Prozessauftakt in Aurich  Gefesselt, geschlagen, missbraucht – Schwestern schildern Martyrium

Bettina Keller
|
Von Bettina Keller
| 06.02.2024 06:27 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Vor dem Landgericht Aurich begann am Montag ein erschütternder Missbrauchsfall. Foto: Ortgies
Vor dem Landgericht Aurich begann am Montag ein erschütternder Missbrauchsfall. Foto: Ortgies
Artikel teilen:

In Aurich hat ein Prozess in einem erschütternden Missbrauchsfall begonnen. Die Opfer, drei Schwestern, schilderten ihr Martyrium. Auf der Anklagebank sitzen die Mutter, ihr Ex-Mann und eine Cousine.

Aurich - Die leiblichen Töchter geschlagen, mit dem Steakmesser geritzt, gefesselt in den Keller gesperrt, sexuell missbraucht und im Bordell abgeliefert – das sind nur einige der Tatvorwürfe gegen eine 46-Jährige aus Glinde bei Hamburg. Mitangeklagt ist ihr 44-jähriger Ex-Mann, ein Emder. Die Vorfälle sollen sich zwischen 2011 und 2016 in Emden zugetragen haben.

Bei der dritten Angeklagten handelt es sich um eine 44-Jährige aus Hinte, die Cousine der 46-Jährigen. Sie ist zum Prozessauftakt am Montag, 5. Februar 2024, vor dem Landgericht Aurich krankheitsbedingt nicht erschienen. Das Verfahren gegen sie wurde abgetrennt.

Bekannte Straftaten nur die Spitze des Eisbergs

Die Staatsanwaltschaft legt den Angeklagten Misshandlung von Schutzbefohlenen und gefährliche Körperverletzung in mindestens elf Fällen zur Last. Die 46-Jährige muss sich zudem wegen Freiheitsberaubung in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung in 181 Fällen und – gemeinschaftlich handelnd mit der 44-Jährigen aus Hinte – der Begehung eines schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie des Versuchs der Zwangsprostitution verantworten.

Angeklagt sind 195 Fälle, doch das scheint nur die Spitze des Eisberges zu sein. Einer nachträglichen Einschätzung zufolge könnten sich mehr als 540 Straftaten zum Nachteil der Geschädigten zugetragen haben. Bei ihnen handelt es sich um die drei Töchter, die zu Beginn des Misshandlungszeitraums acht, neun und zehn Jahre alt waren.

Großteil der Anklagepunkte eingeräumt

Der Vater räumte über eine Erklärung seines Verteidigers Arno Saathoff die Vorwürfe ein, bis auf die Tatsache, die Mädchen auf den Kopf geschlagen zu haben. Der Berufskraftfahrer war nur freitags und sonnabends zu Hause. „Er hat sonst nichts mitbekommen von dem Vorgefallenen. Er hat gesagt bekommen, die Kinder hätten Ärger gemacht, er solle sich auch mal drum kümmern“, so der Anwalt.

Die 46-Jährige sagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus, weil Details aus ihrer Krankheitsgeschichte zur Sprache kamen. „Sie hat großes Interesse, das Ganze auszuräumen“, erklärte ihr Verteidiger Daniel Dietrich. Offenbar hat sie einen Großteil der Anklagepunkte eingeräumt. Wegen Abweichungen zur Anklage mussten ihre Töchter nach Einschätzung der 3. Großen Strafkammer dennoch vernommen werden.

Abends gab es oft kein Essen

Begonnen wurde mit der heute 24-Jährigen, die am stärksten unter den unfassbaren Peinigungen zu leiden hatte. Sie schilderte, wie sie täglich frühmorgens gemeinsam zur Wohnung der 44-jährigen Cousine gefahren seien, wo sie hätten putzen müssen. Sie sei die Chefin ihres Vaters und Geldgeberin der Familie gewesen. „An guten Tagen durften wir zur Schule, sonst mussten wir draußen warten, bis wir etwas erlaubt bekamen“, sagte sie über eine Kindheit, in der jeder Toilettengang erbeten werden musste und es abends oft kein Essen gab.

Mit den Gewalterfahrungen habe es 2007 durch Backpfeifen begonnen, „dann wurde es immer mehr, der Teppichklopfer, der Holzhandfeger“. Geschlagen worden seien sie hauptsächlich von der Mutter. „Wir Kinder sind immer schuld gewesen, egal was passiert ist“, sagte die 24-Jährige, die eine psychosoziale Prozessbegleiterin an ihrer Seite sitzen hatte. Von ihrem Vater seien sie auch geschlagen worden, aber „bei Weitem nicht in dem Ausmaß“.

Zu Ladendiebstählen gezwungen

„Wir sind ja nur die dreckigen Kinder, die nur Scheiße bauen“, beschrieb die Zeugin die Einstellung der Frauen ihnen gegenüber. Die Cousine und eine weitere Familienangehörige, die bei ihr wohnte, hätten sie ab Dezember 2013 zu Ladendiebstählen gezwungen und die Beute im Gesamtwert von 10.000 bis 20.000 Euro bei E-Bay verkauft. Diese Vorfälle waren bereits Gegenstand eines gesonderten Verfahrens.

Bei einem weiteren Vorfall soll die Mutter der zwischen 11- und 13-Jährigen mit einem Steakmesser sieben Schnitte an den Unterarm zugefügt haben, um sie dann in einer Kinderpsychiatrie abliefern zu können. Die Zeugin zeigte dem Gericht die Narben. Sie schilderte weitere Verletzungen und Erniedrigungen.

Hände mit Kabelbindern auf den Rücken gefesselt

Um das Jahr 2013 herum, berichtete die Zeugin weiter, seien ihnen von der Mutter nahezu täglich die Hände mit Kabelbindern auf den Rücken gefesselt worden, ein Dreivierteljahr lang. Sie hätten dann teils bis abends im dunklen Keller ausharren müssen.

„Uns wurde vorgeworfen, wir würden im Haus klauen“, berichtete ihre 21-jährige Schwester darüber. „Wir hatten richtig Risse in den Händen und die Stellen waren blau und rot, wenn sie abgeschnitten waren.“ Den sexuellen Übergriff auf die 24-Jährige habe sie mit ansehen müssen.

Mutter soll Tochter ins Bordell gebracht haben

Das Martyrium der Mädchen endete 2016, als die Mutter die heute 24-Jährige im Alter von 15 Jahren in ein Emder Bordell brachte – versehen mit den Klamotten ihrer älteren Halbschwester und deren Personalausweis. Der Typ am Tresen habe sie nicht nehmen wollen, weil er sie auf jünger als 18 Jahre geschätzt habe, so die Zeugin. Ihre Mutter habe sie dann in der Innenstadt rausgeworfen.

Die Mädchen kamen anschließend in eine Jugendhilfeeinrichtung. Im Tatzeitraum waren sie völlig isoliert von den Großeltern und von Freunden, dafür hatten die Angeklagten gesorgt. Inzwischen haben sie die Vorfälle unter psychologischer Betreuung aufgearbeitet.

Der Prozess wird am 15. Februar um 9 Uhr in Saal 003 mit der Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt.

Ähnliche Artikel