Kirche in der Krise  Ein Fall von sexuellem Missbrauch im Kirchenkreis Norden

| | 28.01.2024 18:18 Uhr | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Das Kreuz einer Kirche im Abendhimmel: Auch in den Kirchenkreisen Aurich und Norden ist die Stimmung getrübt. Foto: DPA
Das Kreuz einer Kirche im Abendhimmel: Auch in den Kirchenkreisen Aurich und Norden ist die Stimmung getrübt. Foto: DPA
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Der Kirchenkreis Aurich ist anscheinend bisher nicht betroffen. Wie die Superintendenten in Aurich und Norden auf die aktuelle Studie reagieren.

Aurich/Norden - Sexueller Missbrauch in der evangelischen Kirche und der Diakonie – der aktuelle Skandal macht auch vor dem Landkreis Aurich nicht halt. Im Kirchenkreis Norden gibt es einen bestätigten Fall, im Kirchenkreis Aurich bisher keinen. Das teilten die Superintendenten der beiden Kirchenkreise, Tido Janssen (Aurich) und Christian Neumann (Norden), auf ON-Anfrage mit.

Zur Erinnerung: Am Donnerstag vergangener Woche hatte ein interdisziplinärer Forschungsverbund seine Studie über Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Diakonie vorgelegt. Seit 2020 hatten die Forscher von acht deutschen Universitäten und Instituten Ergebnisse über die Häufigkeit von Missbrauch, seine Ursachen und den Umgang mit Betroffenen gesammelt. Die Experten fanden mindestens 2225 Betroffene und 1259 mutmaßliche Täter.

Mindestens ein Fall im Kirchenkreis Norden

Mindestens einen Fall hat es Stand bisher im Kirchenkreis Norden gegeben, zu dem seit 2013 auch die fünf lutherischen Kirchengemeinden des Brookmerlandes gehören. Das teilte der Norder Superintendent Christian Neumann mit. Darüber sei er von der Landeskirche in Hannover in Kenntnis gesetzt worden. „Ein Fall ist bereits einer zu viel“, sagte Neumann. Der Sachverhalt liege der Staatsanwaltschaft inzwischen zur Prüfung vor.

Tido Janssen ist Superintendent des Kirchenkreises Aurich. Foto: privat
Tido Janssen ist Superintendent des Kirchenkreises Aurich. Foto: privat

Informationen von der Landeskirche aus Hannover hat auch der Auricher Superintendent Tido Janssen erhalten. Die Mitteilung, die er bekam, ist allerdings etwas erfreulicher. Denn aus dem Kirchenkreis Aurich ist laut Janssen bisher kein Fall gemeldet worden. Für ihn ist dies aber kein Grund, sich beruhigt zurückzulehnen. Denn Janssen geht, wie auch sein Kollege Neumann, von einem „erheblichen Dunkelfeld“ aus. Bei den Zahlen handele es sich um Hochrechnungen. „Wir müssen davon ausgehen, dass wir nicht alles wissen“, sagte Janssen.

Auf die in der vergangenen Woche vorgestellte Studie „Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland“ reagierten Janssen und Neumann mit Erschütterung. Auch, wenn einiges zu ahnen gewesen sei, sei der Schock dennoch groß, hieß es.

Kooperation angeboten

„Die Studie geht einem an die Nieren und macht traurig“, sagte Janssen. Die Ergebnisse erschütterten das Selbstverständnis der Kirche, die für Menschen da sein und liebevoll mit ihnen umgehen sollte. Die Täter hätten Kirche schwer in Misskredit gebracht. Das müsse nun sorgfältig aufgearbeitet und in Zukunft verhindert werden. Sollten Fälle bekanntwerden, sicherte Janssen umfassende Kooperation mit Polizei und Staatsanwaltschaft zu. Er selbst sieht sich nicht in der Rolle eines „internen Ermittlers“. Externe Untersuchungen seien vertrauenswürdiger und effektiver.

Ob sich Missbrauch künftig zu 100 Prozent verhindern lasse, sei fraglich. Aber man könne alles tun, um dafür zu sensibilisieren, so Janssen. Seinen Kirchenkreis sieht er in dieser Hinsicht auf einem guten Weg. Für die angehörigen Kirchengemeinden gibt es seit 2023 ein sogenanntes Schutzkonzept mit präventiven Handlungsempfehlungen.

Christian Neumann ist Superintendent des Kirchenkreises Norden. Foto: privat
Christian Neumann ist Superintendent des Kirchenkreises Norden. Foto: privat

Ein solches ist auch im Kirchenkreis Norden in Arbeit. „Wir sind mittendrin“, sagte Superintendent Neumann. Er verglich das Ergebnis der Studie mit einem Erdbeben, das einiges verschüttet habe. Den „riesigen Trümmerhaufen“ aufzuarbeiten werde einige Zeit brauchen. Die aber müsse man sich nehmen. „Wir können nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen“, sagte Neumann.

Der Norder Superintendent sprach von einem beschämenden und erschütternden Ergebnis. „Wir als Kirche haben so vielen Menschen gegenüber versagt“, sagte der Norder Superintendent selbstkritisch. Und: „Wir sind nicht besser als andere.“ Kirche müsse jetzt an ihrer Haltung arbeiten, vieles hinterfragen und Begriffe wie Vergebung, Schuld und Reue auch theologisch neu diskutieren. „Da steht uns einiges bevor“, sagte Neumann.

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