Osnabrück „Schlecht für Integration”: Das denken Flüchtlinge über neue Bezahlkarte
Asylbewerber sollen künftig kein Bargeld mehr bekommen, sondern nur noch mit einer guthabenbasierten Karte einkaufen können. Was halten die Betroffenen davon? Wir haben in Osnabrück, Hamburg und Rostock nachgefragt.
Schon in diesem Jahr könnte die Bezahlkarte für Flüchtlinge eingeführt werden. Geld abheben oder überweisen ist damit nicht möglich. Die Bundesländer versprechen sich viel davon, weil kein Geld mehr ins Ausland überwiesen werden kann. „Das ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Schritt, um Anreize für illegale Migration nach Deutschland zu senken”, sagte etwa Hessens Ministerpräsident und Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK), Boris Rhein (CDU).
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Doch es gibt auch Kritik: Die Linken-Bundesvorsitzende Janine Wissler widersprach der Einschätzung, dass mit der Bezahlkarte die irreguläre Zuwanderung begrenzt werde. Untersuchungen zeigten, dass Sozialleistungen keine Pull-Effekte hätten. „Billiger Populismus und Scheinlösungen bringen uns in der Flüchtlingspolitik kein Stück weiter”, erklärte Janine Wissler, Bundesvorsitzende der Linksapartei.
Felipe König, 61, lebt als Asylbewerber in Rostock: „Die Bezahlkarte ist eine ganz schlechte Idee. Wir gehören als Flüchtlinge zu den Ärmsten in Deutschland. Das Geld reicht gerade für mich selbst. Ich kaufe von dem Geld meine Medikamente, Lebensmittel und Zigaretten. Meine Familie in Chile kann ich nicht unterstützen. Die Menschen verlassen ihre Heimat nicht wegen einigen paar hundert Euro – das ist totaler Quatsch.“
„Die Bezahlkarte kennzeichnet uns außerdem direkt als Asylbewerber“, findet König. „Wir können dann nicht wie die Deutschen einfach einkaufen, sondern alle sehen, dass wir mit einer anderen Karte zahlen. Für die Integration ist die Bezahlkarte deswegen schlecht.“ Er „glaube auch nicht, dass das funktionieren wird. Die Flüchtlinge müssen sich daran gewöhnen und alle Geschäfte müssen die Karte akzeptieren. Das wird sehr schwierig werden.”
Mohammed und Ahmad, beide 27 Jahre alt, kommen aus Syrien und sind schon einige Monate in der Landesaufnahmebehörde in Osnabrück. Von einer Karte haben beide allerdings noch nichts gehört. Wie sie das Geld erhalten, ist beiden aber auch egal.
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Der 23-jährige Angelo aus Kolumbien hat von der neuen Karte auch noch nichts gehört: „Sie haben mir nichts von einer Karte gesagt, sondern dass ich Bargeld bekomme.“ Als er hört, worum es geht, freut er sich über die guthabenbasierte Karte: „Ob ich nun bar oder mit Karte bezahle, ist doch eigentlich egal. Aber auf die Karte kann man ja hoffentlich auch weiteres Geld einzahlen, das wäre praktisch. Ich fände das besser, weil ich dann einen Überblick darüber habe, was ich ausgebe. Das ist wie eine Rechnung.“
„Ich weiß nicht allzu viel über die Karte, aber nach alldem, was ich gehört habe, finden es viele Menschen schade, dass es kein Bargeld mehr geben soll“, sagt Mohammed aus dem Sudan. Er studierte in der Ukraine. Als der Krieg ausbrach, flüchtete er nach Deutschland. Heute lebt er in Hamburg. „Was ich davon halte, da bin ich noch unentschlossen“, sagt er. „Ich habe nie Geld in meine Heimat überwiesen, weil meine Familie glücklicherweise nicht darauf angewiesen ist. Aber ich kenne einige, die das so machen. Obwohl ich mich immer frage, wie die das hinkriegen. Das Geld reicht gerade mal für Lebensmittel und manchmal noch nicht mal das.“
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Der 31-jährige Lilian ist erst seit einem Monat in der Landesaufnahmebehörde in Osnabrück. Er habe bereits im letzten Jahr einen Asylantrag gestellt, damals gab es das Geld immer bar, erinnert sich Lilian. Dass das Taschengeld bald über eine Karte ausgezahlt wird, hat er schon mitbekommen und findet: „Mir persönlich ist es völlig egal, ob ich das Geld bar oder über eine Karte bekomme.“
Er habe aber schon gehört, dass das für andere ein echtes Problem werden könnte: „Viele Leute hier kaufen ihre Sachen auch über Kleinanzeigen. Da wollen die Leute natürlich Bargeld sehen. Und ein neues Bett, Matratze oder Sofa ist natürlich viel zu teuer, das kann hier niemand bezahlen!“