Berlin  Antisemitismus an Berliner Unis: Was ist in der Hauptstadt bloß los?

Leon Grupe
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Von Leon Grupe
| 08.02.2024 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Etwa 80 Menschen nahmen am Donnerstag an einer pro-palästinensischen Demo vor der FU Berlin teil. Foto: dpa/Monika Skolimowska
Etwa 80 Menschen nahmen am Donnerstag an einer pro-palästinensischen Demo vor der FU Berlin teil. Foto: dpa/Monika Skolimowska
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Ein jüdischer Student wird von einem Kommilitonen ins Krankenhaus geprügelt. Vor einer Uni unterstellen pro-palästinensische Aktivisten Israel einen Völkermord, an einer anderen Hochschule bringen sie eine Veranstaltung zum Abbruch. Auf den Berliner Campus verschiebt sich etwas.

Die Veranstaltung läuft seit einer Stunde, da droht die Situation zu eskalieren. Teilnehmer eine pro-palästinensischen und einer pro-israelischen Demo geraten aneinander. Es kommt zu Wortgefechten. „Halt dein Maul“ ist zu hören. Schnell schreiten ein halbes Dutzend Polizisten dazwischen und drängen die Gruppen auseinander. Die Lage beruhigt sich wieder, doch die Anspannung zwischen beider Lager bleibt spürbar.

Donnerstagvormittag auf dem Platz vor der großen Mensa der Freien Universität (FU) in Berlin. Schätzungsweise 80 Menschen, größtenteils Studenten, haben sich zu einer Kundgebung unter dem Motto „Solidarität mit Palästina“ zusammengetan. Viele tragen rote und schwarze Kufiyas, Palästinensertücher. Einige haben Warnwesten an. Die palästinensische Flagge wird geschwungen.

Sechs Tage ist es her, dass ein FU-Student derart brutal zusammenschlagen wird, dass er mit Schädelfrakturen ins Krankenhaus muss. Lahav Shapira ist 30 Jahre alt und studiert Lehramt. Nach allem, was bekannt ist, soll er nach einem Bar-Besuch von einem arabäschstämmigen Kommilitonen angegriffen worden sein.

Inzwischen stuft die Berliner Staatsanwaltschaft die Tat als antisemitisch ein. Shapira ist Jude und hatte in der Vergangenheit propalästinensische Aktionen an der FU kritisiert. Der Vorfall erregt auch deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil Lahav Shapira der Bruder des Comedian und Autors Shahak Shapira ist. Dieser macht die Attacke auf der Plattform „X“ öffentlich.

Auch wenn die Fall nicht auf dem Gelände der FU stattfand, erwarten viele eine Reaktion von der Uni. Auf X forderte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) die FU dazu auf, „antisemitische Vorfälle nicht länger zu dulden oder kleinzureden.“ Für den Zentralrat der Juden sei eine Exmatrikulation des mutmaßlichen Täters „alternativlos“. Doch in der Rauswurfdebatte gibt es auch skeptische Stimmen. So lehnt Berlins Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (SPD) eine Ausschließung aus politischen Gründen „grundsätzlich“ ab.

Für die FU ist es nicht das erste Mal seit dem Massaker der islamistischen Hamas in Israel am 7. Oktober, dass sie für den Umgang mit Antisemitismus kritisiert wird. Im Dezember besetzten propalästinensische Studenten einen Hörsaal. Es kam zu Handgreiflichkeiten. Die Polizei musste den Hörsaal räumen.

Bei der Kundgebung am Donnerstag sollen solche Szenen verhindert werden. Die Polizei ist mit mehreren Mannschaftswagen vor Ort. Kurz bevor die Demo offiziell losgeht, steht Cecilia umringt von einem Pulk an Journalisten vor dem grauen Universitätsgebäude. Sie ist die Sprecherin der Studentenorganisation „FU Palestine Commitee“, die zur Kundgebung aufgerufen hat. Auf Instagram hatte die Gruppe ein Plakat gepostet, worauf das gesamte israelische Gebiet von einer Kufiya bedeckt ist.

Fragt man Cecilia, die nur mit Vornamen zitiert werden möchte, ob Israel in der jetzigen Form weiter existieren soll, windet sich die 21-Jährige um eine klare Antwort: „Israel basiert auf Apartheid, Ungerechtigkeit und Unterdrückung.“ Mit diesem System könne das Land nicht weiter bestehen. Palästinenser hätten keine Rechte und dürften sich nicht frei bewegen. Die Terrorattacke der Hamas verurteilt sie höchstens halbherzig. „Wir lehnen jegliche Form von Gewalt ab.“ Dann kommt das „aber“: Der Angriff sei eben auch eine Antwort auf 75 Jahre Unterdrückung gewesen.

Ein älterer Mann sagt, er sei gekommen, um gegen das „heuchlerische Verhalten” der Bundesregierung im Nahost-Konflikt zu protestieren. Ein Student will gegen den „Genozid in Gaza” demonstrieren. Die Teilnehmer kritisieren auch die Unileitung. Diese beziehe zu einseitig Position für Israel, propalästinensische Solidarität würde mit dem Vorwurf des Antisemitismus unterdrückt. Die FU hatte sich vorab von der Veranstaltung distanziert. Sie erklärte, weder Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, noch die Veranstaltung zu unterstützen.

Immer wieder skandieren am Donnerstag die propalästinensischen Demonstranten „Free, free Palestine“. Einige Anwesenden rufen dazwischen: „From Hamas“. Jana Schliepe zum Beispiel, 28 Jahre alt und Studentin für Grundschuldpädagogik. Sie hält die Veranstaltung für „super problematisch.“ Kritik an der Kriegsführung der israelischen Regierung sei berechtigt, sagt sie, „aber hier wird Israel das Existenzrecht abgesprochen.“ Seit dem 7. Oktober und den propalästinensischen Kundgebungen an der Uni habe sich das Klima auf dem Campus verändert. „Sticker auf den Toiletten werfen Israel einen Völkermord in Gaza vor.”

Am Rande der Veranstaltung sammeln sich rund ein Dutzend Gegendemonstranten mit Israelflaggen. Zu ihnen zählt der 24-jährige Leo Buddeberg, der an der FU Politikwissenschaften studiert. Er selbst sei kein Jude, sagt er, „uns geht es darum, trotzdem ein Zeichen zu setzen.“ Die Mehrheit der Studierendenschaft würde die Haltung der propalästinensischen Demonstranten nicht teilen, aber sie würden sich auch nicht dagegen positionieren. „Deshalb sind wir hier“, sagt er.

Die Aktion vor der FU ist nicht die Einzige an diesem Tag. Am Abend stören pro-palästinensische Aktivisten eine Veranstaltung an der Humboldt-Universität. Die Hochschule hat die Israelin Daphne Barak-Erez zu einer Podiumsdiskussion geladen. Als die Richterin des Obersten Gerichtshof versucht, mit den Ruhestörern ins Gespräch zu kommen, wird sie niedergebrüllt und die Veranstaltung abgesagt.

Während draußen demonstriert wird, läuft der Unibetrieb an der FU ganz normal weiter. Die Studenten strömen in die Mensa und in die Hörsäle. „Traditionell ist die FU eine linke Uni“, sagt Immanuel Röwer. Der 18-Jährige studiert Geschichte auf Lehramt und nimmt ebenfalls an der Gegenkundgebung teil. „Gerade aufgrund der politischen Ausrichtung, die für Offenheit und Toleranz steht, ist es traurig, was hier gerade passiert.“

Die pro-palästinensichen Demonstranten stimmen weiter Sprechchöre an. Immer wieder schallt der Genozid-Vorwurf über den Platz. „Das ist Mord, das ist Krieg, macht Schluss mit dem Gaza-Genozid.“ Ein Redner unterstellt den Medien, nur noch Hetze zu verbreiten. Palästinenser, Araber und Muslime lebten nicht mehr sicher. „Aber eure Nase, euer Kinn ist noch heil“, brüllt ein Gegendemonstrant dazwischen. Vermutlich spielt er auf Lahav Shapira an. Ansonsten ist die Prügelattacke so gut wie kein Thema an diesem Donnerstag.

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