Hamburg  Dieser Mann aus dem Emsland zeigt Menschen den Weg aus dem Islamismus

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 06.02.2024 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der gebürtige Emsländer André Taubert hat mehr als zehn Jahre Familien von Islamisten beraten. Foto: Marie Busse
Der gebürtige Emsländer André Taubert hat mehr als zehn Jahre Familien von Islamisten beraten. Foto: Marie Busse
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Bei André Taubert melden sich Eltern, die befürchten, ihre Kinder wenden sich dem radikalen Islam zu. Der gebürtige Emsländer berät seit mehr als zehn Jahren Familien, aber auch Lehrer, in solchen schwierigen Situationen. So sieht sein Alltag aus.

Wenn im Hamburger Büro von André Taubert das Telefon klingelt, ist oft eine besorgte Mutter auf der anderen Seite. Sie ruft an, weil ihr Sohn plötzlich brutale Videos von islamistischen Terroristen ansieht oder die Tochter sich verschleiert und am liebsten direkt nach islamischem Recht heiraten würde. „Wenn die Menschen anrufen, ist die Not sehr groß. Sie wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen”, sagt Taubert. 

Für Taubert hingegen sind solche Situationen Alltag. Seit 2012 berät der Religionspädagoge in Norddeutschland Familien und Fachkräfte, die befürchten, dass junge Menschen dem radikalen Islamismus verfallen. Dass das einmal Tauberts Arbeitsschwerpunkt sein würde, war nicht abzusehen. Der 46-Jährige wuchs im ländlichen Lingen im Emsland auf und machte zunächst eine Ausbildung zum Möbeltischler. Danach studierte er Religionswissenschaft auf Lehramt und arbeitete als Straßensozialarbeiter in Bremen. 

Als immer mehr junge Menschen zum sogenannten „Islamischen Staat“ ausreisten, gründete man in Bremen 2012 eine Beratungsstelle für Islamismus. Zwei Halbtagsstellen sollten damals die Radikalisierung in Norddeutschland stoppen – eine davon hatte Taubert. „Wir hatten damals so viele Fälle und sind kaum hinterher gekommen“, erinnert er sich. Manchmal seien die Jugendlichen schon nach wenigen Wochen in den Krieg für ihren neuen Glauben gezogen. „Das war häufig eine Express-Radikalisierung“, sagt Taubert. 

Damals machten deutschsprachige Videos von schwerbewaffneten Fanatikern die Runde. Sie riefen Islamisten in Deutschland dazu auf, nach Syrien zu reisen. Die selbsternannten Gotteskrieger träumten von einem globalen, brutalen islamistischen Kalifat. Das Bundeskriminalamt schätzt, dass mehr als 1000 vor allem junge Menschen zum IS reisten.

Auch wenn der IS mittlerweile als militärisch besiegt gilt, die islamistische Ideologie ist es nicht. „Der IS und auch andere Gruppen sind auch heute noch sehr geschickt darin, auf Social Media junge Menschen anzusprechen und zu überzeugen”, sagt Taubert. 

Bei wem diese islamistischen Inhalte verfangen, kann Taubert sehr genau beobachten. „Der religiös begründete Extremismus ist vor allem für Jugendliche attraktiv, nur ganz selten wenden sich Menschen über 25 der Ideologie zu”, sagt der Experte. Häufig befänden sich die Heranwachsenden in einer Art Lebenskrise. „Das können der Verlust der ersten großen Liebe, Streit im Elternhaus oder Probleme in der Schule sein”, sagt Taubert. Der radikale Islamismus habe sehr einfache Antworten auf solche Schwierigkeiten. „Das ist zwar keine echte Lösung, aber in dem Moment eine einfache Antwort.”

Für Eltern sei eine solche Situation nur schwer auszuhalten. „Häufig beklagen sie eine regelrechte Gehirnwäsche ihrer Kinder”, sagt Taubert. Die Arbeit der Beratungsstellen richtet sich nicht direkt an die Jugendlichen, sondern an ihr Umfeld. „Die systemische Beratung ist für mich der einzige Weg, die Jugendlichen zu erreichen. Wir beraten die Menschen, die Zugang zu den betroffenen Jugendlichen haben“, sagt Taubert. Er hat seit 2015 in Hamburg und Bremen die „Legato“-Beratungstellen aufgebaut, mittlerweile wenden sich auch viele Lehrer an die Experten für Radikalisierung.

Aber was rät er Eltern oder Lehrern, die befürchten, die Kinder radikalisieren sich? „Die erste Empfehlung ist sehr einfach und gleichzeitig extrem schwierig und heißt Ruhe bewahren”, sagt Taubert. Dann bittet er die Mütter – denn Väter melden sich nur selten – ihre Geschichte zu erzählen. Und zwar von Anfang an. „Oft merken die Mütter beim Erzählen selbst dann: Ja, hier gab es einen Auslöser, da hat sich mein Kind verändert”, sagt Taubert. Obwohl jeder Fall anders sei, gebe es Muster. „Oft befinden sich die Jugendlichen in einer Krise, wenden sich dem Islamismus zu, isolieren sich, streiten mit ihren Eltern, isolieren sich dann noch mehr und streiten dann noch mehr“, sagt Taubert. Seine Empfehlung lautet daher: „Es ist sehr hilfreich, wenn die Eltern einfach mal anders reagieren.”

Und nicht immer bedeutet die Hinwendung zum Glauben auch Radikalisierung. Es könne auch einfach eine Phase des Erwachsenwerdens sein. „Ich sage immer, eine muslimische Internet-Hochzeit hat oft weniger Konsequenzen als ein Tattoo.“

Die Erfolgsquote des Konzepts sei gut, sagt Taubert. Mittlerweile hat er ein Team von 30 Fachkräften, die in der Beratung und Prävention arbeiten. Auch das Bundeskriminalamt kommt zu dem Schluss, dass die Zahl der Islamisten in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgegangen ist. Doch die Bilanz ist nicht ungetrübt. Im letzten Dreivierteiljahr sei der Beratungsbedarf enorm gestiegen. „Ich glaube, das liegt an der allgemeinen Angespanntheit in unserer Gesellschaft“, sagt Taubert. 

Für den Wahlbremer ist nach zwölf Jahren in der Beratung für religiöse Radikalisierung Schluss. Der Sozialarbeiter möchte in Zukunft mit Familien arbeiten, deren Kinder alkoholgeschädigt geboren sind. „Für mich ist Zeit für etwas Neues. Auch wenn Islamismus immer als großes Problem gesehen wird und auch ist, die Probleme durch Alkohol sind in unserer Gesellschaft viel größer.”

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