Kuhstedt/Bremen Fluthelfer kaufen kompletten Kiosk leer: Mettbrötchen-Frühstück bei Annette
Als an Weihnachten in Niedersachsen das Hochwasser kam, half Annette Böschen aus: Sie betreibt einen Kiosk im kleinen Ort Kuhstedt – und rückte fast alle ihre Vorräte für die Helfer heraus. Ein Ortbesuch im Morgengrauen.
Es ist 4.45 Uhr, stockdunkel, die B74 ist mit Rauhreif überzogen. Fast niemand ist unterwegs an diesem kalten Morgen im Januar, nicht einmal den versprochenen Wildwechsel gibt es, trotz vieler Warnschilder. In Kuhstedt aber brennt Licht: Gleich hinter der Bushaltestelle ist der Kiosk von Annette Böschen. Seit einer Viertelstunde ist hier offen, Annette und ihr Mann Wolfgang haben schon Kaffee aufgesetzt und warten jetzt auf die Brötchen. Die kommen um fünf und dann wird geschmiert: Erstmal Mett. „Ein bisschen ist das hier wie bei Frühstücken mit Stefanie“, sagt Annette Böschen fröhlich.
Nach Mett kommt Leberwurst, später noch Käse, Mettwurst und sogar Lachs mit Ei. „Wir gehören zu den wenigen, die noch Leberwurst anbieten“, sagt Annette Böschen, während sie im Akkord die knusprigen Brötchen aufschneidet und mit Butter bestreicht. „Da kann’s draußen 30 Grad sein und die Leute wollen Leberwurstbrötchen. Verrückt.“, sagt sie und bringt das erste Tablett nach vorne in die Auslage.
„Die Leute“, das sind ihre Kunden: Hauptsächlich Handwerker auf dem Weg zur Arbeit oder auch Trucker in Richtung Bremerhaven. Ein erster Kunde betritt den kleinen Laden, er trägt die Kluft einer Spedition. „Hier oder mitnehmen?“ fragt Annette nur – wie er seinen Kaffee trinkt, das weiß sie längst. Heute will er ihn mitnehmen. „Fahr vorsichtig!“
Dass man sich hier kennt, war an Weihnachten ein echter Glücksfall: Da nämlich bekam Annette Böschen einen Anruf. Eine Mitarbeiterin der Gemeinde Lilienthal war bei ihren Eltern in Kuhstedt zu Besuch, als am ersten Weihnachtstag die Lage an der Wörpe brenzlig wurde. „Hast du noch 200 Liter Wasser?“, fragte sie die überraschte Kioskbesitzerin, die gerade auf dem Weg zu einer Familienfeier war.
„Ja, und dann kam sie mit ihrem Vater und dem Hänger und hat eingeladen. Wasser, Kakao, Red Bull, Bockwurst, Toast, Snickers“ – fast alles, was der kleine Kiosk hergab. Verpflegung für die Helfer, die in Lilienthal gegen das steigende Hochwasser kämpften. „Es hatte ja sonst keiner auf“, sagt Annette Böschen, und dass man eben helfen müsse. „Ein bisschen was haben wir noch hier behalten, für unsere eigenen Kunden nach Weihnachten.“ Viel aber war es nicht. Gut wiederum für die Inventur Anfang Januar, „da mussten wir nicht so viel durchzählen“, sagt Böschen und lacht fröhlich.
Seit 25 Jahren betreiben sie und ihr Mann Wolfgang den Laden, der sich zwar bescheiden „Kiosk“ nennt, aber in Wahrheit sehr viel mehr ist: Es gibt eine Kaffeecke, wo ab neun Uhr die Rentner sitzen. Es gibt eine Fußballtippgemeinschaft. Auch sein Glück im Lotto kann man hier versuchen. Das Sortiment reicht von frischen Eiern über Würstchen, Zigaretten und Zeitschriften bis hin zu Trauerkarten und Scheibenwaschmittel.
Im Büro steht schon fertig der Präsentkorb für eine 101-jährige Dorfbewohnerin: Den hat die Gemeinde bestellt. „Ab 80 Jahren gibt es den kleinen, wenn man über 100 ist den großen Präsentkorb.“ Die Jubilarin darf sich über Melittakaffee und Haribo, über Erfrischungsstäbchen und eine große Dose Erasco-Eintopf freuen.
Jetzt im Winter sei es ruhig, erzählen Böschen und ihr Mann, bei Frost seien nicht so viele Handwerker unterwegs. Dennoch kommen und gehen stetig Kunden und holen sich ihre belegten Brötchen für den langen Arbeitstag. „Tomaten haben wir abgeschafft“, sagt Annette, während sie die nächste Lage Käsebrötchen in der kleinen Küche hinter dem Verkaufsraum schmiert, „die lagen immer auf dem Parkplatz.“ Auch sonst hat sich viel verändert im Laufe der Jahre: „Früher haben wir 120 Bildzeitungen verkauft, jetzt noch 20.“ Wenn vier Leute in einem Handwerkerbus saßen, wollten auch alle ihre eigene Zeitung haben, erzählt sie. „Heute gucken die meisten ja nur noch aufs Handy.“
Ihre Öffnungszeiten haben sie inzwischen etwas reduziert: Werktags von 4.30 Uhr bis 10.30 Uhr ist geöffnet. Anders als früher haben Annette und ihr Mann jetzt auch mal ein Wochenende. Dennoch gilt: „Ich brauch immer mehr Stress als Ruhe.“ Ins Bett gehen die Böschens meistens schon um halb neun, bei Einladungen müssen sie immer als erste nach Hause. Dafür essen sie manchmal schon um 11 Uhr Mittag – kein Wunder bei den Arbeitszeiten. Da ist es auch ganz normal, wenn während des Brötchenschmierens morgens um halb sechs die Tochter anruft – die ist bei der Polizei und hat Schichtdienst.
Nach dem Schmieren ist kurz Zeit für eine Zigarette draußen in der Kälte. Einmal durchatmen. Und dann geht’s weiter: „Hast du gemerkt, wie heiß der Kaffee ist?“, fragt Böschen. „Die Leute sagen immer, der reicht bis Hamburg.“ Es klingt ein bisschen stolz – und stimmt auch in die entgegengesetzte Richtung. Kurz vor Bremen geht langsam die Sonne auf – und der Kaffee aus Kuhstedt ist immer noch warm.
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