Hamburg Pflegestützpunkte in Osnabrück: „Nichts in der Pflege ist unkompliziert”
Jedes Jahr werden tausende Menschen beraten, um die komplizierte Pflege besser zu verstehen. Doch die Kapazitäten reichen bald nicht mehr aus und bundesweit hat sich die Pflegeberatung selbst zu einem komplizierten System entwickelt.
An Anerkennung mangelt es Katja Vahrenkamp-Nowak grundsätzlich nicht. „So viel Dankbarkeit wie hier habe ich selbst als Pflegerin im Krankenhaus nicht bekommen“, sagt sie beinahe verschämt. Vahrenkamp-Nowak ist aus der aktiven Pflege ausgestiegen, um eben diese künftig den Osnabrückern zu erklären. Seit 2018 arbeitet sie bei dem städtischen Pflegestützpunkt.
Telefonisch und in Vor-Ort-Terminen suchen Pflegebedürftige und Angehörige bei ihr das, was ihnen neben Geld wohl am meisten fehlt: Erklärungen. „Unsere Hauptbeschäftigung ist, den Menschen die Komplexität der Versicherungsleistungen zu erklären”, sagt Vahrenkamp-Nowak. In jährlich rund 800 Beratungen lotst sie durch das Gestrüpp der verschiedenen Leistungen, Angebote, Beratungen und Ansprüche von.
So dankbar die Menschen in Osnabrück auch sind: Generell ist es ihr gutes und gesetzlich festgeschriebenes Recht, Beratung zu bekommen, wie der Pflegeschutzbund, der Bundesinteressengemeinschaft für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA) hervorhebt. „Doch das Hauptproblem ist, dass viele Versicherte nichts von diesem Recht wissen und folglich unberaten bleiben“, heißt es auf Anfrage unserer Redaktion.
Der Pflegestützpunkt des Landkreises Osnabrück hat das Problem der Unbekanntheit weitgehend abgeschüttelt. Die Anlaufstelle gibt es seit 14 Jahren, die Zahl der Beratungen habe sich mittlerweile vervierfacht, sagt Petra Herder. Die frühere Leiterin eines Altenheims führt mit drei Kolleginnen mittlerweile rund 2000 Beratungen für Menschen aus dem ganzen Landkreis durch. Damit sind sie am Limit, zumal die Gespräche immer länger werden. „Es kommen viele nicht mehr durch. Aber mehr ist mit dem Personal kaum zu schaffen”.
Denn längst nicht alle schaffen es zu Herder. Dann macht sie sich auf den Weg durch den großen Landkreis. Das kostet Zeit. „Wir sind bei dem steigenden Pflegebedarf eigentlich zu wenige. Aber über eine personelle Aufstockung müssen die Kassen und der Landkreis beraten.”
In Niedersachsen teilen sich Kommunen und Kassen die Kosten für die Pflegestützpunkte. Damit ist die Finanzierung auch immer vom guten Willen dieser Akteure abhängig. Sowohl für den Landkreis als auch für die Stadt Osnabrück sind es sogenannte freiwillige Ausgaben, auch die Kassen müssen theoretisch nicht auf Stützpunkte setzen. Teilweise haben sie eigene Berater oder die Beratung – zu der sie gesetzlich nun mal verpflichtet sind – gleich ganz ausgegliedert.
Hilfreich ist das nicht immer: „Häufig füllen wir auch nur gemeinsam Anträge der Pflegekassen aus”, sagt Katja Vahrenkamp-Nowak. Und Petra Herder ergänzt: „Selbst wenn man den Menschen alles erklärt, die Dinge sind so kompliziert, dass sie manchmal trotzdem nicht die ihnen zustehenden Leistungen beantragen.” Nichtwissen kostet nicht zuletzt die Angehörigen viel Kraft und Geld: „Manche Frauen erzählen mir, dass sie schon seit zehn Jahren die Arbeitszeit reduziert haben, ohne die Pflegekasse davon informiert zu haben. Da verfallen Rentenansprüche, die ihnen aber zustehen“, nennte Petra Herder ein Beispiel.
Deswegen greifen die Berater auch mal selbst zum Telefon und rufen zusammen mit den Betroffenen bei der Kasse an. „Manche Leistungen können kombiniert, manche umgewandelt werden, es gibt verschiedene Töpfe, manches geht, manches nicht. Das erklären Sie mal einer 87-Jährigen, die sich alleine um ihre Pflege kümmern muss.“
Zudem gebe es immer wieder Missverständnisse, wenn die Kassen selbst unvollständig beraten. Manche Menschen würden anrufen und sagen „Ich habe einen Pflegegrad und die Kasse hat gesagt, dass ich bei Ihnen eine Putzhilfe bekomme“, erinnert sich Herder.
Die für die Beratung notwendige und aufgebrachte Geduld unterscheide den Pflegestützpunkt von einer gesetzlich vorgeschriebenen Minimalberatung. „Der Info-Teil ist einfach“, sagt auch Katja Vahrenkamp-Nowak.
Eine größere Herausforderung sei der psychologische Teil; Angehörige, die verzweifelt schildern, wie die Eltern gar keine Hilfe annehmen wollen, Pflegebedürftige, die weder Heimplatz noch Dienst finden. Und ein zusätzliches Problem: „Viele trauen sich auch gar nicht mehr, was gegen den Pflegedienst zu sagen. Denn sie sind froh, dass überhaupt noch jemand kommt“, skizziert Herder.
Denn selbst wer von den Beratungsangeboten weiß, hat es schwer, auch das richtige zu finden. Die einzelnen Bundesländer, private Anbieter, Wohlfahrtsverbände und auch Kommunen selbst haben ein heterogenes System geschaffen. Manchmal geht es um Anliegen von Senioren, manchmal werden Wohn- oder Sozialberatung durchgeführt, manchmal alles. Gewissermaßen müssen sich Betroffene erst durch den Beratungsdschungel kämpfen, ehe sie Hilfe beim Durchqueren des Pflegedschungels bekommen können.
„Wie man beraten wird, hängt nach wie vor zu sehr davon ab, wie man informiert wurde, wo man wohnt und in welcher Kasse man ist”, fasst der BIVA-Pflegeschutzbund zusammen. Gerade letzter Part scheint besonders schwer zu wiegen, der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen hatte in einer eigenen Studie festgestellt, dass mindestens ein Drittel der Versicherten gar kein Beratungsangebot von den Kassen erhalten haben.
Petra Herder ist vorsichtig mit Kritik an der Institution, die die Hälfte ihres Gehalts bezahlt. Doch man hört heraus, dass sie sich etwas mehr Verantwortungsgefühl wünscht. Regelmäßig lädt sie auch zu Pflegekonferenzen ein, bei denen sich alle Beteiligten austauschen können. „Aber die Teilnahmebereitschaft der Kassen hält sich eher in Grenzen.“ Doch damit das Pflegesystem in Deutschland künftig den Betroffenen gezielter hilft, statt sie zusätzlich zu belasten, müssten alle Verantwortlichen an einen Tisch.