Berlin/Osnabrück  „Die Seele is not old“: Giora Feidman über sein Konzert in Osnabrück

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 14.01.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Giora Feidman setzt der Hoffnungslosigkeit in Nahost die „Revolution of Love“ entgegen. Foto: Mehran Montazer
Giora Feidman setzt der Hoffnungslosigkeit in Nahost die „Revolution of Love“ entgegen. Foto: Mehran Montazer
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Kunst der Versöhnung in Zeiten des Kriegs: Der jüdische Klezmer-Musiker Giora Feidman spielt Lieder eines Moslems aus dem Iran. Im Interview sprechen beide über ihre „Revolution of Love“, die sie im Januar 2024 auch nach Osnabrück, Kiel, Lübeck und Schwerin bringen.

Terror in Israel, Krieg in Gaza –und in Berlin: Molotow-Cocktails auf jüdischen Einrichtungen. Gegen die Hoffnungslosigkeit des politischen Winters hilft zurzeit nur ein Wunder. Oder – Giora Feidman. Während der Hass in Nahost blutige Höhepunkte erreicht, spielt seine Klarinette die Hymnen einer „Revolution of Love“.

Unter diesen Titel stellt der Weltstar des Klezmer sein neues Album. Schon in der Besetzung konterkariert es den Krieg: Die elf Songs sind das Gemeinschaftswerk eines jüdischen Musikers und des muslimischen Komponisten Majid Montazer. „Er kommt aus dem Iran und ich bin israelischer Staatsbürger. Na, und?“ Mehr gibt es für Feidman da nicht zu sagen.

Wir treffen die beiden in einem Berliner Tonstudio, nahe dem Potsdamer Platz. Hier wurden die Stücke für Klarinette, Piano, Violine, Violoncello, Kontrabass und Horn eingespielt. Erste Titel sind noch am selben Abend zu hören, wenige Hundert Meter weiter in der Philharmonie.

Hier spielt Feidman auch einen Song aus dem Repertoire – es ist ein Kernstück des Islam: „Ich spiele den muslimischen Gebetsruf ‚Azan‘ – ich, ein Jude“, sagt Feidman. „Ich spiele dieses Gebet auch in Kirchen.“ Für die Musik spielt es keine Rolle, ob Juden, Moslems oder Christen zuhören. Das sagen der 87-jährige Klarinettist und sein Komponist beinahe wortgleich. Im Konzertsaal gibt es für Feidman nur eine Gruppe von Menschen: Freunde.

Feidman hat „Azan“ schon vor dem Krieg gespielt. Fällt die Geste nach dem 7. Oktober schwerer? Nein, antwortet sein Freund und Komponist Majid Montazer. Und doch ist etwas anders: „Wenn er in den Konzerten ‚Azan‘ spielt, dann ist die Reaktion im Publikum emotionaler.“

In der Philharmonie gilt das auch für einen der neuen Songs: „Silent Heroes“, ein Lied von Trost und Dankbarkeit, hat nichts mit dem Nahen Osten zu tun. Feidman, Sohn argentinischer Juden, verbeugt sich darin vor den Gerechten unter den Völkern. „Etwa 20.000 Deutsche haben im Zweiten Weltkrieg Juden gerettet. Und 80 Jahre danach kommt einer der bekanntesten jüdischen Künstler nach Deutschland, um sich bei diesen ‚stillen Helden‘ zu bedanken, und widmet ihnen das Werk”, sagt Montazer über sein Werk. „Diese Kraft von Menschlichkeit und Liebe soll eine friedliche Bewegung in Gang setzen, und das ist es, was wir mit der ‚Revolution of Love‘ meinen.“

Für Feidman versinnbildlicht die Aussöhnung von Deutschland und Israel eine universale Menschlichkeit, die tiefste Gräben überbrückt. „Wir müssen uns klarmachen, was das bedeutet – was das für alle Kriege auf der Welt bedeutet.“

Die Worte bilanzieren auch ein Leben im Zeichen der Versöhnung. Im März feiert Feidman seinen 88. Geburtstag. „I am 87. Siebenundachtzig Jahr“, sagt er in seinem Mix aus Englisch und Deutsch. Ist er jetzt also alt, fragt er selbst? „I don’t know“ – er weiß es nicht. „Die Seele is not old.“

Er hat recht. Auf der Bühne, in seinen goldenen Lackschuhen, ist der vor Begeisterung vibrierende Feidman beides zugleich: Ein Mann, der auf die 90 zugeht. Und ein übermütiges Kind. „Hallelujah“, „Donna Donna“, „Shalom Chaverim“: Das Berliner Publikum lässt er eine Nummer nach dem anderen mitsingen. Als Zugabe improvisiert er am Ende dann „Hänschen klein“. Der Saal, eben noch im Gedenken an den Holocaust verbunden, stimmt fröhlich mit ein.

Termine im Norden: Giora Feidman musiziert in Osnabrück (Katharinenkirche, Dienstag, 16. Januar 2024), Lübeck (Kolosseum, 17. Januar), Kiel (St. Nikolai, 18. Januar) und Schwerin (Schelfkirche St. Nikolai, 19. Januar). Die CD „Revolution of Love“ erscheint bei Macc Records.

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