Hamburg  Immer mehr Pflegebedürftige bleiben zu Hause – was Angehörige jetzt fordern

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 19.01.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Prozentual werden immer weniger Bedürftige von professionellen Pflegekräften betreut Foto: Jana Bauch/dpa
Prozentual werden immer weniger Bedürftige von professionellen Pflegekräften betreut Foto: Jana Bauch/dpa
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In Deutschland ist die Pflegepolitik darauf ausgerichtet, dass Menschen so lange wie möglich zu Hause bleiben können. Das entspricht zwar den Wünschen der Pflegebedürftigen, geht aber zulasten der Angehörigen. Die verdeutlichen ihre Forderungen.

„Ambulant vor stationär“: So lautet eine wichtige Losung der Pflegepolitik in Deutschland. Nahezu jedes Bundesland orientiert sich mit seinen Maßnahmen daran, dass Pflegebedürftige so lange wie möglich zu Hause bleiben können, ehe es doch in ein Heim geht. Wie es sich auch die meisten von ihnen wünschen.

Der Plan geht gewissermaßen auf, aber nicht so, wie es die Gesundheitspolitik wünscht. Politisch soll die ambulante Versorgung gestärkt werden, um die Menschen zu Hause zu halten, in der Praxis sind es die Probleme der stationären Pflege, die die Menschen zu Hause hält. Fachkräftemangel, lange Wartelisten und vor allem die immer höheren Eigenanteile halten Menschen vom Einzug ins Pflegeheim ab, wie jüngst auch eine Erhebung der Caritas zeigte. Demnach ziehen Pflegebedürftige immer später ins Pflegeheim, bleiben dort dann durchschnittlich nur noch 25 Monate, wie die Caritas laut Mitteilung in einer eigenen Erhebung herausfand.

Neben dem Wunsch, zu Hause zu bleiben und den langen Wartelisten, seien es vor allem die hohen Eigenanteile, die Pflegebedürftige fürchten würden, so die Caritas. 2024 sind die Heimkosten erneut gestiegen, längst liegen die Kosten weit über der Durchschnittsrente, immer mehr Bewohner müssen durch das Sozialamt unterstützt werden. Dass die Pflegeversicherung seit diesem Jahr mehr die Heimkosten verstärkt bezuschusst, konnte die Verteuerung nur leicht abmildern.

Nicht nur das eigene Ersparte muss größtenteils fürs Heim genutzt werden, auch die Kinder müssen einspringen. Jedoch erst ab einem Jahresbruttoeinkommen von 100.000 Euro. Betroffen sind also nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung.

Der Verein „wir pflegen“, die Interessensvertretung pflegender Angehöriger beobachtet ebenfalls, dass die professionelle Pflege mit dem Bedarf nicht mehr Schritt hält. 2021 seien nur noch 16 Prozent aller Pflegebedürftigen in Heimen versorgt worden. 2013 waren es noch 28 Prozent. Und auch der Betreuungsanteil der ambulanten Pflegedienste geht zurück. Die Folge: Immer mehr Pflegebedürftige werden allein durch ihre Kinder, Eltern oder Partner zu Hause versorgt.

In einem extra aufgesetzten Positionspapier (liegt unserer Redaktion vor) hat der Bundesverband des Angehörigen-Netzwerkes nun deutliche Forderungen und Lösungswege aufgesetzt.

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Im Kern wünschen sich die Angehörigen unter anderem flexible Rahmenbedingungen in der häuslichen Pflege. Sowohl beim Leistungsanspruch als auch bei der Vereinbarkeit von Beruf und häuslicher Betreuung mangele es noch an Unterstützung. Es dürfe nicht sein, dass pflegende Angehörige „ihre Berufstätigkeit aufgeben”, beklagt der Verband.

Dafür brauche es vor allem einen Rechtsanspruch auf Tagespflegeplätze. Denn aktuell könnten viel zu wenige Menschen ihre Pflegepersonen tagsüber in einer solchen Einrichtung abgeben. Auf die mehr als vier Millionen Menschen, die zu Hause gepflegt werden, kommen bundesweit keine 100.000 Tages-Pflegeplätze – für nicht einmal drei Prozent gibt es also Platz. Zudem steigen auch hier die Eigenanteile, die die Pflegebedürftigen aufbringen müssen.

Die Folge: Rechnerisch bleiben rund 40 Milliarden Euro, die den Pflegebedürftigen für die Tagespflege zustehen, blieben allein 2022 ungenutzt liegen, so das Bündnis. Eine unfassbar hohe Zahl. „Wir wollten es selbst kaum glauben“, sagt Notburga Ott aus dem Vorstand von „wir pflegen“.

Aber bei mehr als vier Millionen Pflegebedürftigen, die zu Hause versorgt werden und je nach Pflegegrad bis zu 2000 Euro monatlich für Tagespflege ausgeben dürften, komme so eine Summe schnell zusammen. Ein Ausbau dieser Infrastruktur und eine Bezuschussung wären also dringend notwendig. Andernfalls würden immer mehr pflegende Angehörige ihren Beruf an den Nagel hängen müssen und so der Wirtschaft fehlen, warnen Vertreter des Bundesverbandes. Vor allem die Kommunen selbst müssten sich um eine bessere Infrastruktur kümmern.

Zudem wünscht sich der Verband ein flexibel nutzbares „Gesamtbudget“ für die Hilfsbedürftigen. Derzeit haben pflegebedürftige Menschen Anspruch auf einen ganzen Strauß von Leistungen. Pflegegeld, Sachleistungen und Co. müssen jedoch alle einzeln beantragt werden und sind zweckgebunden. „Was gut ist für den Einzelnen, müssen der Einzelne und die Familien entscheiden“, fordert der Verband. Im Ergebnis wäre das Gesamtbudget eine monatliche Auszahlung der Pflegeversicherung, die dann frei für die Pflege und die nötigen Anschaffungen genutzt werden kann.

Wie viel Gehör die Forderungen des Verbandes, der Sprachrohr für Millionen Bundesbürger sein will, in der Politik findet, ist schon ob der aktuellen Haushaltslage kaum abzusehen. Statt einer grundsätzlichen Pflegereform sind Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und die Ampel-Koalition vor allem mit viel Stückwerk beschäftigt. Das Pflegeunterstützungs- und Entlastungsgesetz etwa brachte erste leichte Verbesserungen, war aber nicht der erhoffte Durchbruch in der Pflegepolitik. Unter anderem der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung bewertete das Gesetz als „zu kurz gegriffen.”

Auf dem Papier, sprich im Koalitionsvertrag, haben die Parteien eine ganze Reihe von Erleichterungen für pflegende Angehörige festgeschrieben. Nur die Umsetzung lässt teilweise noch auf sich warten. Zuletzt hatte Ulrike Bahr (SPD), Vorsitzende des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, bis Mitte 2024 ein „Gesamtpaket für pflegende Angehörige” versprochen.  „Es ist zu schaffen. Wir machen uns daran”, sagte sie dem Mitteldeutschem Rundfunk.

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