Osnabrück  Verein Deutsche Sprache: Das Deutsche hat Besseres verdient als rechte Gralshüter

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 14.01.2024 15:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Für den Verein Deutsche Sprache ein rotes Tuch: Die Verwendung des Gender-Sternchens Foto: imago images/U. J. Alexander
Für den Verein Deutsche Sprache ein rotes Tuch: Die Verwendung des Gender-Sternchens Foto: imago images/U. J. Alexander
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Gegen Anglizismen und Gender-Stern: Bislang galt der Verein Deutsche Sprache nur als konservativ. Jetzt war ein Vorstandsmitglied beim Treffen der Rechten in Potsdam dabei. Wie entlarvend.

Sie fechten munter gegen den „Sprachnebel“ der „Genderlobby“, die Mitglieder des Vereins Deutsche Sprache (VDS). Jetzt wird klar, dass die VDS-Leute im eigenen Ideologienebel wohl selbst die Hand vor Augen nicht mehr sehen.

Mit dem generischen Maskulinum gegen drohende Überfremdung: Wem dieser Sprachpurismus des VDS schon immer verdächtig rechtspopulistisch klang, der sieht sich nun bestätigt. Mit Silke Schröder hat ein Vorstandsmitglied des Vereins an jenem Potsdamer Treffen von Rechtsextremen und AfD-Politikern teilgenommen, das weithin zu Recht für Entsetzen sorgt.

In Potsdam entwarfen die versammelten die Teilnehmer Pläne von Deportationen für Migranten, überhaupt für Menschen, die ihnen nicht passen. Wie viel Fremdenfeindlichkeit liegt im Sprachkampf des VDS, dass ein führendes Mitglied dieses Vereins in Potsdam mit am Tisch sitzen konnte?

Die selbst ernannten Sprachschützer aus Dortmund geben sich als netter ADAC der deutschen Sprache, als eine Art Verkehrswacht für korrektes Deutsch. Ihre Tonlage klang aber schon immer anmaßend und ideologisch. Jetzt sind sie entlarvt.

Wer der Redaktion des Duden unterstellt, an einem „Umbau der deutschen Sprache“ zu arbeiten, der überträgt rechtsextreme Umvolkungsphantasien in den Diskurs der Sprachpflege. Wer Jahr für Jahr „Sprachpanscher“ von Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) bis zu den Tagesthemen geißelt oder ein Statement gegen Gender-Sprache als „Aufruf zum Widerstand“ betitelt, der macht aus dem Gespräch über die Sprache einen Kulturkampf. Aber genau darum geht es wohl auch.

Gehört die deutsche Sprache dem VDS? Das möchte man zurückfragen. Und wer will sich anmaßen, zu bestimmen, welches Deutsch als das allein korrekte zu gelten hat? Sprache ist ohnehin ständig in Bewegung. Wer den Vorstellungen des VDS folgen möchte, sollte doch gleich für die Rückkehr zum Mittelhochdeutschen plädieren.

Nur zur Erinnerung: Die Duden-Redaktion beschreibt den Wandel der Sprache. Mehr nicht. Die eine Institution, die eine Sprachnorm vorgeben könnte, es gibt sie in Deutschland einfach nicht. Wichtiger als der Kampf gegen Chimären einer Sprachüberfremdung oder ein angebliches Gender-Diktat wäre es, das Deutsche gut zu lehren. Die jüngsten PISA-Resultate belegen einen dramatischen Kompetenzverfall.

Dazu tragen die Sprachwächter des VDS nichts bei. Wie sollten sie auch? Ihnen geht jedes Verständnis dafür ab, dass Sprache sich bewegt, weil sich Gespräch und Themen der Menschen verändern. Sie entsprechen noch nicht einmal dem eigenen Reinheitsgebot. Die Verlautbarungen des VDS quellen über vor Sprechblasen und Begriffsverdrehungen.

Wer bislang noch Sympathien für den Verein hatte, sucht jetzt das Weite. Philosoph Peter Sloterdijk hat umgehend seinen Austritt erklärt, Kabarettist Dieter Hallervorden zeigt sich entsetzt, zögert aber noch, die Reißleine zu ziehen. Sprachkritiker Bastian Sick bleibt vorerst an Bord. „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“: Sicks Haltung wirkt jetzt mindestens so verdreht wie seine Haltung zu den Dortmunder Sprachschützern.

Die wollen ihr prominentes Mitglied Silke Schröder in den nächsten Tagen ausschließen. Ob damit noch etwas zu retten ist? Schröders Teilnahme wirkt entlarvend – für den ganzen VDS. Etwas Besseres als diesen Verein hat die deutsche Sprache allemal verdient.

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