Hamburg Wenn Pflege krank macht – und wie das verhindert werden kann
Wer zu Hause seine Angehörigen pflegt, achtet selten auf seine eigene Gesundheit. Das muss so nicht bleiben, wie ein Projekt aus Norddeutschland zeigt. Doch für nachhaltige Besserung braucht es Hausärzte und umfassend ausgebildete Pflegeberater.
Nachdem ihr Ehemann gestorben war, schlug ihr Körper zurück. Monatelang litt die Frau unter Schmerzattacken. Sie waren die Folge einer dauerhaften Überlastung, die ihr Körper durch die intensive Pflege ihres Mannes aushalten musste. Nur dass die Frau sich selbst während der Pflege gar nicht mehr wahrgenommen hatte, wie bei ihrem Arzt herauskam. „Ich musste ihm sagen, dass ich gar nicht weiß, wie das ist, wenn man locker ist”.
Der anonymisierte Fall aus einer Studie der Hochschule Osnabrück für den Sozialverband VdK steht exemplarisch für ein Problem, das viele pflegende Angehörige offenbar haben. Knapp zwei Drittel vernachlässigen infolge ihrer Betreuung von Partner, Kindern oder Eltern die eigene Gesundheit. Das Problem: Wenn die Betroffenen selbst schon ihre Belastung nicht bemerken, wer soll es dann tun? UNd die Betroffenen warnen, wie sehr sie ihre eigene Gesundheit riskieren. In einer Studie wurde nun untersucht, ob die Hausbesuche von Pflegeberatern diese Rolle ausfüllen können.
„Der Angehörige ist in unserem Gesundheitssystem gar nicht als solcher vorgesehen“, sagt Wolfgang Hoffmann vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Die Sorge gilt den Pflegebedürftigen. Dabei hängt das Wohlbefinden direkt mit dem Gesundheitszustand der Pflegenden zusammen. „Aber viele gehen gar nicht zum Arzt und unterdrücken auch Symptome.“ Immerhin werden weit mehr als die Hälfte aller Pflegebedürftigen in Deutschland ganz ohne professionelle Hilfe von ihren Angehörigen gepflegt.
Hoffmann hat über drei Jahre das Projekt „GAIN – Gesund Angehörige pflegen” in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt. „Uns war wichtig, dass wir ganz gezielt nur auf die Angehörigen schauen“, sagt er. In den Hausarztpraxen des Landes wurden die Forscher fündig, insgesamt 192 Menschen, die Partner und Verwandte mit einer Demenzerkrankung pflegen, machten mit. Ein Manko muss der Versorgungsforscher Hoffmann allerdings einräumen: „Die Angehörigen, die es nicht mal mehr zum Arzt schaffen, fehlen in der Studie natürlich.“
In den Wartezimmern bekamen die spontan rekrutierten Studienteilnehmer Tablets mit simplen Fragebögen in die Hand, über die „unerfüllte Versorgungsbedarfe“ herausgefunden werden sollten. Die direkte Frage „was fehlt mir?“ sei nicht gestellt worden, erläutert Hoffmann. Stattdessen seien Fragen zur Lebenssituation gestellt worden, die auf indirektem Wege potenzielle Nöte aufzeigten. Es sollte ja eher darum gehen, was den Menschen nicht wissentlich fehlt, weswegen sie sich auch damit nicht unbedingt an ihren Arzt gewandt haben.
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Das Spektrum dieser Nöte ist groß, reicht von Stolperfallen, etwa einem rutschigen Badezimmerteppich, in der eigenen Häuslichkeit bis hin zu unbemerkten Anfängen einer Depression und Suchterkrankung. Für solche Risiken fehle pflegenden Angehörigen häufig der Blick, weil sie voll und ganz auf die Pflege fokussiert seien. Doch Versorgungsbedarfe bloß mittels Fragebogen herauszufinden, reichte nicht.
Das Kernstück des GAIN-Projektes war der Interventionsbesuch, bei dem Studienmitarbeiter direkt bei den Pflegebedürftigen und Angehörigen vorbeischaute und dafür sorgte, dass es bestenfalls dafür sorgen, dass es dem Angehörigen – und in der Folge dann auch dem Pflegebedürftigen – nachhaltig besser geht.
„Das machen wir alles in enger Absprache mit den Hausärzten”, erläutert der DZNE-Sprecher der MV-Standorte. Von diesen hätten in MV wirklich viele mitgemacht, trotz voller Wartezimmer und dem Zusatzaufwand. „Viele Ärzte sehen, dass diese Forschung sie entlasten kann”, betont der Studienleiter.
Pflegekräfte als Lotsen und Vermittler im Bürokratiedschungel des Gesundheitssystems sind eine weit verbreitete Idee. Denn zu oft scheint ein Problem der Pflege, dass die Akteure zu wenig vom Tun der anderen Bereiche wissen und die Patienten nicht das bekommen, was sie brauchen.
Deswegen gibt es in Deutschland immer wieder Projekte, die auf eine bessere Zusammenarbeit in der Gesundheitsbranche abzielen. Maßgeblich dabei unter anderem das „ReKo”-Projekt aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim, das noch bis zum 31. März läuft. Hier werden sogenannte Case Manager, die als Lotsen Ärzte, Einrichtungen und Patienten besser miteinander vernetzen, eingesetzt.
Auch beim Projekt in Mecklenburg-Vorpommern hatten die Studienmitarbeiter, die in den Haushalten nach dem Rechten schauen, eine Art Lotsenfunktion. Sie zeigten Angehörigen auf, wo sie sich hinwenden können, wie sie bessere Hilfe bekommen. Und erkennen durch den Vor-Ort-Besuch weitere gesundheitliche Gefahren.
Von diesen Pflegelotsen hängt ab, ob solche Hausbesuche auch außerhalb der GAIN-Studie, im Alltag, möglich sein werden. Doch dafür braucht es entsprechend ausgebildete Pflegekräfte. Dass die Ambulanten Dienste Koordination und Zusatzberatung für die Angehörigen übernehmen, sei kaum leistbar, sagt Wolfgang Hoffmann.
Die als Lotsen eingesetzte Pflegekräfte in der Studie hätten extra eine staatlich anerkannte Zusatzausbildung zu Demenz-Spezialisten gemacht. Aber sie müssten zukünftig auch viele Bereiche abdecken. „Die auf Demenz spezialisierte Kraft muss sich auch mit Ernährung und Diabetes, Versorgung chronischer Wunden und dem Medikamentenmanagement vernünftig auskennen, damit sie eine Lebenssituation neben der eigentlichen Pflege gut und vernünftig einschätzen und die Versorgung koordinieren kann”, sagt Hoffmann.
Das geplante Pflegekompetenz-Gesetz, das Pflegekräften mehr medizinische Verantwortung zugesteht, und auch die fortlaufende und von manchem Anbieter belächelte Akademisierung des Berufes seien dabei entscheidende Schritte, meint Hoffmann. Zumindest bei den Studienteilnehmern unter 66 Jahren haben Hoffmann und sein Team deutliche Verbesserungen festgestellt, nachdem die Pflegeberater da waren.
Der GKV-Spitzenverband zeigte sich auf Anfrage unserer Redaktion auch durchaus angetan vom Projekt. Doch ob es auch dauerhaft von den Krankenkassen und damit den Beitragszahlern finanziert wird, ist längst nicht entschieden.
Hoffmann weiß, dass die eigenen Projekte noch einen weiten Weg vor sich haben, bis sie es in den Alltag schaffen. Aber bei immer mehr Pflegebedürftigen müsse es das höchste Ziel sein, das System zu Hause zu stabilisieren. „Man muss pflegende Angehörige unterstützen, wo man nur kann. Sie sind die einzige Chance, die wir bei diesem veritablen Pflegeproblem künftig haben.”