Osnabrück  Ein Land zeigt‘s allen: Wo 2023 neue Windräder hinzukamen – und wo noch Platz ist

Daniel Batel
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Von Daniel Batel
| 16.01.2024 12:19 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Ausbau der Windenergie ist 2023 weit fortgeschritten. Norddeutschland ist längst Vorreiter. Foto: imago-images/Daniel Reinhardt
Der Ausbau der Windenergie ist 2023 weit fortgeschritten. Norddeutschland ist längst Vorreiter. Foto: imago-images/Daniel Reinhardt
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Zu Jahresbeginn ein Blick zurück: Wie weit ist der Ausbau der Windkraft in Deutschland 2023 vorangeschritten? Ziemlich weit, das belegen aktuelle Zahlen. Sie offenbaren aber auch, wo es noch hakt. Der Fakten-Überblick.

Die Windenergie soll Deutschland helfen, sich von Kohle und Gas unabhängig zu machen. Die Stromproduktion soll vor allem durch Offshore-Windparks steigen. Aber auch an Land müssen dafür immer mehr Anlagen gebaut werden. Die Bilanz des Jahres 2023 zeigt jedoch deutlich: Wenn Süddeutschland nicht nachzieht, ist dieses Ziel in Gefahr.

Laut Bundesverband Windenergie (BWE) wurden im letzten Jahr 745 Windenergieanlagen gebaut. Obwohl das erstmal wenig klingt, bedeutet die hinzugewonnene Leistung von 3,5 Gigawatt einen neuen Rekord.

Wie zuletzt steht Schleswig-Holstein an der Spitze aller Bundesländer. 249 Windenergieanlagen mit einer Leistung von 1,2 Gigawatt wurden dort im vergangenen Jahr errichtet. Das entspricht einem Anteil von mehr als einem Drittel am Gesamtzubau in Deutschland. Bezogen auf die Landesfläche hat das nördlichste Bundesland fünfmal so viele installiert wie in Niedersachsen (131), Nordrhein-Westfalen (114) und Brandenburg (77). Mecklenburg-Vorpommern landete im Jahresranking auf Rang 5 (41).

Mit Anteilen von 12 bis 18 Prozent am Gesamtzubau des Jahres leisten Niedersachsen, Brandenburg und NRW trotzdem einen erheblichen Beitrag. Alle weiteren Bundesländer installierten je maximal 5 Prozent des Gesamtzubaus. In Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen war die zugebaute Leistung 2023 besonders gering. Berlin verbleibt als einziges Bundesland sogar ganz ohne neue Anlage. Unsere Übersicht zeigt, wie viele Windräder je Land 2023 hinzukamen:

An der Durchschnittshöhe der Windräder hat sich hingegen nichts verändert. 206 Meter war eine Windkraftanlage im Schnitt 2023 hoch, also immerhin um einiges höher als der Kölner Dom. Die Leistung eines Windrads hat im Schnitt deutlich zugenommen: Mit 4.788 Kilowatt war eine Windkraftanlage im abgelaufenen Jahr zehn Prozent stärker als zuvor.

Deutschland verfügt seit Jahresende 2023 über einen Bestand von 28.677 Anlagen an Land. Laut Bundesnetzagentur waren es im November 2022 schon einmal 29.117 – es sind also weniger geworden. Der Blick auf die reine Anzahl ist allerdings nicht zielführend, weil im Zuge des Repowerings immer mehr alte Windparks erneuert werden. Ältere Windräder weichen leistungsstärkeren Systemen. Von 745 neuen waren allein im vergangenen Jahr 225 Repowering-Tauschanlagen. Die Gesamtleistung ist landesweit so von 58 auf 61 Gigawatt angestiegen.

Auch für Niedersachsen lohnt sich ein Blick auf die Leistung: Das Bundesland hat 2023 mit 12,5 Gigawatt den höchsten Leistungsstand vorzuweisen und repräsentiert damit 21 Prozent der im ganzen Land installierten Leistung.

Was die Zahlen ebenfalls zeigen: Die Länder haben einen Genehmigungs-Turbo gezündet – und damit an einer Schraube gedreht, die zuletzt den Baufortschritt erheblich eingeschränkt hatte. 2023 wurden 1382 neue Windenergieanlagen genehmigt, die zusammen über eine Leistung von 7,5 Gigawatt verfügen. Die Genehmigungsleistung hat sich damit um satte 73 Prozent gesteigert.

Zum Vergleich: 2019 lag die Genehmigungsleistung noch bei rund 2 Gigawatt, 2022 waren es 4,3. Wenn die Anlagen 2024 wie geplant hinzukommen, kratzt Deutschland bei der Gesamtleistung bald an der 70-Gigawatt-Marke. Und das muss im Sinne der Ziele für 2030 auch passieren: Denn bis dahin soll ein Gesamtbestand von 115 Gigawatt erreicht werden.

Der Bund versucht, mithilfe des im Februar 2023 in Kraft getretenen „Wind-an-Land-Gesetzes“ dafür zu sorgen, dass auch der Süden die Vorgaben erfüllt. Dem Gesetz zufolge müssen bundesweit bis 2032 zwei Prozent der Fläche Deutschlands als Vorrangfläche für Windkraftprojekte ausgewiesen werden. Für die einzelnen Bundesländer gibt es unterschiedliche Anforderungen: Niedersachsen soll etwa 2,2 Prozent seiner Fläche ausweisen, während Stadtstaaten wie Bremen nur 0,5 Prozent erfüllen müssen.

Doch in manchen Bundesländern regt sich Widerstand, vor allem in Thüringen: Hier fordern Forstverbände, dass in Wäldern keine Windräder gebaut werden dürfen.

Bis das „Wind-an-Land-Gesetz“ Wirkung zeigt, wird es noch einige Zeit dauern. Bayern muss seine Quote zum Beispiel schrittweise erhöhen: Bis 2027 etwa auf 1,1 Prozent der Landesfläche. Für die Umsetzung sind regionale Planungsverbände zuständig. Die Umwälzung ist ein langwieriger Prozess, viele Interessen müssen dabei abgewogen werden. Der bayerische Landtag muss zudem noch einem Landesentwicklungsprogramm zustimmen.

Eine Deadline greift aber schon bald: Im Mai 2024 muss Bayern gegenüber dem Bund nachweisen, dass es schon Fortschritte beim Erreichen seiner Windkraftquote gemacht hat. Und falls eine Planungsregion es zu den Stichtagen 2027 und 2032 nicht geschafft hat, genug Windkraftgebiete auszuweisen, sind dort per Bundesgesetz Windräder flächendeckend als „privilegierte Bauvorhaben“ erlaubt. Die Mindestabstandsregel entfällt künftig ganz, wenn Windräder nur noch auf ausgewiesenen Flächen geplant werden.

Allgemein vergehen bis zu fünf Jahre bis zum Bau eines Windrads. Auch deshalb wird sich die Wirkung des Gesetzes erst nach und nach zeigen.

Die Präsidentin des Bundesverbands WindEnergie, Bärbel Heidebroek, will aber nicht nur mit Strafen erreichen, dass Deutschland bei der Windkraft zulegt: Wenn ein langfristiger gesetzlicher Rahmen geschaffen werde, könne die Windenergiebranche „ihr volles Potenzial als treibender Wirtschaftssektor entfalten, Arbeitsplätze in Deutschland sichern und zu einer sicheren und sauberen Energieversorgung beitragen.“

Bund und Länder haben sich zudem im November 2023 auf einen Beschleunigungs-Pakt geeinigt. Diese Beschlüsse sollten nun möglichst noch im ersten Quartal 2024 in Gesetze gegossen werden, um den genehmigten Bau der Windräder reibungslos realisieren zu können, so Heidebroek.

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