Berlin/Osnabrück Giora Feidman: Klezmer-Legende spricht über die Shoah
Der Klezmer-Musiker Giora Feidman ist ein großer Versöhner. Jetzt äußert sich zum Krieg in Israel: „Palästinenser - das sind Leute wie ich!“, sagt der jüdische Weltstar im Interview mit unserer Redaktion.
Wer schon auf einem Konzert von Giora Feidman war, weiß: Seine Klarinette kann jubeln und weinen. Sie flüstert, lacht und spricht alle Sprachen der Welt. Genau so klingt ein Interview mit ihm.
Der weltweit geliebte Klezmer-Musiker redet, wie er spielt. Für jede Antwort nimmt er sich mindestens vier Minuten. Er spannt Bögen, die erst dann zur Frage finden, wenn man sie selbst fast vergessen hat. Er mischt deutsche und spanische Vokabeln in sein improvisiertes Englisch. Wichtige Wörter – Freundschaft, Seele – betont er, indem er sie wieder und wieder ausspricht. Manchmal murmelt Feidman, sodass man ihn nicht mehr versteht.
Alles ist Ausdruck, Begeisterung und Gefühl. In einem Wort: Ein Interview mit Feidman ist Musik. Man kann es nur unvollkommen verschriftlichen. Trotzdem haben wir es versucht.
Frage: Herr Feidman, Ihr neues Album heißt „Revolution of Love“. Was ist das für eine Revolution?
Antwort: Das Motto hat sich der Maestro ausgedacht.
Antwort: Gemeint ist Feidmans Komponist Majid Montazer.
Antwort: Beim Begriff „Revolution“ stutze ich selbst. Ich komme aus Argentinien; da gibt es jede Woche eine Revolution. Aber das kann auch was Gutes sein und Dinge in Bewegung bringen. Was „Liebe“ ist, kann man so wenig beschreiben wie Musik oder den Geruch einer Blume. Man muss es fühlen. Auf Englisch sagt man zum Verlieben „to fall in love“. Warum? Man muss in Liebe nicht erst hineinstolpern. Liebe ist immer schon da. Von dem Moment an, wenn wir im Mutterleib sind. Wir sind Liebe.
Frage: Wenn man die Nachrichten sieht, zweifelt keiner an der Notwendigkeit einer solchen Revolution. Aber wie wird sie Wirklichkeit?
Antwort: In meinem Land herrscht Krieg, schon seit Jahrzehnten und auch jetzt wieder. Er wird enden, wenn die Menschen sich in Liebe begegnen. Darum geht es, wenn ich auf der Bühne stehe. Im Saal sitzen 1000 Menschen, die sich nicht kennen. Was verbindet diese 1000 fremden Leute? Freundschaft! Liebe! Ich sage es wieder und wieder: Wenn die Menschen sich ihrer Freundschaft bewusstwerden, dann gibt – es – keinen – Krieg. Eigentlich ist es ganz einfach.
Frage: Ihr Komponist Majid Montazer stammt aus dem Iran, Sie selbst aus Israel. Ihre Freundschaft ist stärker als der Hass zwischen Ihren Ländern. Kann so eine private Verständigung Vorbild für ganze Gesellschaften sein?
Antwort: Unsere Freundschaft ist ein Werk Gottes. Gott brauchte einen Komponisten und er brauchte Giora, der diese Musik dann ausdrücken soll. Das ist eine Berührung der Seelen. Dafür hat Gott mich in einer Familie groß werden lassen, die über vier Generationen Klezmer spielt – mit meiner Enkelin sind es schon fünf. Warum wurde ich mit so schlechten Augen geboren? Warum kam ich zum Israel Philharmonic Orchestra? Warum bin ich in den großen Opernhäusern aufgetreten? Wie soll ich mir mein Leben erklären, wenn nicht so: Es gibt eine Kraft, die mich hierhergeführt hat. Und jetzt sind wir hier: ein Muslim und ein Jude.
Antwort: Giora Feidman weist zu Majid Montazer, der unserem Gespräch zuhört.
Antwort: Er kommt aus dem Iran und ich bin israelischer Staatsbürger. Na, und? Trotzdem gibt es Krieg. Aber ich habe Hoffnung. Warum? Gerade habe ich ein Konzert für die Deutschen gespielt, die im Weltkrieg Juden gerettet haben. Es war ein großer Moment für mich. Der Heilungsprozess zwischen den Juden und den Deutschen – das ist der größte Ausdruck von Menschlichkeit auf der Welt. Schaut euch an, was die Juden und die Deutschen geschafft haben! Heute sind wir eine Familie. Ich bin ein Deutscher. Ich bin hier zu Hause.
Frage: Die Aussöhnung zwischen Deutschland und Israel als Vorbild für den Frieden?
Antwort: Warum ist es nicht so in der ganzen Welt? Was ist hier los? Warum gibt es Krieg? Ein Grund ist dieser: Weil Krieg das größte Geschäft auf der Welt ist. Um Waffen zu verkaufen. Wo führt das hin, mein Lieber? Majid Montazer hat für mich das Lied „Silent Heroes“ geschrieben. Ein Lied, mit dem ich mich bei den Deutschen bedanken kann, die damals Juden geholfen haben. Ich danke Gott für jeden Tag, an dem ich aufwachen darf. Aber für den Tag, an dem ich in Berlin dieses Lied gespielt habe, bin ich besonders dankbar.
Frage: Dankbar müssen ja vor allem wir Deutsche sein – dafür, dass Sie in dem Land auftreten, das so viele Verbrechen begangen hat.
Antwort: Aber das Land hat ja nichts gemacht. Sie haben nichts gemacht. Das waren die Menschen damals.
Frage: Genau. Es waren meine Großeltern.
Antwort: Ich lebe heute. Ich fühle mich in Deutschland wohl. Hier hat eine unsagbare Tragödie stattgefunden.
Antwort: Feidmans Wort für den Holocaust, das er an dieser Stelle mehrfach wiederholt, lautet: „tremendous Tragödie“.
Antwort: Seitdem hat ein Heilungsprozess stattgefunden. Es ist Geschichte. Auschwitz ist nicht die Schuld der Deutschen, es ist die Schuld der Nazis. Das ist ein Unterschied. Ich möchte nicht immer an diesen Punkt zurückgehen. Vorbei. Selbst beim Berliner Mahnmal frage ich mich: Muss man Kinder heute dahin bringen? Wenn ein Kind fragt, was das ist – was antwortet man dann als Vater?
Frage: Ich erkläre meinen Kindern dann, was die Shoah ist. Ihre Grundschule trägt den Namen einer Frau, die in Treblinka ermordet wurde. Meine Kinder putzen mit der Klasse die Stolpersteine. Ich finde wichtig, dass sie Bescheid wissen.
Antwort: Absolut! Da werde ich nicht widersprechen. Die Kinder sollen aber nichts in der Art von Schuld fühlen. Bitte nicht. Bitte nicht. Es ist ein großes Problem, wie man der jungen Generation das Thema nahebringt. Zum Beispiel – über Freundschaft. Über Liebe! Wer in unser Konzert kommt, erlebt Freundschaft. Und er geht als anderer Mensch aus dem Saal. Vergiss den Iran. Vergiss Israel. Wir leben im Paradies. Glaub mir, wir leben im Paradies. Mein Name ist Mensch. Und deiner auch.
Frage: Den Zweiten Weltkrieg haben Sie als Kind von Argentinien aus erlebt. Haben Ihre Eltern Ihnen erzählt, was in Europa passiert?
Antwort: In unserer Familie gab es damals zwei große Themen. Die Deutschen und die Araber. Wir waren gegen beide. Was war mein Rezept gegen dieses Gefühl? Musik! Die klärt den Kopf. Kunst ist die Nahrung der Seele, ganz egal, welche: Musik, Tanz, Poesie. Ich lebe über 65 Jahre in Israel. Wer sind meine Freunde? Araber! Palästinenser! Die Leute glauben, dass jeder Palästinenser in Israel ein Terrorist ist. Nein! Das sind Leute wie ich. Es gibt genug Platz für uns alle. Wir atmen, wir trinken Wasser, wir kriegen Kinder. Mein Lieber, das Leben ist einfach.
Frage: Als Sie in den 1970er Jahren als Solist nach Deutschland kamen, lebten die einstigen Nazis noch, als Lehrer oder Richter. Was war das für ein Land, in dem Sie die jüdische Klezmer–Tradition wieder populär gemacht haben?
Antwort: Ein Guru hat mir dieses Wort mitgegeben: „Selbst wo 99 von 100 Leuten schlecht sind, gibt es noch einen Guten. Halte dich an den und du wirst das Gute vermehren.“ Zum ersten Mal bin ich mit dem Israel Philharmonic Orchestra nach Deutschland gekommen. Für mich war es verwirrend. Es gab Musiker im Orchester, die nie mehr nach Deutschland wollten – bis heute nicht. Okay. Ich bin aber gekommen und habe Freunde gefunden. Dann passierte folgende Geschichte: Peter Zadek hat mich für seine Inszenierung von „Ghetto“ besetzt; im Libretto spielt Klezmer keine Rolle. Aber er hat das ergänzt. Und ich war schockiert. Die Deutschen, die uns diese Tragödie gebracht haben, die müssten das doch hassen! Da wird keiner kommen! Und dann waren wir 150, 160 Mal ausverkauft. Die Menschen haben das aufgesaugt. Ich war überrumpelt. Und habe dazugelernt.
Frage: Was denn gelernt?
Antwort: Mir wurde langsam klar, was hier passiert. Ich war noch sehr jung und trotzdem habe ich es gespürt. Und ich sage es wieder und wieder: Die Aussöhnung zwischen den Juden und den Deutschen ist der größte Ausdruck von Menschlichkeit. Wir müssen uns klarmachen, was das bedeutet – was das für alle Kriege auf der Welt bedeutet.
Antwort: Giora Feidman kommt immer wieder auf diese Wendung zurück. Dabei mischt er das englische und das deutsche Wort für Menschheit und beschwört, jede Silbe betonend, die Formel: „the greatest expression of mensch–kind“.
Antwort: Ich spiele auf meinen Konzerten den muslimischen Gebetsruf „Azan“, ich, ein Jude. Und ich spiele dieses Gebet auch in Kirchen. Um den Menschen zu zeigen, wie die Kunst uns alle vereint. Die Musik weiß nicht, ob sie sich an Juden oder an Moslems oder an Christen richtet. Es ist einfach ein wunderbares Gebet.
Frage: Hat Ihre Versöhnungsbotschaft es nach dem 7. Oktober, nach dem Terrorangriff der Hamas und der israelischen Reaktion schwerer?
Antwort: Nein. Unser Pianist ist Litauer, der Cellist kommt aus Uruguay, der Violinist aus Polen und ich aus Israel. Wir sind Freunde. Die Hamas ist ein Ergebnis von Erziehung. Rassismus ist eine Krankheit. Rassisten können töten, sie können deinen Körper verletzen. Aber nicht die Seele. Mein Großvater war ein wunderbarer Musiker, mein Vater war ein Musiker und jetzt mache ich Musik. Die Seele bleibt.
Frage: Können Sie erzählen, wie Ihr Leben als Kind einer Musikerfamilie im Argentinien der 30er Jahre aussah?
Antwort: Die Leute haben mir in meinem Leben viele Komplimente gemacht. Aber es gibt nur ein Kompliment, das ich annehmen kann: Dass ich das Wort Klezmer wieder mit Leben gefüllt habe. Als ich als Orchestermusiker in den größten Häusern der Welt gespielt habe, da habe ich mir gesagt: Giora, du kommst wieder her und dann spielst du Klezmer. Das habe ich gemacht. Das war meine Aufgabe. Das war immer meine Aufgabe. Ich habe sie erfüllt und in mir bin ich glücklich.
Frage: Aber wie fing es an? Haben Sie auf Festen und Hochzeiten gespielt? Oder zu Hause?
Antwort: Mein Vater hat mich mit auf die Hochzeiten genommen, seit ich 15 Jahre alt war. Dann hat er mit dem Finger auf meinen Mund gezeigt und mir gesagt: Da kommt die Klarinette jetzt hin; und von neun Uhr abends bis vier Uhr morgens bleibt sie auch da. Hochzeiten waren meine Universität. Auf Hochzeiten wird gegessen. Oder nein, man isst dort nicht, man frisst. Wie stellt man es also an, dass die Leute einem zuhören? Das war seine Prüfung für mich: Spiel so, dass die Leute das Essen vergessen und dir zuhören. Es war unmöglich. Aber mein Vater hat es geschafft. Was war der Grund? Seele! Die Leute haben meinen Vater angehört. Und ich habe gelernt und gelernt und gelernt.
Frage: Ist das für Sie das Größte, was Kunst erreichen kann: Eine hungrige Hochzeitsgesellschaft, die die Gabeln auf den Tisch sinken lässt?
Antwort: Das ist das Größte. Und es gibt nur eine Möglichkeit, das zu schaffen: Zeig deine Seele. Dann ist das Essen nicht mehr wichtig. Die Seele hat eine solche Kraft. Sie hat Kraft. Sie hat eine unglaublich große Kraft.
Antwort: Giora Feidman macht eine Pause; dann beendet er das Gespräch.
Antwort: Gut. Ich glaube, wir haben alles gesagt. Ich habe mich zum Erzählen hinreißen lassen. Danke schön. Gott segne dich.