Hamburg In vier Schritten zur Verschwörungstheorie: Wie Popstar Taylor Swift zur Zielscheibe wird
Haben Sie sich auch schon immer gefragt, wie man Verschwörungsmythen erfolgreich in die Welt setzt? Der aktuelle Fall von Popstar Taylor Swift zeigt, wie leicht man sich in vier einfachen Schritten eine Verschwörungstheorie basteln kann.
Erinnern Sie sich noch an Pizzagate? Die Verschwörungstheorie machte während der US-Präsidentschaftswahl 2016 die Runde. Angeblich betrieb eine Gruppe um die damalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton unter einer Pizzeria in Washington D.C. einen Kindersexring.
Alles an dieser Behauptung klingt verrückt, dennoch stürmte 2016 ein bewaffneter Mann die besagte Pizzeria. Er wollte die dort festgehaltenen Kinder befreien. Einziges Problem: Weder fand er dort gefangengehaltene Kinder, noch hatte die Pizzeria überhaupt einen Keller, in dem diese angeblich sein sollten.
Wie aber schafft man es, eine Verschwörungserzählung zu erfinden, die einerseits völlig unglaubwürdig ist, andererseits aber bei recht vielen Menschen hängen bleibt?
Was auf den ersten Blick schwer wirken mag, ist in der Praxis erstaunlich einfach. Als ein gutes Lehrbeispiel dienen die Verschwörungsmythen rund um Popstar Taylor Swift, die gerade in den USA die Runde machen.
Demnach ist Swift angeblich Teil einer psychologischen Operation des Pentagons, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Gleichzeitig nutze das Weiße Haus sie, um Wähler für die Demokraten zu mobilisieren. Maßgeblich verbreitet werden die Behauptungen vom Sender Fox News.
Verfolgt man das Vorgehen, ergibt sich ein einfacher, vierstufiger Plan.
Ein Clip des einflussreichen Foxs-News-Moderators Jesse Waters verbindet diese Elemente geradezu vorbildlich.
Schritt 1: Taylor Swift eignet sich hervorragend als Anker für eine rechte Verschwörung. Die Sängerin setzt sich unter anderem für die LGBTQ-Community und gegen Waffengewalt ein. Außerdem rief sie ihre Fans vor einigen Monaten dazu auf, sich als Wähler zu registrieren. Das gemeinnützige Portal, dass sie dabei in den sozialen Medien verlinkt hatte, erhielt daraufhin enormen Zulauf. Allein dadurch machte sich Swift bei den Rechten in den USA unbeliebt.
Hier können Sie Jesse Waters Auftritt sehen:
Schritt 2: Waters stützt seine Ausführungen auf einen etwa 20-sekündigen Videoclip – der als Beweis nicht taugt. Der Clip zeigt die Wissenschaftlerin Alicia Marie Bargar bei einer Nato-Konferenz zum Thema Cybersicherheit im Jahr 2019.
In dem Video, das stark bearbeitet und mehrfach geschnitten wurde, sagt sie die Worte „Einfluss“, „Operation“ und „Taylor Swift“, wie der Spiegel berichtete. Laut Waters ein Beweis, dass Bargar im Namen der psychologischen Operations-Einheit des Pentagons der NATO vorschlug, Taylor Swift als Mittel gegen Desinformation zu nutzen.
Wenig überraschend stimmt davon nichts. Bargar arbeitete nie für das Pentagon oder die NATO und ihre Aussagen wurden aus dem Kontext gerissen, wie der „Buisness Insider“ klarstellte. Die Wissenschaftlerin sprach über Internetsicherheit und nutze Swift als Beispiel, um eine Theorie verständlicher zu machen.
Rechte Verschwörungstheoretiker beschäftigen sich allerdings schon länger mit Taylor Swift. Der Radiomoderator Stew Peters wirft ihr etwa vor, während ihrer Konzerte Hexenkräfte einzusetzen. Und schon vor Waters Äußerungen wurde Swift als Geheimwaffe der US-Demokraten dargestellt
So erklärte ein Verbreiter des QAnon-Verschwörungsmythos, er habe schon immer gesagt, dass Swift nicht nur „eine satanische Hexe“ sei, sondern auch „eine Waffe des Pentagon für psychologische Kriegsführung, um viele tausend junge Wähler zu den Demokraten überlaufen zu lassen“.
Schritt 3: In seiner Sendung präsentiert Waters also das Video in einem falschen Zusammenhang und verweist auf Swifts Wahlaufruf. Dabei gibt er immerhin zu, dass er für seine Theorie keinerlei Beweise hat. „Wenn wir sie hätten, würden wir sie zeigen“, sagt er. Dafür interviewt er anschließend zwei Minuten einen ehemaligen FBI-Agenten, ob an der Theorie nicht doch etwas dran sein könnte.
Schritt 4: Statt Beweisen nutzt der Moderator eine ganze Reihe an Suggestivfragen, um die Zuschauer in seine Richtung zu lenken. Wie sei Taylor Swift etwa so erfolgreich geworden, fragt Waters. Er sei nur neugierig. Auch fragt er seinen Gast, wer aus dem Weißen Haus Swift wohl kontaktiert habe – obwohl es keinerlei Beweise gibt, dass die Sängerin überhaupt für die Regierung arbeitet. Beide spielen dann theoretisch durch, wie die Biden-Regierung den Popstar rekrutiert haben könnte. Dabei treffen sie keine faktischen Aussagen, sondern spekulieren, wie es gewesen sein könnte.
Schritt 5: So an den Haaren herbeigezogen die Verschwörungstheorie auch ist: Sowohl das Pentagon als auch die gemeinnützige Organisation „vote.org“ haben sich offiziell zu den Vorwürfen geäußert und diese zurückgewiesen. Für Waters und andere Verbreiter der Verschwörungstheorie ist das ein Gewinn. Eine Äußerung des Pentagons schafft mehr Aufmerksamkeit und lässt sich problemlos in die Verschwörung einbauen – was sollen die Verschwörer auch anderes sagen?
Eine Frage bleibt noch offen: Was soll das ganze überhaupt? Die Medienwissenschaftlerin Johanna Blakley von der University of Southern California hat dazu eine Theorie. Mit Blick auf frühere Sympathiebekundungen von Swift für Biden sowie die Politik der US-Demokraten sei das konservative Lager offenbar „besorgt über den Einfluss, den sie haben könnte“ auf junge Wähler der Demokraten. Falschinformationen über die Sängerin zu verbreiten, sei „ein zutiefst hinterlistiger Versuch, Swifts wahrscheinliche Wahlempfehlung für Biden zu untergraben und ihr möglicherweise zuvorzukommen“.
Auch die frühere Rechtsaußen-Kongresskandidatin Laura Loomer vertritt diese These. Mit Blick auf die Anhänger des Favoriten für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner, Ex-Präsident Donald Trump, und Taylor Swifts Millionen Fans prophezeit sie: „2024 heißt es MAGA gegen Swifties.“
mit AFP-Material