Dutzende Arbeiter strömen durch das Drehtor auf den Parkplatz. Viele haben den gelben Chip für das Gelände in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand. Busse und Autos bringen die vielen rumänischen und wenigen bulgarischen und albanischen Schlachter in ihre Unterkünfte irgendwo in der Region.
Alltag im Nordwesten von Niedersachsen, den manche auch Fettfleck nennen, weil hier so viele Tiere geschlachtet werden wie sonst nirgends in Europa. An diesem Tag aber wartet Daniela Reim vor dem Werk. Sie arbeitet in der Beratungsstelle für mobile Beschäftigte. Seit Jahren kümmern sich Reim und ihre Kollegen um Sorgen und Nöte der Arbeitsmigranten, die zu Tausenden in den Schlachthöfen der Region arbeiten.
Reim hat gehört, dass der Schlachthof verkauft werden soll. Betreiber Vion hat die Liegenschaft verkauft. Was der neue Besitzer damit vorhat, ist unklar. 750 Angestellte stehen ab dem 31. März womöglich ohne Job da. Sie will wissen, was die Arbeiter vorhaben: Können Sie weiter in dem Schlachthof arbeiten? Wollen sie in Deutschland bleiben? Wollen sie zurück in ihre Heimatländer?
Ein Ehepaar aus Rumänien arbeitet erst seit wenigen Monaten bei Vion. Die beiden wollen nicht zurück nach Rumänien, weil sie befürchten, dort kein Arbeitslosengeld aus Deutschland zu bekommen. Ein junger Mann wünscht sich, bleiben zu können. Die Arbeit sei gut, sagt er. Viele wollen abwarten, was ihr Arbeitgeber ihnen bietet.
Vion ist eines der größten Schlachtunternehmen Europas. Die Heimat des Konzerns sind die Niederlande. Aber auch im benachbarten Deutschland betreibt der Konzern viele Schlachthöfe. Die Produktion hierzulande war jahrzehntelang besonders günstig.
Die Zeiten haben sich gewandelt. Am 16. Januar veröffentlichten die Niederländer eine Mitteilung, in der es etwas euphemistisch hieß, man überprüfe sein deutsches Geschäftsportfolio. Sollte heißen: Vion zieht sich in weiten Teilen aus der Fleischproduktion in Deutschland zurück.
Ein Wursthersteller in NRW geht an Marktführer Tönnies, ein Rinderschlachthof in Thüringen ebenfalls. Einen Schweineverarbeitungsbetrieb in Perleberg, Brandenburg, übernimmt der Sauen-Schlachthof Uhlen aus Niedersachsen.
Und der Standort in Emstek im Landkreis Cloppenburg?
Um die Zukunft des Standorts und der mehr als 700 Arbeiter gibt es ein großes Rätselraten. Vion selbst hält sich bedeckt, auch wenn es um die Zukunft der Angestellten geht. Der neue Eigentümer Kadri Bytyci äußert sich auf Anfrage unserer Redaktion nicht. Wird er am Standort weiter schlachten? Wird er weiter Schweine zerlegen lassen? Oder wird der Standort zum großen Kühlhaus umgebaut? Unklar.
Bytyci ist jedenfalls kein Unbekannter in der Branche. Auch die Vion-Arbeiter kennen seinen Namen. Er war jahrelang selbst als Subunternehmer bei Vion tätig. Er schickte also seine Arbeiter über das Konstrukt Werkvertrag in den Schlachthof.
Der Werkvertrag machte das Schlachten im europäischen Vergleich besonders günstig. Die Subunternehmer heuerten Arbeiter im Ausland an, die für vergleichsweise wenig Geld in Deutschland schufteten. Die Schlachtkonzerne lagerten sämtliche Personalverantwortung aus. Auch deswegen ließen sich Vion und andere ausländische Konzerne in Deutschland nieder.
In kleinen Gemeinden wie Emstek bildeten sich Parallelgesellschaften. Zu Tausenden kamen meist osteuropäische Arbeiter und blieben trotzdem unsichtbar. Ihre oftmals heruntergekommenen Unterkünfte verließen sie zu ihren Schichten und zum Einkaufen. Kontakte zur Bevölkerung gab und gibt es kaum.
Immer wieder gab es Berichte über die Missstände. Von viel zu langen Arbeitszeiten, horrende Mieten für Zimmer und Kündigung bei Krankheit war die Rede. Auch Bytyci stand in der Kritik. Er hatte Beraterin Daniela Reim wegen Verleumdung verklagt, weil sie über die Bedingungen offen gesprochen hatte. In dem Prozess wurden die prekären Bedingungen seiner Arbeiter öffentlich. Bytyci verlor die Auseinandersetzung vor Gericht.
Der Werkvertrag ist inzwischen verboten. Die Arbeiter sind seitdem direkt bei den Schlachthöfen angestellt. Das aber macht das Schlachten wiederum teurer. Auch viele frühere Subunternehmer blieben der Branche treu. Bytyci beispielsweise ist Vion weiter eng verbunden. Es bestehen Beziehungen im Bereich Transport, Logistik und Reinigung, teilt der Konzern auf Anfrage mit.
Warum der ehemalige Subunternehmer den Schlachthof kaufte? Darüber lässt sich nur spekulieren. Klar ist: Die Branche ist ins Rutschen gekommen. Der Schweinefleischkonsum ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Zugleich ist die Produktion immer teurer geworden: Erst wegen der Werkverträge, dann wegen der gestiegenen Energiepreise – das Geschäft mit Schweinen ist besonders energieintensiv.
Der Niedergang der Branche macht sich in den Schlachtzahlen deutlich. Früher wurden in der Spitze mehr als eine Million Schweine in Deutschland geschlachtet – pro Woche. Branchenkenner gehen davon aus, dass sich die Zahl dauerhaft bei 650.000 oder weniger einpendeln wird.
Auch in Emstek machte sich das bemerkbar: Viele Schlachthaken blieben leer. Möglich wären 70.000 Schlachtungen pro Woche. Zuletzt waren es noch 42.000. Das große Geld ließ sich mit billigen Schweinen aus Deutschland nicht mehr verdienen.
An Schlachtungen hat Bytyci offensichtlich auch kein Interesse. Sie werden auch nicht mehr möglich sein: Die Gerätschaften für das Schlachten hat das Unternehmen Uhlen aus dem Emsland gekauft. Das Inventar wird wohl ausgebaut werden, sobald Vion den Betrieb einstellt.
Die Konkurrenz um die Arbeitskräfte hat sich schon in Stellung gebracht. Der Geflügelschlachter Wiesenhof wirbt direkt vor Vions-Werktor um Mitarbeiter – auf deutsch und rumänisch. Auch andere Konzerne sollen – wenn auch weniger auffällig – ihre Fühler ausgestreckt haben.
Die Arbeit im Schlachthof ist hart. Deutsche finden sich kaum unter den Angestellten. Und auch das Rekrutieren ausländischer Arbeitskräfte wurde zuletzt für die Konzerne immer schwieriger, heißt es aus Wirtschaftskreisen. In anderen Branchen lässt sich mit weniger Aufwand gleich viel oder mehr Geld verdienen.
Das große Schlachten in Emstek wird bald vorbei sein. Branchenkenner gehen davon aus, dass noch weitere Betriebe in den kommenden Monaten schließen werden. Es lohnt sich halt einfach nicht mehr. Draußen auf dem Vion-Parkplatz sagt einer der Noch-Arbeiter: „Ich will nie wieder einen Schlachthof von innen sehen, wenn Vion schließt.”