Berlin  Deutschland, deine Wagen: Das illegale Autogeschäft der Clans

Pascal Bartosz
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Von Pascal Bartosz
| 14.01.2024 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die meisten Verkäufer brauchen fast vier Monate, bis sie ein Fahrzeug absetzen. Clan-Firma A. verkaufte ihre Wagen nach zwei, drei, vier Tagen. Foto: imago images/Steinach
Die meisten Verkäufer brauchen fast vier Monate, bis sie ein Fahrzeug absetzen. Clan-Firma A. verkaufte ihre Wagen nach zwei, drei, vier Tagen. Foto: imago images/Steinach
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Auf dem Parkplatz eines Brandenburger Gewerbegebiets stehen 60 Mittelklassewagen. Briefkästen mit arabischen Namen hängen an der Einfahrt, ein „Beirut-Snack“ genannter Imbiss wirbt um Gäste. Sieht so Deutschlands lukrativster Gebrauchtwagenhandel aus?

Die Männer, die auf diesem Autoplatz nahe der A10 südlich von Berlin seit 2017 Gebrauchtwagen verkaufen, hatten Schwierigkeiten, ihr Bargeld unterzubringen. Vor zwei Jahren wurde ein mutmaßlicher Kurier mit 800.000 Euro erwischt, mit denen er in den Libanon fliegen wollte.

Der wegen kleiner Delikte aktenkundige Berliner gehörte zum Umfeld dreier Clans: Die Großfamilien E., M., A. verdienten – zumindest zuletzt – nicht an Drogen, Raub, Schutzgeld, sondern an Gebrauchtwagen.

Vielleicht müssen dem, was es über die Gebrauchtwagenhändler am „Beirut-Snack“ zu sagen gibt, ein paar Sätze vorangestellt werden: Versierte Täter versuchen illegale Geschäfte so aufzuziehen, dass sie legitimen Unternehmungen ähneln, sie imitieren die Abläufe der Legalwirtschaft. Erstens, weil auch seriöse Firmen profitabel sind, man also von ihnen lernen kann. Und zweitens, weil es der Justiz dann schwerer fällt, Verbrechen zu erkennen.

Die Autohändler der erwähnten Großfamilien leben überwiegend in Neukölln. Ein harter Kern von 20 Männern betrieb neben dem in Brandenburg weitere Autoplätze in Berlin. Ermittler schätzen, dass sie in den vergangenen fünf Jahren 50 Millionen Euro umsetzten. Acht, neun, vielleicht zehn Millionen Euro davon dürften Gewinn gewesen sein.

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Prozesse dazu stehen erst an, es gilt die Unschuldsvermutung. Bekannt aber ist, dass die Männer zu jenen Clans zählen, die das Bundeskriminalamt der Organisierten Kriminalität zurechnet: Diese zeichne sich durch „Straftaten durch Angehörige ethnisch abgeschotteter Subkulturen“ aus – oft aus dem Libanon.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser sagte, man arbeite daran, kriminelle Clans frühzeitig zu erkennen und illegales Vermögen zu beschlagnahmen. Die SPD-Politikerin setzt damit die Linie ihres Vorgängers fort. Einfach ist die Aufgabe allerdings nicht – obwohl die Verdächtigen nicht über eine betriebswirtschaftliche Ausbildung, geschweige denn einen Jura-Abschluss verfügen.

Und doch basierte das Geschäft auf einer legalen Vorschrift. In Europa gibt es eine Regel, wonach auf Ausfuhren aus einem EU-Staat in einen anderen keine Umsatzsteuer anfällt. Die Steuer entrichtet erst der Endverbraucher, also derjenige, der die Ware im Zielland kauft. Das soll den innereuropäischen Handel ankurbeln.

Deshalb wird auf jedem Kassenbon die Umsatzsteuer ausgewiesen – außer in einem Duty-Free-Shop. In der Transitzone des Flughafens zahlt der Konsument keine Steuer, weil er den Staat de jure schon verlassen hat. Von diesem Duty-Free-Prinzip im EU-internen Handel erfuhren auch die Clans.

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Angehörige der Familien E., M., A. leben im Libanon, Deutschland, den Benelux-Staaten. In Berlin gründeten einige der Clan-Männer 2017 einen Autohandel A. Regelmäßig trafen sie sich mit Gebrauchtwagenhändlern in den Benelux-Staaten. Clan-Firma A. aus Berlin orderte unter anderem bei Händler B. in Brüssel 30 Wagen pro Monat.

Tatsächlich wurden die Wagen nach Deutschland gefahren. Gleich nach der Grenze in Nordrhein-Westfalen arbeiten legale Zulassungsdienste, die für Autohäuser und Fahrzeugvermietungen die Anmeldungen erledigen. Die Clan-Männer legten diesen Diensten die legitimen Fahrzeugpapiere aus Belgien vor.

Die Autos wurden zügig für den Transit in der Bundesrepublik angemeldet, erhielten deutsche Übergangsnummernschilder und Fahrzeugpapiere. Nachdem die Wagen im Berliner Umland ankamen, bewarben die Clan-Männer sie auf Online-Portalen. Auf dem erwähnten Autoplatz der Firma A. besichtigten bald Interessierte die Fahrzeuge. Beliebt: Mercedes GLC, Audi A 6, VW-Passat Variant.

Ein seriöser Gebrauchtwagenhändler bietet einen drei Jahre alten VW-Passat für 20.000 Euro an. Wenn er sparsam wirtschaftet, macht er mit einem solchen Verkauf fast 3000 Euro Erlös. Auf dem Autoplatz mit dem „Beirut-Snack“ war der gleiche Wagen im gleichen Zustand für 18.000 Euro zu haben. Wohlgemerkt: Die Wagen waren weder gestohlen noch kaputt. Zuweilen reichten den Käufern sogar belgische Papiere, spätestens die Überführungszulassungen aus NRW überzeugten dann.

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Bei diesem Geschäft war nicht nur der Gewinn pro Wagen größer als bei den Wettbewerbern, sondern auch der Gesamtumsatz. Weil die Händler aus den Großfamilien günstiger waren, wurden ihre Angebote in den Autoportalen immer beliebter.

In diesem Karussell, wie Ermittler es nennen, profitieren alle. Der Brüsseler Autohändler konnte sich darauf verlassen, dass seine Wagen massenhaft gekauft werden. Die Berliner zahlten zudem höhere Preise als andere Abnehmer, denn die Clan-Männer mussten sich wegen der falschen Ausfuhrstempel auf den Belgier verlassen können.

Die Clans profitierten, weil sie viel Gewinn machten und den regionalen Gebrauchtwagenhandel dominierten. Wäre das ungestört weitergelaufen, befürchten die Ermittler, hätten viele seriöse Händler aufgegeben.

Auch die Kunden hatten einen Vorteil, waren die Wagen aus dieser Brüssel-Berlin-Connection doch günstiger. Dass die Autos steuerrechtlich nicht in Deutschland verkauft wurden, ist im Alltag der Nutzer egal. Und sollten Polizisten etwa in Warschau dies je moniert haben, war der Verkäufer in Berlin weit weg.

Die Masche funktioniert bis heute, weil Kfz-Zulassungsstellen und Finanzämter ihre Daten nicht abgleichen, schon gar nicht über Bundesländer hinweg.

Einige aus den Familien E., M. und A. handeln nach wie vor mit Gebrauchtwagen. Inzwischen, so ist in Neukölln zu hören, verkaufen sie gern an Ukrainer. Sie tun das nun seltener auf Autoplätzen, sondern öfter am Straßenrand. Beispielsweise stehen dann um die Tempelhofer Ullsteinstraße auffallend viele VW-Passat Variant.

Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel in Berlin

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