Berlin Oliver Masucci: „Wunderbare illegale Corona-Party mit Mads Mikkelsen“
Oliver Masucci spielt in Polanskis „The Palace“ einen Hotelchef. Wie exzentrisch er sich privat als Gast in Hotels benimmt, erzählt der Schauspieler im Interview: Er kocht in seinem Zimmer Rinderrouladen.
Eigentlich hat Oliver Masucci gerade gar keine Zeit für Interviews. Der Dreh für Polanskis „The Palace“ liegt hinter ihm. Im Februar spielt er den Snape im Hamburger Harry-Potter-Theater. Seine Memoiren hat der 55-Jährige auch gerade geschrieben. Für unser Videogespräch unterbricht er eine rare Verschnaufpause auf Mallorca.
Auf der sonnigen Terrasse erzählt er, wie er mit Polanski über den Holocaust, die Manson-Morde und über Polanskis Vergewaltigungsprozess gesprochen hat. Er klärt auf, warum Mickey Rourke zwei Perücken auf einmal trägt. Und verrät das Rezept für die Rinderrouladen, die er für Mads Mikkelsen gekocht hat – im Zimmer eines Fünf-Sterne-Hotels.
Frage: Herr Masucci, Ihrer Biografie entnehme ich, dass Sie regelmäßig im Hotel kochen. Was braucht man, um ein Einbettzimmer zur Küche zu machen?
Antwort: Ein Multi Cooker reicht schon – ein elektrischer Topf, der an die Steckdose kommt. Dazu noch ein Schneidebrett, ein Messer, einen Kochlöffel. Eine Gewürzbox habe ich auch immer dabei.
Frage: Darf man in Hotels überhaupt kochen?
Antwort: Das sollte man nie fragen.
Frage: In England, bei den Dreharbeiten zu „Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse“, sollen Sie sogar Rindsrouladen im Hotel zubereitet haben. Stimmt das?
Antwort: Das stimmt, für Mads Mikkelsen. Der spielt in dem Film den Zauberer Grindelwald. Am Set konnten wir uns kaum kennenlernen, weil immer einer in Quarantäne war. Also haben wir ein heimliches Essen geplant. Ich selbst war eher vegan unterwegs; aber Mads ist Däne und brauchte Fleisch. Zum Glück habe ich einen Metzger gefunden, der wusste, wie man Rouladen zuschneidet.
Frage: Rouladen erfordern ziemlich viele Zutaten für einen Hotelschreibtisch. Nach welchem Rezept gelingen die auch unterwegs?
Antwort: Ich wohnte in einem Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, im Fünf-Sterne-Hotel „The Grove“. Weil der Fitnessbereich gesperrt war, hatte man mir einen zweiten Raum mit Sportgeräten gestellt. Viel Platz zum Kochen! Ich habe das Fleisch mit Gurken, Senf und Speck eingerollt, mit Sellerie und Karotten angebraten und dann mit Rotwein und Brühe aufgegossen. Von meiner Oma weiß ich, dass man Rouladen mit Zuckercouleur dunkel einfärbt. Das ist in England nicht zu bekommen, also habe ich es schnell selbst gemacht: Zucker karamellisieren, bis er dunkel wird, dann mit Wasser einen Sirup anrühren. Im Instant-Topf habe ich dann alles bis auf die Druckstufe erhitzt. Dann bin ich mit meiner Freundin und den noch kochenden Rouladen zu Mads gefahren. Die Klöße haben wir in seiner Künstlerwohnung gemacht – und dann eine wunderbare illegale Corona-Party gefeiert.
Frage: Wären weniger aufwändige Rezepte fürs Hotel nicht sinnvoller?
Antwort: Das ist falsch gedacht. Es gibt keine einfachen Gerichte. Selbst für Nudeln mit Tomatensoße braucht man Zwiebeln, Parmesanrinde, gern ein Stück Speck, Knoblauch, Chili ... Ich koche immer aufwändig. Das ist ja der Spaß: komplexe Dinge auf kleinstem Raum machen. Und in der Quarantäne ging es doch darum, die Zeit totzuschlagen.
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Frage: Was steckt in Ihrer Reise-Gewürzbox?
Antwort: Pfeffer, Salz, Oregano, Thymian – und Muskatnuss, falls ich mal eine Lasagne machen will. Dann Liebstöckel für Suppen; den gibt’s auch als Pulver. Majoran, Lorbeer, Paprika und griechische Peperoni – die brauche ich für die Arrabiata und für überbackenen Schafskäse. Tabasco kommt immer in meinen Kulturbeutel, damit es am Flughafen keine Probleme gibt. Dann noch Kapern – und viel mehr braucht man nicht. Den Rest kaufen Sie einfach vor Ort!
Frage: Reichte diese Art zu reisen, um die Rolle in Roman Polanskis „The Palace“ zu kriegen? Da müssen Sie als Direktor eines Luxushotels ja noch exzentrischere Wünsche superreicher Gäste managen.
Antwort: Die Masucci-Familie hatte drei Restaurants und ein Hotel. Vom Tellerwäscher bis hin zum Restaurantleiter habe ich alle Dienstgrade durchlaufen. Beim Erstgespräch mit Roman war das alles sehr hilfreich.
Sehen Sie hier den Trailer zu Roman Polanskis „The Palace“:
Frage: Zu Ihren Kollegen im Film gehören Superstars wie Mickey Rourke …
Antwort: … und beim Kennenlernen habe ich gleich alles falsch gemacht. Unsere Fahrerin hatte mir erzählt, dass Mickey Rourke mal mit der Nachbarin ihrer Mutter zusammen war. Also habe ich ihn freundlich angesprochen: Sag mal, hast du eine Freundin in Wiesbaden? Da antwortet er: „Eine Freundin war das eigentlich nicht – das war eine ‚Slut, Cunt, Whore‘; sie hat sich von reichen Männern für Sex bezahlen lassen und ich habe ihr ein Haus gekauft.“ Neben mir stand meine Tochter. Uns fiel beiden die Klappe runter. Offenbar hatte diese Frau ihm das Herz gebrochen. Er war noch nicht bereit, darüber zu sprechen.
Frage: Wie war er als Kollege?
Antwort: Im Film trägt er eine Trump-Perücke, die er gehasst hat. Am ersten Drehtag hatte er sich noch eine zweite Perücke drübergezogen, damit man die erste nicht bemerkt. Viel mehr hatte er aber nicht an; er kam in Unterhose an den Set und sagte großartig: „Roman, hier bin ich.“ Was soll ich sagen? Er ist Schauspieler. Wir sind bedürftig und tun alles für ein kleines bisschen Aufmerksamkeit. Polanski hat aus einem sehr lauten Mickey Rourke dann schnell einen ganz zarten Kollegen gemacht.
Antwort: Im Film geht es darum, was Geld aus Menschen macht und ein Leitmotiv sind missglückte Schönheits-OPs. Das ist auch ein privates Thema von Mickey Rourke – spricht man das an?
Antwort: Ansprechen muss das keiner, man sieht es ja. Gespielt haben wir allerdings so, als würden wir es nicht merken.
Frage: Mit Polanski haben Sie dann über alle Tabuthemen seines Lebens gesprochen: Über die Ermordung seiner Mutter in Auschwitz, über den Mord an seiner Frau Sharon Tate durch die Manson Family. Und auch über seine Anklage wegen des Missbrauchs der damals 13-jährigen Samantha Geimer. Spricht er das alles von sich aus an?
Antwort: Über Sharon Tate spricht er von sich aus nicht. Da muss man ihn fragen. Ansonsten ist er sehr offen, auch bei Samantha Geimer. Er hatte sich damals schuldig bekannt und bezeichnet sie als sein Opfer. Er hatte damals einen juristischen Deal mit dem Staatsanwalt gemacht, wie sie in den USA üblich sind. Dann war er im Gefängnis und wurde psychologisch begutachtet. Das Land verlassen hat er, weil er Angst hatte, dass der Richter sich nicht an das vorab festgelegte Strafmaß hält.
Frage: Seitdem kann er nicht mehr in die USA einreisen. Als 2009 über seine Auslieferung diskutiert wurde, zeichneten über 150 Künstler eine Petition zu seinen Gunsten. Nach der MeToo-Bewegung wäre das kaum noch denkbar. Steht man als Polanski-Schauspieler heute unter Rechtfertigungsdruck?
Antwort: Nein. Ich glaube an eine Rechtsprechung, die Menschen eine zweite Chance gibt. Wenn jemand seine Schuld eingestanden hat, wenn er im Gefängnis war und ein Leben lang in der Öffentlichkeit mit seiner Schuld konfrontiert wird – dann hat er eine zweite Chance verdient. Sogar sein Opfer Samantha Geimer sagt in Interviews, dass Roman seine Schuld abgebüßt hat. Ich habe keine moralischen Bedenken und muss mich nicht abgrenzen. Im Gegenteil: So ein Mensch interessiert mich. Ich wollte erleben, wie diese lebende Legende arbeitet. Und so ging es uns allen. Allein schon, dass ich mit Polanski in Gstaad Ski gefahren bin. Er wird 90 und wedelt immer noch im 80er-Jahre-Style die Piste runter. Und weil wir uns bei der ersten Abfahrt nicht gefilmt haben, mussten wir noch eine zweite machen. Auf seinem T-Shirt steht „La vie devant moi“ – das Leben liegt vor mir. Genau das strahlt er immer noch aus.
Frage: Herr Masucci, in Ihrer Biografie schildern Sie, wie Sie als Kind eines italienischen Gastarbeiters gemobbt wurden.
Antwort: Damals war das normal. Lange habe ich mich nicht gewehrt. Mein Vater hat es kleingeredet; wir hatten ein Restaurant und das waren ja auch die Kinder der Gäste. Auch sonst hat es niemanden gestört, wenn ich „Spaghetti-Fresser“ und „Itaker“ genannt wurde. Mit einem ausländischen Namen wurde man in der Schule automatisch nach hinten gesetzt. Zusammen mit den Scheidungskindern. Das war damals alles suspekt. Wer bei uns auch nach hinten kam: Linkshänder! Eine Freundin von mir schrieb mit links. In ihrem Zeugnis stand, dass sie trotz ihrer „Behinderung“ eine recht saubere Handschrift hatte.
Frage: Heute unvorstellbar, oder?
Antwort: Stimmt. Auf der Schule meines Sohnes wird beim leisesten Mobbing-Verdacht eingeschritten. Aber wenn man zum Fußball geht, hört man immer noch das ganze Repertoire. Deswegen gehe ich auch nicht so gern ins Stadion. Nachdem ich darüber geschrieben habe, hat eine Klassenkameradin aus der Grundschule sich entschuldigt: „Ich war eine von denen, die ‚Spaghetti-Fresser‘ gerufen haben”, hat sie mir geschrieben – und dass sie nicht mal wusste, was das überhaupt bedeutet. Das hat mich berührt.
Antwort: Gab es italienische Stars, die Sie damals als positive Leitbilder empfunden haben?
Antwort: Claudia Cardinale, Marcello Mastroiani, Adriano Celentano, Sophia Loren, Gina Lollobrigida. Und viele andere. Als ich klein war, liefen im ARD/ZDF die oft moralischen US-Western der 50er Jahre. Dann entdeckte ich Sergio Leone und die Spaghetti-Western, die das herkömmliche Gut-und-Böse-Muster auf den Kopf stellten: „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Zwei glorreiche Halunken“ – da wollte ich auch hin, auf die breitestmögliche Leinwand.
Frage: Sie haben mal beklagt, dass die „Tatort“-Helden inzwischen die Western-Helden verdrängt haben. Nehmen Sie der ARD ausgerechnet ihr erfolgreichstes Format übel?
Antwort: Erstmal vorweg: Ich freue mich über jeden neuen Quotenrekord meines Freundes Jan-Josef Liefers! Der ARD nehme ich aber übel, dass sie sich auf den vielen „Tatorten“ auszuruhen scheint und kaum neue fiktionalen Formate erfindet. Und dass dort – siehe Degeto (die Filmeinkaufsorganisation der ARD, Anm. d. Red.) – viel zu viel Finanzmacht gebündelt ist, was Abhängigkeiten schafft: Drehbuchautoren, freie Produzenten, Regisseure und Schauspieler haben es schwer, so wirklich frei zu arbeiten. Künstler kommen zu wenig zu Wort, dürfen wenig bis gar nichts mitentscheiden. Und kaum einer traut sich, intern oder öffentlich Kritik daran zu üben. ARD und ZDF müssen aber kritikfähig sein. Und dringend modernisiert werden. Da ist vieles einfach altbacken, und das Publikum wird unterschätzt.
Antwort: Haben Sie nicht auch schon im „Tatort“ gespielt?
Antwort: Ja. Drei Drehtage für die Rolle eines Rockers. Und ich wusste dann, warum ich genau das nicht mehr wollte. Aber die wichtige Frage ist doch: Wie wird es aussehen, wenn die mit Streaming aufgewachsenen Zuschauer in der Mehrheit sind? Eine ganze Generation weiß gar nicht mehr, was Fernsehen ist. Wenn meine Kinder in ihre erste eigene Wohnung ziehen und der Schrieb wegen der Rundfunkgebühren kommt, begreifen sie gar nicht, worum es geht.
Antwort: Deutliche Worte für einen Schauspieler.
Antwort: Fragen Sie mal die Leute nach ihren fünf bis zehn Lieblingsfilmen. Und dann schauen Sie, wie viele deutsche Filme dabei sind. Ich kenne Kollegen, die schämen sich für ihre langweiligen Serien und Filme, haben aber ihre Wohnung davon bezahlt. Mehr als „Tatort“-Kommissar ging im deutschen Fernsehen nicht. Nicht immer, aber oft war das dann das Ende der Fahnenstange. Bis ich die Chance erhielt, Filme zu drehen, die anders erzählen, bin ich lieber im Theater geblieben und habe die besseren Texte gespielt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde gut, dass wir die Öffentlich-Rechtlichen haben. Was ich schlecht finde, sind weite Teile des fiktionalen Programms. Es ist unerträglich langsam.
Frage: Bemühen die Sender sich nicht langsam um Serien, die international funktionieren?
Antwort: 20 Jahre nach der Serie „24“ ist es da auch angekommen, dass man einen Spannungsbogen über ganze Staffeln spannen kann. Und was kommt dabei raus? Jetzt wollen sie nur noch Serien machen. Gerade habe ich einen Stoff vorgeschlagen, eine wahre Geschichte: 1966 ist ein Wal in den Rhein geschwommen, ein perfekter Familienfilm – aber nun fragen alle, ob man daraus eine Serie machen kann. Nein, in diesem Fall nicht.
Frage: Was gucken Sie denn gern?
Antwort: Filme! Filme und Filme. Der Kinofilm wird eine Renaissance erleben. Es gibt zu viele Serien. Allerdings auch ein Problem bei der Filmfinanzierung. Wir brauchen ein verlässliches Steueranreizsystem, dass es deutschen und ausländischen Produzenten ermöglicht, bei uns erfolgreich Filme zu machen. Damit kämen auch internationale Produktionen ins Land, die hier ihr Geld ausgeben – was wiederum Steuereinnahmen generiert. Ansonsten gucke ich viel Youtube und stelle mir dort meine eigene „Sendung mit der Maus“ zusammen: Was wird in Bangkok in der Street Kitchen gekocht? Wie wird Eisen hergestellt? Wie lackiert man richtig? Mich hat immer die Frage gequält, was ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Als hochzivilisierter Mensch habe ich gar nicht mehr die Fertigkeiten für eine einsame Insel. Bei Youtube will ich das jetzt alles lernen.
Frage: Was Sie auf die Insel mitnehmen, ist doch wohl klar: Ein scharfes Messer und die Box mit Lorbeer, Chili und Liebstöckel-Pulver.
Antwort: Das stimmt. Oder Liebstöckelsamen – dann baue ich selbst alles an.