Berlin „Ich habe mich geirrt“: Wer heute Fehler im Umgang mit Corona einräumt – und wer nicht
Zum vierten Jahrestag des ersten Corona-Falls in Deutschland haben wir bei Ministern, Medizinern und Wissenschaftlern nachgefragt: Wo lagen Sie falsch mit Entscheidungen und Einschätzungen in der Pandemie. Geantwortet haben unter anderem Boris Palmer, Wolfgang Kubicki und die Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx. Karl Lauterbach und Christian Drosten haben sich gedrückt.
Im Kampf gegen Corona wurden die Freiheitsrechte der Menschen drastisch eingeschränkt. Neben Toten und Schwerkranken durch das Virus selbst gab es gravierende Kollateralschäden durch Lockdowns und andere Maßnahmen.
Zugutehalten muss man der Politik, dass es an Wissen und Erfahrungen fehlte, dass aus der Wissenschaft ganz unterschiedliche Empfehlungen kamen und - zumindest zu Beginn der Pandemie - unter hohem Zeitdruck gehandelt werden musste.
Zum vierten Jahrestags des ersten deutschen Falls am kommenden Samstag wollten wir von Politikern, Medizinern und Wissenschaftlern, auch umstrittenen, daher wissen, wo sie rückblickend Fehler einräumen.
Der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) räumte schon früh vor dem Bundestag ein: „Wir werden einander viel verzeihen müssen” und benannte auch sein nach der Pandemie erschienenes Buch so. „Wo lagen Sie daneben, Herr Spahn?” Der Ex-Minister war leider ebenso wenig bereit, uns zu antworten, wie sein Amtsnachfolger Karl Lauterbach (SPD). Auch Charité-Chefvirologe Christian Drosten sagte ab, Ex-RKI-Chef Lothar Wiehler antwortete auf die Fragen nicht.
Einige, die damals mit ihren Meinungen extrem polarisierten, wie der Mediziner Wolfgang Wodarg, antworteten zwar auf die Frage, allerdings nicht richtig: Sie räumten keine eigene Fehleinschätzung ein. Sie werden noch an anderer Stelle mit ihren aktuellen Positionen zu Wort kommen.
Viele, die damals mitbestimmten und die Debatte prägten, haben aber mitgemacht und uns geschrieben, wo sie sich aus heutiger Sicht geirrt haben. Hier kommen ihre Antworten:
Antwort: „Mit der Forderung nach der Impfpflicht als Vorsorge gegen weitere Freiheitsbeschränkungen im nächsten Winter. Die sind auch so nicht gekommen.”
Antwort: „Die Entscheidung, im Bundestag für die einrichtungsbezogene Impfpflicht zu stimmen, war im Nachhinein betrachtet ein Fehler. Zum Zeitpunkt der Entscheidung teilte uns das Robert-Koch-Institut noch mit, die Impfung könne signifikant eine Ansteckung Dritter dämpfen, wenn nicht gar verhindern. Das hat sich anschließend sehr schnell als falsch herausgestellt. Ansonsten werfe ich mir vor, nicht noch lauter für die Beachtung der Grundrechte gewesen zu sein.”
Antwort: „Wir bedauern es beispielsweise sehr, dass wir die junge Generation zu wenig in den Blick genommen haben. Ich bin zwar damals in Talkshows gewesen und habe unterstrichen: „Wir müssen an die Kinder und Jugendlichen denken! Die sitzen noch hinter der Glasscheibe und die anderen feiern schon wieder.” Aber wir haben es versäumt, eine schriftliche Stellungnahme dazu zu machen und eine konkrete Empfehlung zu formulieren. Das bedauern wir zutiefst. Das hätten wir machen sollen.”
Frage: Thomas Fischbach, Kinderarzt und bis Ende 2023 Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), hat sehr früh und laut vor den Folgen von Schul- und Kita-Schließungen gewarnt. Über die Frage nach seinen Fehlern muss er lange überlegen und schreibt:
Antwort: „Im Wesentlichen haben unsere Einschätzungen leider gestimmt. Vielleicht eine kritische Einschränkung: Bei der Impfnotwendigkeit gegen Corona bei allen Kindern muss man im Nachhinein anmerken, dass dies in diesem Umfang wahrscheinlich nicht notwendig gewesen ist.”
Frage: Frank Ulrich Montgomery war zur Pandemie-Zeit Chef des Weltärztebundes und machte besonders starken Druck auf die Menschen, sich gegen Corona impfen zu lassen. Wo hat er sich geirrt?
Antwort: „Falsch war meine Aussage, die Impfung habe keine Nebenwirkungen. Aber das Spektrum der Nebenwirkungen ist minimal im Vergleich zu den Auswirkungen ungebremster Infektionen. Nur hilft man mit dieser Aussage niemandem, der an Nebenwirkungen leidet, oder glaubt, daran zu leiden.”
Anlässlich des vierten Jahrestages des ersten bekannten Corona-Falls in Deutschland blicken wir ganzheitlich aus verschiedenen Perspektiven auf die Pandemie zurück. Hier finden Sie alle Texte.