Berlin  Aktivisten lassen bundesweit Luft aus SUV-Autoreifen: Das steckt dahinter

Lara Schmidt
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Von Lara Schmidt
| 05.02.2024 16:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Auch in Hamburg gab es schon Angriffe auf SUVs. Foto: IMAGO/Nikito
Auch in Hamburg gab es schon Angriffe auf SUVs. Foto: IMAGO/Nikito
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SUV-Fahrer finden ihre Autos in den vergangenen Monaten häufig mit leeren, aber scheinbar unbeschädigten Reifen vor. Die einzigen Hinweise: Linsen und ein Flugblatt der Internet-Plattform „The Tyre Extinguishers“. Was steckt hinter der Aktion und was können Betroffene tun?

Angriffe auf Geländewagen häufen sich seit Jahren: Weltweit sind tausende Fälle bekannt geworden, in denen Unbekannte in urbanen Gegenden Luft aus Reifen von SUVs und größeren Geländewagen gelassen haben. Häufig finden Betroffene an ihren Autos ein Flugblatt der Internet-Plattform „The Tyre Extinguishers“ – auf deutsch meist übersetzt als Reifenlöscher oder Reifenplattmacher.

Auch in Deutschland sind die Aktivisten, die dezentral organisiert sind, vermehrt unterwegs. Nach eigenen Angaben verteidigen die „Reifenlöscher“ sich mit ihren Aktionen gegen den Klimawandel, Luftverschmutzung und unsichere Fahrer. Da SUVs dabei ein massiver Einfluss seien, lassen sie die Luft aus den Reifen dieser großen Fahrzeuge. Ihr einziges Hilfsmittel dabei: Linsen.

Auf der Website findet sich eine ausführliche Anleitung, wie mithilfe von der kleinen Hülsenfrucht die Luft aus Autoreifen gelassen werden kann: Aktivisten platzieren eine Linse im aufgeschraubten Reifenventil. Diese drückt auf den Schließmechanismus und lässt die Luft langsam daraus entweichen.

Damit die Autobesitzer mit den leeren Reifen nicht mehr fahren, platzieren Mitglieder der Bewegung anschließend ein Flugblatt am Reifen oder an der Windschutzscheibe. Da die Reifen noch voll funktionsfähig sind, können Besitzer sie mit einem Kompressor wieder auffüllen.

In den vergangenen Jahren waren in Deutschland mehr als tausend SUV-Besitzer betroffen. Die Berliner Polizei berichtete unserer Redaktion, dass seit den ersten Taten in Berlin im November 2021 insgesamt 1455 Strafanzeigen bekannt wurden, davon 1095 im vergangenen Jahr. Seit Jahresbeginn 2024 wurden insgesamt 24 Fälle registriert (Stichtag: 22. Januar). Aufgrund unterschiedlicher Klassifizierungen bestehe bei diesem Phänomen allerdings ein hohes Dunkelfeld.

Auch die Internet-Plattform „The Tyre Extinguisher“ berichtete bis Dezember 2023 regelmäßig über den aktuellen Stand an luftleeren Reifen von SUVs und vermeldet zwischen August 2022 und Dezember 2023 mit 3137 Fällen deutlich höhere Zahlen. Nachfolgende Grafik gibt einen Überblick im Zeitverlauf:

Die „Reifenlöscher“-Aktivisten begründen ihre Aktionen auf ihrer Internet-Plattform damit, dass die SUVs in besonderem Maße für die Klimakrise, erhöhte Luftverschmutzung, Gefahren im Straßenverkehr sowie die Belegung urbaner Flächen verantwortlich seien:

Ähnliche Argumente wurden auch im Kontext der kürzlichen Debatte um eine Gebührenerhöhung für SUV-Fahrer in Paris laut. Da Regierungen und Politiker sich dem Problem nicht annehmen würden, würden die Aktivisten nun selbst Hand anlegen: „Höflich zu fragen und für diese Sachen zu protestieren, ist schiefgegangen.“

Ihr erklärtes Ziel sei es, den Besitz eines SUVs im städischen Gebiet unmöglich zu machen. Ausgelassen werden sollen Autos von Menschen mit Behinderung, Händlerautos, Minibusse und „normal große Autos“.

Die Polizei speichert die gemeldeten Vorfälle als Strafanzeigen wegen des Verdachts der Sachbeschädigung am Kraftfahrzeug, versehen mit dem Merkmal „Reifenluft ablassen“. Aufgrund der hinterlassenen Hinweiszettel ordnen die Beamten die Vorfälle als „politisch motivierte Tathandlungen“ ein, sagte ein Pressesprecher der Berliner Polizei unserer Redaktion.

Bislang sei eine verdächtige Person „auf frischer Tat festgenommen und namhaft gemacht“ worden. Eine Entscheidung der Staatsanwaltschaft im Verfahren steht noch aus. Gegenüber dem „Spiegel“ zweifelt Christian Mertens, Fachanwalt für Strafrecht in Köln, die Strafbarkeit der Aktionen an: „Der Vorwurf der Sachbeschädigung durch das reine Luftablassen ist schwach. Es gibt genug Präzedenzfälle, teils Jahrzehnte alt, bei denen die Richter dieser Argumentation nicht folgten.“

Was können Sie tun, wenn Ihnen die Luft aus den Reifen gelassen wurde? Gegenüber unserer Redaktion empfiehlt die Berliner Polizei, den Vorfall im zuständigen Polizeipräsidium zu melden und gegebenenfalls Anzeige zu erstatten. Sofern Sie einen Kompressor zu Hause haben, lassen sich die Reifen mit diesem wieder aufpumpen – ansonsten kann beispielsweise der Pannendienst helfen.

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