Osnabrück Warum Verteidigungsminister Pistorius Schüler für die Wehrpflicht begeistern will
Als Verteidigungsminister Boris Pistorius an diesem Donnerstag vor den Schülern des Osnabrücker Gymnasiums Carolinums sprach, wusste er, dass er nach der Wiedereinsetzung der Wehrpflicht gefragt werden würde. Eine klare Antwort hatte er nicht dabei.
Schon lange bevor Boris Pistorius eintrifft, ist das ganze Osnabrücker Gymnasium Carolinum in Aufruhr. Den Verteidigungsminister hat man schließlich nicht alle Tage zu Gast. Vor allem die Schüler sind aufgeregt, viele haben sich sogar extra schick gemacht. „Nicht alle hier interessieren sich für Politik, aber wenn der Verteidigungsminister da ist, beeindruckt das natürlich schon“, sagt die 17-jährige Marie Freudenthal.
Sie selbst interessiert sich für Politik; aktuell vor allem für die Frage, ob die Wehrpflicht zurückkommt, wie es der Verteidigungsminister wiederholt gefordert hat: „Das betrifft ja vor allem uns und ich will einfach wissen, ob das kommt und in welchem Format“.
Pistorius ist hier als ehemaliger Osnabrücker Oberbürgermeister zu Gast bei Freunden und freut sich über das „Heimspiel“: Schulleiter Ulrich Solbach, der den Verteidigungsminister privat kennt und in seiner Rede mit „Lieber Boris“ begrüßt, hat den Termin anlässlich des „Karlstages“ eingetütet, der am Carolinum traditionell anlässlich des Todestages von Namensgeber Karl dem Großen gefeiert wird. Als Pistorius dann übernimmt, schmeichelt er seinem Publikum gekonnt mit einer kurzen Rede, doch der Minister ist hier, um mit den Schülern ins Gespräch kommen. Das hatte er dem Schulleiter zuvor extra ausrichten lassen.
Wenn er sich hier so umschaue, sagt Pistorius, hätten wahrscheinlich nur wenige den Kalten Krieg erlebt. Deshalb hat der Verteidigungsminister eine Botschaft für die Schüler: Für den Frieden müsse man kämpfen. Als er, um das zu verdeutlichen, auf den Ukraine-Krieg zu sprechen kommt, wird es schlagartig still im Raum. Putin lasse „keinen Zweifel daran, dass er die Wiedergeburt der alten Sowjetunion will“, sagt Pistorius. Deswegen müsse man die Ukraine unterstützen, „und ja, ich weiß, das gefällt nicht allen“. Aber der Krieg in der Ukraine „geht uns etwas an, der findet zwei Flugstunden von Berlin statt und wenn Putin diesen Krieg gewinnt, steht er an der NATO-Ostgrenze.“
Auch die Krise in Nahost diente dem Minister als Beispiel für die Notwendigkeit, wieder mehr über Sicherheitspolitik zu sprechen. Der Angriff der Hamas sei aus dem Nichts gekommen, nun sei auch Deutschland gefragt: „Wir stehen an der Seite Israels. Nicht kritiklos, aber bedingungslos!“
Debatte über Rückkehr zur Wehrpflicht: Das sagt Verteidigungsminister Pistorius
„Die einzige Chance, Krieg zu verhindern, ist wirksame Abschreckung“, sagt Pistorius. Zögerlicher Applaus. Und „wenn alle nur sagen ‚Ja, irgendjemand wird es schon machen‘, dann macht es am Ende keiner“ begründet Pistorius sein Werben für die Wehrpflicht. Die sei „auch für den Geist der Gesellschaft“ und die Anerkennung von Soldaten wichtig.
Als dann die Schüler des Politik-Leistungskurses die Moderation übernehmen, greifen sie das Thema direkt auf: „Brauchen wir doch wieder eine Art Wehrpflicht? Darüber wollen wir reden!“
Er stelle zwar seit der „Zeitenwende“ bereits ein gewachsenes Interesse von Jugendlichen an der Bundeswehr fest. Aber „wenn ich hier in den Raum schaue, dann frage ich mich: Wie viele von Ihnen können sich vorstellen, einmal nach dem Schulabschluss für die Bundeswehr zu arbeiten? Das kann ich an einer Hand abzählen“, so Pistorius. „Keine Sorge, ich bin heute nicht hier, um Sie anzuwerben“, scherzt er und schiebt ein zögerliches „obwohl ....“ hinterher. Viele ältere Gäste im Publikum lachen, allerdings nur wenige Schüler.
Er weiß, dass die Frage die Schüler direkt betrifft. Deswegen wolle er „mit der erforderlichen Klarheit“ mit den Schülern diskutieren: „Wir müssen uns der Debatte stellen.“ Und der Minister selbst bezieht klare Position: Die Aussetzung der Wehrpflicht halte er für einen Fehler. Für die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht „braucht es politische Mehrheiten und den Willen der Gesellschaft dazu, aber die Diskussion müssen wir führen.“
Und was sagt er Marie Freudenthal, die wissen will, was sie selbst erwartet? Da wollte sich der Verteidigungsminister lieber noch nicht festlegen: „Wie das ausgeht, weiß ich nicht. Ich glaube, dass ein offenes Modell denkbar wäre, wie in Schweden. Aber auch das prüfen wir gerade noch. Wir stehen ganz am Anfang des Prozesses.“
Und wie sehen das die Schüler? Im Politik-Leistungskurs, der das Treffen organisiert hat, ist man sich jedenfalls einig: Kämpfen will hier keiner. Die 15-jährige Mia Bergmann von der Schülervertretung hingegen findet: „Ich wäre dafür, weil in jeder Gesellschaft jeder auf sich konzentriert ist. Es geht darum, auch mal wieder was für das Land und die Gesellschaft zu tun.“
Was man denn sonst für die Demokratie tun könne, fragt eine Schülerin den Minister. Und der Minister gab eine klare Antwort: „Wir brauchen Leute, die auch sagen: Wir lassen keinen Raum den Faschisten, den Demokratiefeinden, denjenigen, die dieses Land wieder umbauen wollen, wie es zu den dunkelsten Zeiten gewesen ist!“ Deswegen wolle er auch selbst am Wochenende an der Demonstration gegen Rechtsextremismus in Osnabrück teilnehmen und rief zur Teilnahme auf:. „Wir brauchen den Aufstand der Anständigen, und zwar mit aller Deutlichkeit.“